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Startseite > Meinung > Kommentar | 06.02.2019

KOMMENTAR
Vergangenheit und Zukunft


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Kommentar

 

Der 3. März 2009 hat sich tief in das kollektive Gedächtnis der Stadt Köln eingegraben. An diesem Tag stürzte im Zusammenhang mit dem Bau einer neuen Stadtbahn-Linie das Historische Archiv der Stadt Köln samt zweier benachbarter Wohngebäude ein. Dabei wurden zwei Personen getötet und rund 90 Prozent des Archivguts verschüttet. Darunter befanden sich zahlreiche Geschichtsdokumente vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Das Archiv galt als eines der wertvollsten Deutschlands. Dieser tragische Unfall hat eine hohe symbolische Symbolkraft für den Zustand der Stadt. Schließlich überstand das Archiv sogar die Bombenangriffe der Alliierten im Zweiten Weltkrieg, fiel aber letztlich dem Pfusch und der Inkompetenz lokaler Entscheidungsträger zum Opfer.

Am 3. März 2009 geschah das Unfassbare: Das 1971 in Betrieb genommene Historische Archiv der Stadt Köln stürzte ein und riss zwei Nachbargebäude mit sich in den Abgrund. Dabei starben zwei Menschen und 36 Menschen wurden obdachlos. An diesem Tag starb das historische Gedächtnis der Stadt Köln. Die Restaurierung der verschütteten Dokumente könnte bis zu drei Jahrzehnte in Anspruch nehmen. Der finanzielle Gesamtschaden, soweit man diesen überhaupt beziffern kann, beträgt 1,2 Milliarden Euro. Doch die traumatischen Ereignisse rund um den Einsturz des Historischen Archivs der Stadt Köln waren nur der schreckliche Höhepunkt einer Entwicklung, die schon viel früher zum Abstieg führten. Seit 1971 teilte das Archiv das beklagenswerte Schicksal vieler öffentlicher Bauten in Köln: Es wurde nicht mehr ausreichend unterhalten.

Doch was sind die Gründe für den Umstand, dass so viele öffentliche Bauten in der Domstadt nicht mehr ausreichend unterhalten werden bis in die heutige Zeit? Allgemeine Sparzwänge sind nur ein Teil der Wahrheit. Schließlich geht es um das historisch-kulturelle Gedächtnis einer Millionenstadt. Sollten dafür nicht stets genügend finanzielle Mittel zur Verfügung stehen? Denn ohne Vergangenheit keine Zukunft. Aber diese Einsicht wird bisweilen gerne auf dem ideologischen Altar geopfert. Vielfach stehen Eigennutz und scheinbar fortschrittliche Politikkonzepte im Vordergrund. Das Wissen um die 2000-jährige Geschichte der Heimatstadt stört da nur und gilt als rückständig. Die logische Schlossfolgerung dieser verqueren Denkweise sind Kürzungen und der schleichende Verfall des Ortes, wo dieses Wissen präsent ist.

Konkreter Auslöser der Zerstörung des Stadtarchivs war vor zehn Jahren der Bau der Nord-Süd-Stadtbahn. Bei den Bauarbeiten kam es immer wieder zu Zwischenfällen. Schrecklicher Höhepunkt dieser Zwischenfälle war der Einsturz des Stadtarchivs am 3. März 2009. Für die Projektleitung verantwortlich war das Amt für Brücken und Stadtbahnbau der Stadt Köln. Vor dem Archiv befand sich eine große Baugrube, in der eine Gleiswechselanlage entstehen sollte. Trotz der Existenz von Schlitzwänden, die gegen das Grundwasser errichtet wurden, kam es zum massiven Wassereinbruch. Dadurch brach dem Gebäude der Untergrund weg. Die Folge war der Einsturz des Archivs und der beiden Nachbargebäude. Zehn Jahre nach den tragischen Ereignissen sah es das Kölner Landgericht als erwiesen an, dass der Einsturz auf einen schwerwiegenden Herstellungsfehler der Schlitzwände zurückzuführen sei. Das bedeutet Pfusch am Bau und eine grobe und massive Vernachlässigung von Aufsichtspflichten.

Im Anschluss wurden drei Angeklagte freigesprochen und ein vierter wegen fahrlässiger Tötung zu einer Bewährungsstrafe von acht Monaten verurteilt. Diese Ereignisse haben das Bürgervertrauen massiv gestört und zerstört. In einer zunehmend globalisierten Welt ist das Wissen um die kulturell-historischen Wurzeln wichtiger denn je. Nur wer sich der eigenen Identität bewusst ist kann sich auf Augenhöhe einbringen. Das Versagen der politischen Elite in Köln rund um den Einsturz des historischen Archivs macht deutlich, warum sich so viele Menschen von den etablierten Parteien abwenden und das System infrage stellen. Scheinbar abgehoben regiert die politische Elite am Volk vorbei und verschwendet Unsummen von Steuergeldern für ideologiegetriebene Projekte. Zugleich besteht keinerlei Unrechtsbewusstsein für eigene Fehler. Es wird Zeit, dass politisch Verantwortliche persönlich für ihr Handeln haften und zur Rechenschaft gezogen werden können. (RHT)

 

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