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DVD & BLU-RAY | 09.07.2025

UNTIL DAWN

Ein interaktiver Horror-Klassiker trifft auf die Grenzen linearer Erzählkunst. „Until Dawn“ sucht filmisch nach dem Nerv des Spiels – und verfehlt ihn oft. Zwischen Zeitloop-Gimmick und Slasher-Routine bleibt das Potenzial unterkühlt. Eine Adaption, die mehr über Medienunterschiede erzählt als über Angst.

von Franziska Keil


© PLAION PICTURES

Mit „Until Dawn“ betritt ein Horrorstoff die Leinwand, der ursprünglich aus einem Medium stammt, dessen zentrales Versprechen nicht das Zuschauen, sondern das Entscheiden ist. Das gleichnamige Videospiel avancierte nicht zuletzt deshalb zum Kulttitel, weil es klassische Horrortropen mit einem spielerischen Verantwortungsgefühl verband: Jede Entscheidung hatte Konsequenzen, jedes Zögern konnte tödlich sein. Die filmische Adaption steht somit vor einer grundsätzlichen Herausforderung: Wie lässt sich ein interaktives Angstmodell in eine lineare Erzählform überführen, ohne dessen essenzielle Spannung zu verlieren? Der Film wählt dafür einen konzeptionell zunächst klugen Ansatz. Die Geschichte um Clover, die auf der Suche nach ihrer verschwundenen Schwester gemeinsam mit Freund:innen in einem abgelegenen Ort strandet, beginnt als vertrauter Slasher-Aufguss. Doch der brutale Tod der gesamten Gruppe markiert keinen Endpunkt, sondern einen narrativen Reset. Die Figuren kehren an einen früheren Punkt zurück, erhalten eine neue Chance – und mit ihr die Möglichkeit, andere Entscheidungen zu treffen. Dieser Zeitloop fungiert als filmisches Äquivalent zum spielerischen „Butterfly Effect“ und übersetzt zumindest formal das zentrale Prinzip des Originals. In der Theorie eröffnet dieses Verfahren ein weites Feld an Variationen, Eskalationen und psychologischen Verschiebungen. In der Praxis jedoch nutzt der Film dieses Potenzial nur oberflächlich. Zwar sterben die Figuren mehrfach und auf unterschiedliche Weise, doch bleiben diese Wiederholungen dramaturgisch erstaunlich folgenlos. Tod wird hier nicht zum Schockmoment, sondern zur kalkulierten Routine. Was im Spiel existenziellen Druck erzeugt, verliert im Film an Gewicht, weil das Zurücksetzen der Handlung die Konsequenz entwertet. Auch die Figurenzeichnung leidet unter dieser Struktur. Die Freundesgruppe ist klar konturiert, bleibt jedoch auf funktionale Eigenschaften reduziert: die Sensible, der Verliebte, das Paar, der Außenseiter. Ihre Beziehungen werden angerissen, aber kaum vertieft. Gerade weil der Film mehrfach die Möglichkeit bietet, diese Konstellationen neu zu justieren, wirkt es umso auffälliger, dass er davon kaum Gebrauch macht.


© PLAION PICTURES

Selbst Opferbereitschaft und Mut – klassische emotionale Höhepunkte des Horrorgenres – entfalten kaum Wirkung, da sie im nächsten Durchlauf wieder relativiert werden. Regisseur David F. Sandberg beweist handwerkliches Gespür für Tempo, visuelle Zitate und vereinzelte makabre Pointen. Es gibt Momente effektiver Körperlichkeit, kurze Ausbrüche von Gore und erkennbare Verweise auf das Spiel, die Fans durchaus als liebevolle Gesten wahrnehmen dürften. Doch insgesamt bleibt die Inszenierung seltsam vorsichtig. Die Schreckmomente folgen bekannten Mustern, die Bildsprache bleibt konventionell, und das Spiel mit Erwartungshaltungen – eigentlich das Herzstück des Konzepts – wird selten konsequent ausgespielt. Besonders symptomatisch ist der Umgang mit der Metaebene. Während das Spiel seine eigene Künstlichkeit reflektierte und mit den Regeln des Genres spielte, verharrt der Film in einer seltsamen Ernsthaftigkeit, die weder ironisch noch wirklich existenziell wirkt. Die Präsenz einer bekannten Figur aus dem Spieluniversum verstärkt zwar kurzzeitig den intertextuellen Reiz, kommt jedoch zu spät, um die bereits eingetretene Ermüdung zu durchbrechen. Was als philosophische Rahmung hätte dienen können, wird zur bloßen Referenz. So entsteht ein Film, der formal bemüht ist, seinem Ursprung gerecht zu werden, inhaltlich jedoch zu sehr auf Sicherheit setzt. „Until Dawn“ möchte niemanden vor den Kopf stoßen, vermeidet radikale Entscheidungen – und widerspricht damit ausgerechnet dem Geist des Spiels, das Mut zur Grausamkeit und Konsequenz bewies. Die Zeitloop-Struktur wird nicht zur Quelle wachsender Verzweiflung, sondern zum dramaturgischen Beruhigungsmittel. In der Summe ist „Until Dawn“ keine Katastrophe, aber eine vertane Chance. Die Adaption zeigt exemplarisch, wie schwierig es ist, interaktive Spannung in lineares Erzählen zu überführen, ohne sie zu neutralisieren. Was bleibt, ist ein routinierter Horrorfilm mit cleverer Grundidee, dem jedoch der Wille fehlt, diese Idee wirklich auszureizen. Der Horror-Film ist am 26. Juni für das Heimkino erschienen und lädt dort zur ausführlichen Betrachtung ein – weniger als gelungenes Angstexperiment, sondern als aufschlussreiche Fallstudie über die Grenzen und Möglichkeiten von Videospielverfilmungen im zeitgenössischen Genre-Kino.


UNTIL DAWN

ET: 26.06.25: 4K-UHD+Blu-ray, Blu-ray & DVD | FSK 16
R: David F. Sandberg | D: Ella Rubin, Michael Cimino, Odessa A’zion
USA, Schweden 2025 | PLAION PICTURES


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