27.09.2017

„Wer hat Angst vorm schwarzen Mann?“

Von Manuela Fritz


© Warner Bros. GmbH

Niemand - seit 1990 die Verfilmung des Bestseller Romans "ES" von Stephen King im amerikanischen Fernsehen ausgestrahlt wurde. Dort lehrte uns ein Horrorclown das Fürchten. 27 Jahre später, im Jahr des siebzigsten Geburtsages des Schaffers Stephen King, kommt am 28. September das Kino-Remake in die deutschen Kinos.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 





ES
USA 2017 | Warner Bros.
Start: 28. September 2017
Regie: Andy Muschietti
Darsteller: Bill Skarsgård, Jaeden Lieberher, Finn Wolfhard


Im Gegensatz zum Fernsehfilm, welcher auf zwei Zeitebenen spielt, zeigt Andy Muschiettis Version nur die Kindheit des „Loser’s Club“. Dieser besteht aus den Außenseitern der amerikanischen Kleinstadt Derry: Bill der Stotterer, Ben der Dicke, Richie die Brillenschlange, Eddie der Allergiker, Mike der Schwarze, Stan der Jude, Beverley das verrufene Mädchen.

Die Kinder werden von einem kinderfressenden Dämon in Gestalt eines Zirkus-Clowns namens „ Pennywise - der tanzende Clown“ heimgesucht und mit ihren größten Ängsten konfrontiert. Dem hypochondrischen Allergiker Eddie zum Beispiel begegnet ein verwahrloster Obdachloser mit eitrigen Wunden. Von diesen Ängsten zehrt der Clown, der alle 27 Jahre (ein durchaus netter Hint, das Remake parallel zu der Zeitspanne der Handlung zu veröffentlichen) durch die Kanalisation nach Derry kommt um hilflose Kinder zu verspeisen. Der „Loser’s Club“ um Bill, dessen Bruder Georgie ebenfalls zum Opfer von Pennywise geworden ist, hat es sich zur Aufgabe gemacht die verschollenen Kinder zu suchen und dem mörderischen Treiben ein Ende zu setzen.


© Warner Bros. GmbH

Im Film von Regisseur Muschietti wird nicht nur diese Zeit, sondern auch das Erwachsenenalter der Freunde gezeigt. Die Handlung wurde in der Neuauflage in zwei Teile unterteilt. Mit großen Erwartungen wurde die Neuauflage des Horror-Klassikers ersehnt. Leider muss man aber folgendes feststellen: Die großen Schauermomente bleiben aus! Mit Grauen denke ich an den Fernsehfilm und die Szene zurück, in der Bills Mutter „Für Elise“ auf dem Klavier spielt. Bis heute kann ich das Klavierstück von Ludwig van Beethoven nicht hören, ohne an „Es“ zu denken. Solche einprägenden Szenen wird man leider im Remake vergebens suchen. Unabhängig vom Vergleich mit dem Fernseh-Vorgänger schafft es der Film nicht, eine gruselige Grundstimmung aufzubauen. Er wirkt wie eine bloße Aneinanderreihung von überblutigen Spezialeffekten.

Der Mythos „Gruselclown“ wird aufgehoben und Pennywise zu einer Karikatur seiner selbst. Mit überlangen Armen und glühenden Augen, welche so wenig gruselig sind, wie die platten Sprüche von “Trashmouth“-Richie zum Lachen verführen – nämlich gar nicht.


© Warner Bros. GmbH

Hervorzuheben jedoch ist der gute Cast. Alle Kinderdarsteller brillieren in ihren Rollen und schaffen es die verschiedenen Gefühle der Figuren authentisch rüberzubringen. Der emotionale Kampf zwischen Todesangst und Mut ist in allen Gesichtern abzulesen. Bill Skargard schafft es perfekt einen psychopathischen Blick in das weiß geschminkte Clown Gesicht zu zaubern, welcher einem ernsthaft Angst macht. Versaut wird sein künstlerischer Einsatz allerdings durch die CGI-Abteilung der Filmproduktion. In diesem Fall ist die Verwendung der virtuellen Bildbearbeitung komplett nach hinten losgegangen. Spätestens als dem Clown „Alien“-artige Zähne gewachsen sind, wurde einem der letzte Schauer genommen. Man fühlt sich von der Kanalisation in den Weltraum versetzt. Clowns sind gerade deshalb gruselig, weil sie wie verfremdete Menschen aussehen. Studien zufolge mögen die meisten Menschen keine Clowns. Demnach ist der Roman von King bestes Material für einen richtigen Horrorschocker. Leider dachten sich die Filmemacher des Remakes, dass sie möglichst tief in die Animationskiste hätten greifen müssen, um den tanzenden Clown wieder zum Leben zu erwecken. Leider wurde mit dieser Taktik das Gegenteil bewirkt und die Bilder zum Einschlafen langweilig gemacht.

Doch King’s Roman sollte nicht bloß auf seine Horror-Ebene reduziert werden. Nicht zufällig sind die Hauptdarsteller eine Gruppe von sozialen Außenseitern, die es mit vereinten Kräften schaffen, sich Pennywise entgegen zu stellen. Hier wird ganz klar eine Botschaft zum Ausdruck gebracht – Ungleichheiten zu überwinden und sich seinen Ängsten aus eigener Kraft zu stellen. Es gibt Lesarten, die in der Kind-Clown Konstellation pornografische Elemente deuten. Das Einverleiben von Kinderfleisch ist tatsächlich ein zweideutiges Motiv. Jedoch lässt die Handlung auch eine weit weniger anstößige Deutung zu: Lediglich die Kinder können den Clown und die von ihm verursachten Visionen sehen. Die Erwachsenen können den Horror nicht wahrnehmen. Ängste haben auch immer etwas mit Fantasie zu tun. Je älter man wird, desto rationaler werden auch die Gedanken, Ängste werden enttarnt.

„Es“ beschreibt eine Art negierten „Peter Pan-Effekt“: aus der Angst zu altern wird der Wunsch den kindlichen Gedanken und Phobien zu entfliehen und sich zu befreien. Wie auch immer man die Geschichte interpretieren mag, es bleibt abzuwarten, ob Teil 2 es schafft, den Gruselfaktor nach oben zu treiben. Der Kinostart ist für 2019 geplant.