05.07.2017

Die Erfindung der Wahrheit

Von Manuela Fritz


© KERRY HAYES / 2016 EUROPACORP - FRANCE 2 CINÉMA - TOUS DROITS RÉSERVÉS.

Was ist Wahrheit? Ein absolutes Faktum oder ein relatives Konstrukt? Kann man Wahrheit konstruieren? Offenbar schon. Jessica Chastain scheint in ihrer neusten Rolle die Fertigkeiten und die Skrupellosigkeit zu besitzen, eine Version von Wahrheit zu schaffen, die für die politischen Ziele ihrer Klienten von Nutzen ist.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 




Die Erfindung der Wahrheit
USA, F 2016 | Universum Film GmbH
Start: 06. Juli 2017
Regie: John Madden
Darsteller: Jessica Chastain,
Mark Strong, Sam Waterston

 

 

 

 


Im Auftrag der amerikanischen Waffenlobby wird die skrupellos-zielstrebige und erfolgreiche Lobbyistin Elizabeth Sloane angeheuert dafür zu sorgen, die Verabschiedung eines Gesetzes zur schärferen Waffenkontrolle der USA zu verhindern. Zur Überraschung ihres Teams steigt Sloane aber plötzlich aus, um zur Gegenseite - den Waffengegnern - zu wechseln und für deren Partei Politik zu machen. Fortan muss sie sich nicht nur damit auseinander setzten, wie sie möglichst viele Stimmen für ihre Seite gewinnen kann, sondern auch mit den Racheambitionen ihres ehemaligen Arbeitsgebers, der sie vor Gericht und aus dem Lobbyismus-Verkehr ziehen möchte…


© KERRY HAYES / 2016 EUROPACORP - FRANCE 2 CINÉMA - TOUS DROITS RÉSERVÉS.

Miss Sloane (wie der Film im amerikanischen Original heißt), mit ihren perfekt sitzenden Haaren, den makellosen Nägeln und der abgeklärten Attitude, scheint der Inbegriff der abgebrühten Lobbyistin zu sein. Dass bei solchen Menschen privat etwas Großes im Argen liegt, ist nichts Neues. Was bei „Die Erfindung der Wahrheit“ allerdings neu ist, ist die Tatsache, dass man nicht mit langeiligen Klischee-Gründen, wie einer lieblosen Kindheit, als Erklärung für ihre scheinbare Gefühlskälte konfrontiert wird. Im Ansatz wird ihr Mangel an Sozialkompetenz beleuchtet, die kitschige Universal-erklärung für die menschlichen Defizite bleibt aber aus. Das nimmt dem Film keineswegs die Seele. Es macht Elizabeth Sloane unsympathisch sympathisch. Auch wenn der Film technisch gesehen nichts Besonderes ist, ist er trotz Überlänge spannend bis zu letzten Minute. Wer große Bilder sucht, der wird sie nicht finden. Auch die Filmmusik bleibt einem nicht im Ohr. Sie ist so unterschwellig, dass sie zwar wahrgenommen wird, aber im Angesicht der Handlung und der ausdrucksstarken Performance von Chastain gänzlich untergeht. Wie ein Signalverstärker wirkt allerdings die Lichtinszenierung.

Die Bilder haben ein düsteres Tembre und untermalen die ernste, sachliche Stimmung. Zu Lieblingsszenen werden die Momente, in denen Elizabeth ganz bei sich selbst und dabei wiederum im Kampf mit sich selbst ist. Chastain schafft es, den Film nahezu im Alleingang zu tragen. John Maddens (u.a. „Shakespeare in Love“) neuster Film ist Chastains „Zero Dark Thrity“ – Teil 2: eine von Männern dominierte Welt, Waffen und eine kick-ass woman, die sich (verbal und mental) zu behaupten weiß. Der übrige Cast (u.a. John Lithgow, Mark Strong, Alison Pill) ist ebenso namenhaft wie überzeugend, wird aber zugegebener-maßen von Chastain an die Wand gespielt. Getoppt wird der Film mit einem raffinierten Ende, welches dem Film zusätzlich das Qualitätsmerkmal „sehenswert“ verleiht. Es kommt heutzutage selten vor, dass man das Ende eines Filmes nicht schon nach den ersten zehn Minuten vorhersehen kann. Wer also auf spannende Polit-Thriller steht, wird „Die Erfindung der Wahrheit“ sicherlich mögen.


© KERRY HAYES / 2016 EUROPACORP - FRANCE 2 CINÉMA - TOUS DROITS RÉSERVÉS.

Aber nicht nur die Spannung steht im Vordergrund. Das Thema „Waffen“ ist eines, welches die USA seit Jahrzehnten beschäftigt und auch in der internationalen Politik eine große Rolle spielt. Spätestens seitdem ein deutscher Student während seines Auslandsjahres in den USA von einem US-Bürger erschossen wurde, nachdem er dessen Grundstück betreten hatte. In vielen Bundesstaaten in Nordamerika ist es erlaubt sein Hab und Gut mit Waffen zu verteidigen. Der Zugang zu legalen Waffen ist unfassbar einfach, was die Gefahr birgt, dass nahezu jeder in den Besitz kommen und Menschen gefährden kann. Ironischerweise werden - statistisch gesehen - Leute, die eine Waffe besitzen oder zumindest bei sich tragen, häufiger erschossen, als solche, die keine zur Hand haben. Und auch Massaker, wie sie an amerikanischen Schulen und Universitäten überdurchschnittlich oft vorkommen, werden um ein vielfaches erleichtert durch die verhältnismäßig lockeren Waffengesetze der USA.

Für den Amerikaner ist das Recht auf den Besitz von Waffen so selbstverständlich wie das Wahlrecht und verfassungsmäßig verankert. Jedoch ist dieses Grundrecht kein unumstrittenes und sorgt vor allem im Wahlkampf regelmäßig für erhitze Gemüter in der Politik und der Bevölkerung. Angesichts dieser Problematik hat sich eine große Waffenlobby mit ebenso großer Gegenseite gebildet. Lobbyismus versteht sich als eigene Form der Politik mit großem Einfluss auf politische Entscheidungen und noch größeren Unsummen an Geldern, welche fließen, um diese Entschlüsse zu bekräftigen - eine fancy Art von Korruption im weitesten Sinne. Geld, Macht und Politik sind längst Synonyme geworden und das nicht nur in der US-amerikanischen Politik. Auch in Deutschland ist Lobbyarbeit gängige und wirkungsvolle Praxis. Alle großen Interessengruppen, sei es die Zucker-, die Tabak- oder die Alkoholindustrie, alle wollen ihre Interessen politisch vertreten sehen und sind bereit dafür den ein oder anderen Euro auszugeben, damit ein Politiker oder eine Partei Werbung in eigener Sache betreibt. Abgesehen von der hochexplosiven und ständig aktuellen Thematik, machen die geschickte Inszenierung von Spannung und die brillante Hauptdarstellerin „Die Erfindung der Wahrheit“ zu einem absoluten Filmtipp für den Juli.