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DVD & BLU-RAY | 22.05.2026

FOOD FOR PROFIT
Die industrielle Normalisierung des Grauens

Ein Dokumentarfilm als politischer Weckruf gegen die industrielle Entfremdung von Leben und Verantwortung. „Food for Profit“ verbindet investigative Recherche mit einer fundamentalen Kritik europäischer Agrarpolitik. Zwischen Tierleid, ökologischer Zerstörung und institutionalisierter Profitlogik entsteht das Porträt eines Systems in moralischer Schieflage. Der Film entwickelt sich dabei zu einem der wichtigsten gesellschaftspolitischen Dokumentarwerke der jüngeren Zeit.

von Franziska Keil


© Pueblo Unido

Mit „Food for Profit“ legen die Journalistin Giulia Innocenzi und der Filmemacher Pablo D'Ambrosi einen Dokumentarfilm vor, der weit über die bloße Anklage einzelner Missstände hinausgeht. Das Werk, das seit dem 7. Mai auf DVD erhältlich ist, untersucht die strukturellen Verflechtungen zwischen europäischer Agrarindustrie, politischer Lobbyarbeit und staatlicher Subventionspolitik – und entwickelt daraus eine fundamentale Analyse moderner kapitalistischer Produktionslogiken. Dabei entfaltet der Film seine Wirkung nicht primär über überraschende Enthüllungen. Vielmehr liegt seine Stärke darin, sichtbar zu machen, wie sehr gesellschaftliche Abstumpfung bereits Teil des Problems geworden ist. Die Bilder misshandelter Tiere, unhygienischer Massentierhaltungsanlagen und erschöpfter Arbeitskräfte besitzen längst eine verstörende Vertrautheit. Gerade diese Normalisierung des Schreckens bildet den eigentlichen Kern der dokumentarischen Intervention. Filmanalytisch operiert „Food for Profit“ innerhalb der Tradition des investigativen politischen Dokumentarfilms, wie ihn etwa Frederick Wiseman, Laura Poitras oder Michael Moore auf jeweils unterschiedliche Weise geprägt haben. Doch während viele politische Dokumentationen ihre Argumentation stark über rhetorische Zuspitzung organisieren, entwickelt Innocenzis und D’Ambrosis Film seine Wucht vor allem aus der nüchternen Konfrontation mit institutionalisierter Gleichgültigkeit.

Tierschutz als gesellschaftliche Schlüsselfrage

Besonders bemerkenswert ist die Weise, in der „Food for Profit“ Tierschutz nicht als randständige moralische Spezialfrage behandelt, sondern als zentralen Indikator gesellschaftlicher Verfasstheit begreift. Der Film argumentiert implizit, dass der Umgang mit Tieren immer auch Rückschlüsse auf ökonomische Machtstrukturen, ethische Prioritäten und kulturelle Wertordnungen zulässt. Die industrielle Massentierhaltung erscheint dabei nicht bloß als Produktionsform, sondern als Symptom einer umfassenderen Entfremdung. Tiere werden zu reinen Funktionseinheiten innerhalb eines Systems maximaler Effizienzsteigerung reduziert. Ihre Körper unterliegen einer Logik permanenter Optimierung: schnelleres Wachstum, höhere Milchproduktion, gesteigerte Reproduktionsfähigkeit. Leben wird vollständig ökonomisiert. Gerade hierin liegt die gesellschaftspolitische Brisanz des Films. Denn „Food for Profit“ macht deutlich, dass Tierschutz keineswegs ausschließlich eine Frage individuellen Konsumverhaltens ist. Vielmehr handelt es sich um ein strukturelles Problem politischer und wirtschaftlicher Macht. Die Dokumentation zeigt, wie öffentliche Gelder genau jene Systeme stabilisieren, die ökologische Zerstörung, Tierleid und prekäre Arbeitsbedingungen hervorbringen. Damit verschiebt der Film die Debatte weg von moralischer Individualisierung hin zu institutioneller Verantwortung. Nicht allein Konsumentinnen und Konsumenten stehen im Fokus, sondern ein politisch legitimiertes Produktionsmodell, das systematisch auf Ausbeutung basiert – gegenüber Tieren ebenso wie gegenüber Menschen.

