DVD
& BLU-RAY | 12.08.2026
RIDLEY
Der Ermittler, der nicht aufhören kann
„Ridley“
ist zurück – langsam, melancholisch und erfreulich unbeeindruckt
vom Geschwindigkeitsrausch moderner Serien. Adrian Dunbar gibt dem
pensionierten Ermittler eine faszinierende Mischung aus Autorität,
Erschöpfung und Verletzlichkeit. Zwischen nordenglischen Mooren,
Mordfällen und einem Jazzclub entsteht ein Krimi, der seine Konventionen
nicht versteckt. Gerade darin liegt die stille Eigenwilligkeit seiner
zweiten Staffel.
©
West Road Pictures & All3Media International
Ein
Mann zwischen den Welten
Alex Ridley ist
eigentlich schon fertig mit der Polizei. Pensioniert, institutionell
ausgemustert, könnte er sein Leben hinter sich lassen. Stattdessen
kehrt der ehemalige Detective Inspector als Berater zurück und
unterstützt seine frühere Protegée DI Carol Farman
bei neuen Mordermittlungen. Die zweite Staffel von „Ridley“,
am 31. Juli auf DVD erschienen, führt dieses eigentümliche
Zwischenleben konsequent fort. Das Entscheidende an der Figur ist
dabei weniger ihre kriminalistische Brillanz als ihre Position zwischen
zwei Welten. Ridley besitzt die Erfahrung eines langjährigen
Polizisten, aber nicht mehr dessen institutionelle Macht. Er kennt
die Mechanismen der Ermittlungsarbeit, gehört ihnen jedoch nicht
länger vollständig an. Genau aus dieser Differenz gewinnt
Adrian Dunbars Darstellung ihre melancholische Spannung. Dunbar, der
als Superintendent Ted Hastings in „Line of Duty“ selbst
eine der markantesten Polizeifiguren des britischen Fernsehens verkörpert
hat, spielt Ridley auffallend zurückgenommen. Seine Autorität
entsteht nicht durch Lautstärke, sondern durch Beobachtung. Dieser
Mann wirkt weniger wie jemand, der noch etwas beweisen möchte,
als wie jemand, der schlicht nicht gelernt hat, wegzusehen.
Die
Landschaft als Gedächtnis
Die vier neuen
Fälle – darunter ein Juwelenraub mit tödlichem Ausgang,
ein Leichenfund im Wald, eine Schießerei bei einem illegalen
Rave und das Verschwinden einer Frau – sind solide Variationen
des klassischen britischen Kriminalfilms. Wirklich bemerkenswert ist
jedoch, wie „Ridley“ seine Schauplätze inszeniert.
Das nordenglische Hinterland ist keine dekorative Postkartenkulisse.
Moor, Wald, Dörfer und abgelegene Häuser bilden eine regelrechte
Gedächtnislandschaft. Die Kamera lässt den Orten Zeit, bevor
die Handlung sie wieder in Bewegung setzt. Dadurch entsteht eine Mise-en-scène,
in der der Raum selbst zum Träger von Vergangenheit wird. Hier
liegt auch die offensichtliche Verwandtschaft mit „Vera“.
Wie die inzwischen abgeschlossene Krimiserie interessiert sich „Ridley“
weniger für spektakuläre Großstadtkriminalität
als für das Verhältnis zwischen Verbrechen und Gemeinschaft.
Ein Mord erschüttert nicht einfach eine Handlung, sondern legt
soziale Beziehungen frei, die bereits vorher von Misstrauen, Loyalität
und alten Verletzungen geprägt waren. Das Erzähltempo ist
entsprechend gemächlich. Für Zuschauer, die vom zeitgenössischen
Streaming-Fernsehen permanente Wendungen und Cliffhanger erwarten,
kann das beinahe anachronistisch wirken. „Ridley“ vertraut
dagegen darauf, dass Atmosphäre selbst Spannung erzeugen kann.
Konvention
als ästhetische Entscheidung
Natürlich
hat diese Beharrlichkeit ihren Preis. Nicht jeder Fall ist dramaturgisch
so raffiniert, wie es seine lange Laufzeit erwarten lässt. Manche
Verdachtsmomente sind vorhersehbar, einige Nebenfiguren bleiben funktional,
und die Auflösungen besitzen nicht immer jene psychologische
Tiefe, die die sorgfältige Inszenierung verspricht. Doch gerade
hier sollte man die Serie nicht an den falschen Maßstäben
messen. „Ridley“ möchte das Krimigenre nicht revolutionieren.
