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DVD & BLU-RAY | 11.02.2026

KU’DAMM 77

Mit KU’DAMM 77 erreicht eine der prägendsten deutschen Serienchroniken der Nachkriegszeit einen neuen erzählerischen Höhepunkt. Die vierte Staffel verbindet Familienmelodram, Zeitporträt und feministische Geschichtsschreibung. Zwischen Disco-Euphorie, politischer Radikalisierung und persönlicher Selbstbestimmung entfaltet sich ein vielschichtiges Panorama der späten 1970er-Jahre. So wird die Geschichte der Familie Schöllack erneut zu einem Spiegel gesellschaftlicher Transformation.

von Franziska Winter


© LEONINE

Mit der vierten Staffel der populären Fernsehreihe Ku'damm führt Drehbuchautorin Annette Hess ihre ambitionierte Chronik weiblicher Selbstermächtigung in der Bundesrepublik fort. KU’DAMM 77 knüpft an die erzählerische Tradition der vorangegangenen Teile an, erweitert jedoch zugleich den Blick auf eine Generation, deren Lebensentwürfe zwischen gesellschaftlichem Aufbruch und familiären Bindungen neu ausgehandelt werden müssen. Das Ergebnis ist eine Staffel, die historische Atmosphäre mit emotionaler Intimität verbindet und sich als bemerkenswert präzises Zeitporträt der späten 1970er-Jahre erweist. Ein kluger dramaturgischer Kunstgriff erleichtert dabei den Wiedereinstieg in das vielschichtige Figurenensemble: Innerhalb der Handlung wird über die legendäre Tanzschule „Galant“ ein Filmprojekt realisiert. Eine junge Journalistin erhält den Auftrag, die Geschichte der Familie Schöllack zu dokumentieren – mit besonderem Augenmerk auf jene privaten Konflikte, die das Publikum angeblich am meisten interessieren. Diese Rahmenerzählung fungiert zugleich als narrative Orientierungshilfe und als Reflexion über mediale Geschichtsschreibung. Durch Interviews und Beobachtungen der Filmemacherin werden Beziehungen, vergangene Ereignisse und emotionale Bruchlinien neu beleuchtet. Im Zentrum stehen weiterhin die Frauen der Familie Schöllack, deren Lebenswege sich über mehrere Jahrzehnte hinweg mit den gesellschaftlichen Veränderungen der Bundesrepublik verschränkt haben. Monika ringt mit der Angst, ungewollt die konservativen Muster ihrer Mutter zu wiederholen. Helga kämpft mit den Folgen einer Alkoholabhängigkeit und einem tief verwurzelten Mangel an Selbstvertrauen. Eva wiederum tritt nach einer dramatischen Vergangenheit mit dem Willen auf, ihr Leben neu zu definieren. Über ihnen allen steht die matriarchale Figur der Mutter Catarina, eindrucksvoll verkörpert von Claudia Michelsen. Ihre Haltung bleibt geprägt von konservativen Überzeugungen und gesellschaftlichen Vorurteilen, die immer wieder schmerzhaft mit den Lebensentwürfen ihrer Töchter kollidieren. Gerade diese konfliktreiche Konstellation verleiht der Serie ihre dramatische Energie. In KU’DAMM 77 wird erstmals intensiver auf Catarinas eigene Vergangenheit eingegangen – ein erzählerischer Schritt, der die Figur differenzierter erscheinen lässt und ihre autoritäre Haltung in einen biografischen Kontext stellt. Die Serie entfaltet ihre Wirkung vor allem durch die konsequente Verbindung von Familienmelodram und gesellschaftlicher Analyse. Die privaten Konflikte der Figuren fungieren als Brennglas für größere historische Entwicklungen.


© LEONINE

Das Jahr 1977 markiert in der bundesdeutschen Geschichte eine Phase politischer Spannung: Terrorismus, ideologische Polarisierung und ein sich wandelndes gesellschaftliches Klima prägen die öffentliche Debatte. Die Serie integriert diese Ereignisse subtil – etwa durch Radiomeldungen oder beiläufige Gespräche –, wodurch sie als atmosphärischer Hintergrund für die persönlichen Geschichten fungieren. Gleichzeitig spiegelt KU’DAMM 77 zentrale Themen der Frauenbewegung wider. Fragen nach beruflicher Selbstverwirklichung, sexueller Selbstbestimmung und struktureller Diskriminierung durchziehen die Handlung. Besonders eindrucksvoll wird dies in jenen Szenen, in denen weibliche Figuren versuchen, in traditionell männlich dominierte Berufe vorzudringen oder sich gegen alltäglichen Sexismus zur Wehr setzen. Die Serie zeigt damit, wie tief gesellschaftliche Machtstrukturen in den Alltag eingeschrieben sind. Auch die jüngere Generation tritt stärker in den Vordergrund. Die Töchter von Monika und Helga verkörpern eine neue Haltung, die weniger kompromissbereit gegenüber gesellschaftlichen Normen erscheint. Ihr Selbstbewusstsein markiert eine Verschiebung innerhalb der Familiengeschichte – ein Hinweis darauf, dass die Kämpfe der älteren Generation allmählich Früchte tragen. Eine überraschende narrative Wendung bildet zudem die Rückkehr eines totgeglaubten Familienmitglieds, das neue Dynamiken innerhalb der Geschichte auslöst. Solche dramaturgischen Momente verleihen der Staffel eine zusätzliche Spannung und zeigen zugleich die Fähigkeit der Serie, melodramatische Elemente mit glaubwürdiger Figurenentwicklung zu verbinden. Neben der erzählerischen Struktur beeindruckt auch die audiovisuelle Gestaltung. Ausstattung, Kostüme und Frisuren rekonstruieren das Lebensgefühl der späten 1970er-Jahre mit großer Detailgenauigkeit. Disco-Kultur, Mode und Musik bilden eine ästhetische Oberfläche, hinter der sich gesellschaftliche Umbrüche abzeichnen. Besonders wirkungsvoll ist eine Szene, in der mehrere Generationen der Schöllack-Familie gemeinsam zu Disco-Rhythmen tanzen – ein Moment der seltenen Einigkeit, der zugleich Nostalgie und Aufbruchsstimmung vermittelt. So bestätigt KU’DAMM 77 eindrucksvoll die Stärke der Reihe als Generationenepos über weibliche Selbstbehauptung in der Bundesrepublik. Die Serie zeigt, wie persönliche Biografien und gesellschaftliche Transformation untrennbar miteinander verwoben sind – und wie das Ringen um Freiheit, Gleichberechtigung und Selbst-bestimmung über Generationen hinweg weiter-getragen wird. Die vierte Staffel erscheint am 13. März auf DVD und Blu-ray für das Heimkino und bietet damit Gelegenheit, dieses ebenso unterhaltsame wie historisch aufschlussreiche Serienkapitel erneut zu entdecken.


KU’DAMM 77

ET: 13.03.26: DVD & Blu-ray | FSK 12
R: Maurice Hübner | D: Emilia Schüle, Sonja Gerhardt, Maria Ehrich
USA 2025 | LEONINE


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