Die Ästhetik der investigativen Konfrontation

Formal arbeitet „Food for Profit“ mit einer klaren investigativen Dramaturgie. Verdeckte Recherchen, heimlich aufgezeichnete Gespräche und direkte Konfrontationen mit politischen Entscheidungsträgern erzeugen eine permanente Spannung zwischen Sichtbarkeit und Verdrängung. Die Kamera fungiert dabei nicht bloß als beobachtendes Instrument, sondern als Mittel politischer Entlarvung. Besonders wirkungsvoll ist die Darstellung institutioneller Sprachlosigkeit. Zahlreiche Szenen zeigen Politikerinnen, Lobbyvertreter oder Branchenakteure, die ethische Fragen entweder ausweichen oder vollständig ökonomischen Interessen unterordnen. Der Film entwickelt daraus ein erschreckendes Bild politischer Entkopplung: Moralische Verantwortung scheint innerhalb bürokratischer und wirtschaftlicher Strukturen zunehmend suspendiert. Zugleich vermeidet die Dokumentation weitgehend melodramatische Überinszenierung. Die Gewalt der Bilder benötigt keine künstliche Emotionalisierung. Gerade die sachliche Präsentation verstärkt den Eindruck struktureller Kälte. Filmästhetisch interessant ist außerdem die Verbindung verschiedener Räume: europäische Parlamentsgebäude, industrielle Stallanlagen, zerstörte Ökosysteme und prekäre Unterkünfte migrantischer Arbeitskräfte werden als Teile eines zusammenhängenden Systems montiert. Dadurch entsteht ein Netz politischer und ökonomischer Zusammenhänge, das individuelle Verantwortung stets in größere Machtstrukturen einbettet.


© Pueblo Unido

Die Verbindung von Tierleid, Umweltzerstörung und sozialer Ausbeutung

Eine der größten Stärken des Films liegt in seiner Fähigkeit, unterschiedliche gesellschaftliche Krisen miteinander zu verknüpfen. „Food for Profit“ zeigt eindrücklich, dass industrielle Tierhaltung niemals isoliert betrachtet werden kann. Die Ausbeutung von Tieren steht in direktem Zusammenhang mit ökologischer Verwüstung, gesundheitlichen Risiken und menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen. Besonders eindringlich sind jene Passagen, in denen der Film auf den massiven Einsatz von Antibiotika verweist. Hier wird sichtbar, wie eng industrielle Landwirtschaft mit globalen Gesundheitsfragen verbunden ist. Die Gefahr antibiotikaresistenter Keime erscheint nicht als abstraktes Zukunftsszenario, sondern als unmittelbare Folge eines Systems permanenter Überproduktion. Ebenso relevant ist die Darstellung prekärer Arbeitsverhältnisse innerhalb der Agrarindustrie. Der Film macht deutlich, dass Ausbeutungsmechanismen selten auf eine einzige Gruppe beschränkt bleiben. Wo Tiere zu bloßen Produktionsmitteln degradiert werden, geraten häufig auch menschliche Arbeitskräfte unter die Logik maximaler Verwertbarkeit. Diese Verbindung unterschiedlicher Gewaltformen verleiht dem Film seine gesellschaftspolitische Tiefe. „Food for Profit“ argumentiert letztlich, dass die Trennung zwischen Tierethik, Sozialpolitik und Umweltfragen künstlich geworden ist. Alle drei Bereiche sind Ausdruck desselben ökonomischen Paradigmas.

Dokumentarfilm als demokratische Intervention

In seiner Gesamtheit versteht sich „Food for Profit“ weniger als neutral beobachtende Dokumentation denn als demokratische Intervention. Der Film fordert seine Zuschauerinnen und Zuschauer aktiv dazu auf, politische und gesellschaftliche Verantwortung neu zu denken. Dabei verfällt das Werk erfreulicherweise nicht in simplifizierende moralische Absolutismen. Es geht nicht um die naive Vorstellung individueller Reinheit oder um dogmatische Lebensstilpolitik. Stattdessen plädiert die Dokumentation für Bewusstwerdung: für die Erkenntnis, dass Konsumentscheidungen, politische Strukturen und ethische Fragen untrennbar miteinander verbunden sind. Gerade darin liegt die enorme Relevanz des Films. In einer Zeit, in der ökologische Krisen, industrielle Überproduktion und politische Vertrauensverluste zunehmend eskalieren, fungiert „Food for Profit“ als präzise Analyse jener Mechanismen, die diese Entwicklungen antreiben. So bleibt der Film nicht nur ein eindrucksvolles Beispiel zeitgenössischen politischen Dokumentarkinos, sondern auch ein bedeutender gesellschaftlicher Beitrag zur Debatte über Verantwortung, Mitgefühl und die ethischen Grundlagen moderner Demokratien. Seine eigentliche Stärke besteht darin, Tierschutz nicht als sentimentale Randfrage zu behandeln, sondern als fundamentalen Prüfstein menschlicher Zivilisation.


FOOD FOR PROFIT

ET: 30.04.26: TVoD / 07.05.26: DVD | FSK 12
R: Pablo D'Ambrosi, Giulia Innocenzi | Dokumentation
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