Die Serie arbeitet vielmehr innerhalb einer traditionsreichen britischen
Form und variiert sie über ihre Figuren, Räume und Stimmungen.
Die Serialität funktioniert deshalb anders als bei vielen Streamingproduktionen.
Nicht eine große fortlaufende Handlung bindet den Zuschauer
an die Staffel, sondern die wiederkehrende Figur. Die Fälle kommen
und gehen; Ridley bleibt. Seine Entwicklung vollzieht sich weniger
durch spektakuläre Transformation als durch die fortgesetzte
Konfrontation mit einer Vergangenheit, die er offenbar nie vollständig
verlassen kann.
©
West Road Pictures & All3Media International
Und dann beginnt er zu singen
Der eigentümlichste Einfall der Serie
ist Ridleys musikalisches Leben. Als Betreiber eines Jazzclubs findet
der pensionierte Polizist einen Gegenraum zu seiner früheren
Existenz. Hier wird nicht ermittelt, hier wird improvisiert. Das ist
mehr als ein skurriles Charakterdetail. Der Jazzclub erweitert die
Figur um eine zweite Ausdrucksform. In der Polizeiarbeit muss Ridley
analysieren und rekonstruieren; auf der Bühne darf er intuitiv
und emotional sein. Die Musik wird damit zu einer Art Gegenwelt zur
Rationalität der Kriminalermittlung. Nicht jede dieser Passagen
fügt sich vollkommen organisch in den Krimiplot. Bisweilen wirkt
der Wechsel zwischen Mordfall und Musik beinahe wie ein bewusst gesetzter
Fremdkörper. Trotzdem ist gerade diese Irritation produktiv.
Der Jazzclub verhindert, dass Ridley lediglich als weitere Variante
des müden britischen TV-Ermittlers erscheint. Er singt, weil
er außerhalb seines alten Berufs eine Identität braucht.
Ein altmodischer Krimi
mit erstaunlicher Widerständigkeit
Die zweite Staffel von „Ridley“
ist damit weder revolutionär noch makellos. Ihre Fälle sind
konventionell, ihr Tempo langsam und ihre Dramaturgie gelegentlich
behäbig. Gleichzeitig besitzt die Serie etwas, das im gegenwärtigen
Serienangebot fast schon widerständig wirkt: Vertrauen in Schauspiel,
Landschaft und Dauer. Adrian Dunbar macht aus Ridley keinen genialischen
Superdetektiv, sondern einen Mann, dessen berufliche Vergangenheit
und private Gegenwart nicht mehr sauber voneinander zu trennen sind.
Die Zusammenarbeit mit Carol Farman verhindert dabei, dass seine Erfahrung
zur nostalgischen Verklärung des alten Ermittlers gerät.
Sie erinnert daran, dass Ridley zwar außerhalb der Institution
steht, aber weiterhin von ihr geprägt ist. Am Ende ist deshalb
nicht der jeweilige Täter die interessanteste Figur der Staffel,
sondern Ridley selbst. Er ist ein Ermittler nach dem Ende seiner Ermittlerkarriere,
ein Mann zwischen Erinnerung und Gegenwart, Polizei und Privatleben,
Rationalität und Musik. „Ridley“ ist nicht besonders
modern. Und vielleicht ist genau das seine Stärke. Während
andere Serien immer schneller, komplexer und spektakulärer werden
wollen, erlaubt sich diese britische Krimireihe die altmodische Überzeugung,
dass ein guter Schauspieler, eine überzeugende Landschaft und
ein sorgfältig erzählter Mordfall manchmal genügen.
Ridley muss dafür nicht einmal aufhören zu singen.
RIDLEY
- Staffel 2
ET:
31.07.26: DVD | FSK 12
C: Jonathan Fisher, Paul Matthew Thompson | D: Adrian Dunbar, Bronagh
Waugh
Großbritannien, USA, Deutschland, Saudi-Arabien, Katar 2026
| Polyband
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