Ein ikonisches
Märchen wird zum ökologischen Albtraum: „Bambi: The
Reckoning“ liest die vertraute Erzählung als radikale Monsterparabel
unserer Gegenwart. Zwischen Creature Feature, Öko-Horror und
schwarzer Satire entfaltet der Film eine überraschend reflektierte
Poetik der Vergeltung. Ein wütender, zugleich melancholischer
Beitrag zum zeitgenössischen Genrekino, der die Grenze zwischen
Opfer und Monster neu vermisst.
Mit
„Bambi: The Reckoning“ gelingt dem sogenannten „Twisted
Childhood Universe“ ein bemerkenswerter Balanceakt zwischen
respektloser Dekonstruktion und ernstzunehmender Genrearbeit. Was
auf den ersten Blick wie eine provokante Ausbeutung eines ikonischen
Stoffes erscheinen mag, entpuppt sich bei näherer Betrachtung
als überraschend kohärenter, ja geradezu reflektierter Beitrag
zum zeitgenössischen Öko-Horrorkino. Der Film, der am 23.
Oktober für das Heimkino erscheint, nutzt die neu gewonnene Gemeinfreiheit
der literarischen Vorlage nicht bloß als kalkulierten Schockeffekt,
sondern als Anlass, über Gewalt, Vergeltung und das fragile Machtverhältnis
zwischen Mensch und Natur neu nachzudenken. Regisseur Dan Allen entwickelt
die bekannte Ursprungserzählung um den Verlust der Mutter konsequent
weiter und überführt sie in die Bildsprache des Monsterfilms.
Bereits der Einstieg, der sich wie ein pervertiertes Märchen
entfaltet, markiert programmatisch die ästhetische Strategie
des Films: Vertraute Motive werden angerissen, um sie unmittelbar
zu brechen. Die ikonische Unschuld des Rehkitzes wird nicht negiert,
sondern radikal umcodiert. Aus dem traumatisierten Tier erwächst
ein monströses Wesen, dessen Gewalt nicht willkürlich erscheint,
sondern als direkte Reaktion auf menschliche Grausamkeit lesbar bleibt.
Damit verortet sich „Bambi: The Reckoning“ in einer Tradition
des Horrorkinos, das das Monster weniger als fremdes Anderes denn
als Spiegel menschlicher Schuld begreift. Besonders hervorzuheben
ist das Creature Design, das trotz seines offensichtlich digitalen
Ursprungs eine physische Präsenz entfaltet, die im Low- und Mid-Budget-Horror
keineswegs selbstverständlich ist. Die Entscheidung, Bambi häufig
aus der Dunkelheit heraus agieren zu lassen, verleiht der Figur eine
mythische Qualität und schützt sie zugleich vor der Entzauberung
durch Überbelichtung. Die deformierten Geweihe und das animalisch
übersteigerte Gebiss funktionieren nicht nur als visuelle Attraktion,
sondern als expressive Verlängerung innerer Verletzung. Das Monster
ist hier nicht bloß Jäger, sondern gezeichnetes Relikt
einer zerstörten Ordnung. Narrativ folgt der Film bewusst einer
reduzierten Struktur.
Die
menschlichen Figuren – allen voran der junge Benji und seine
Mutter – sind weniger psychologisch ausdifferenzierte Charaktere
als funktionale Bezugspunkte innerhalb eines klassischen Überlebensszenarios.
Diese formale Schlichtheit erweist sich jedoch als Stärke, da
sie den Fokus konsequent auf das Wechselspiel von Bedrohung, Raum
und Bewegung lenkt. Der Wald wird zum geschlossenen System, zu einem
Territorium, in dem menschliche Kontrolle endgültig suspendiert
ist. Die Inszenierung der Jagd kehrt sich um: Nicht mehr das Tier
ist Objekt, sondern der Mensch. Dabei beweist „Bambi: The Reckoning“
ein bemerkenswertes Gespür für Tonalität. Der Film
oszilliert souverän zwischen makabrem Humor und echtem Schrecken,
ohne in reine Parodie abzurutschen. Die oft einfallsreichen Todessequenzen
folgen einer Logik des Übermaßes, die das Genre selbstreflexiv
kommentiert, zugleich aber nie völlig ins Ironische kippt. Gerade
diese Gratwanderung verleiht dem Film seine eigentümliche Leichtigkeit,
die ihn von plumper Provokation deutlich unterscheidet. Unter der
Oberfläche des blutigen Spektakels verhandelt das Drehbuch konsequent
Fragen ökologischer Verantwortung. Tierleid wird nicht als bloßer
Auslöser narrativer Gewalt instrumentalisiert, sondern als moralischer
Kern der Erzählung etabliert. Das Publikum ist eingeladen, mit
dem Monster zu sympathisieren – nicht trotz, sondern wegen seiner
Grausamkeit. In dieser Umkehrung klassischer Empathiestrukturen liegt
eine der spannendsten Qualitäten des Films. Selbst das Finale
verweigert sich einer einfachen Katharsis und endet in einer melancholischen
Note, die den Kreislauf aus Gewalt und Vergeltung als unauflöslich
markiert. So erweist sich „Bambi: The Reckoning“ als weit
mehr als ein kalkulierter Schocker innerhalb eines popkulturellen
Experiments. Der Film verbindet Horror, schwarzen Humor und ökologische
Allegorie zu einem stimmigen Ganzen, das seine Prämisse ernst
nimmt und daraus überraschend viel erzählerische Energie
gewinnt. Als Heimkinoveröffentlichung bietet er nicht nur kurzweilige
Genreunterhaltung, sondern auch einen interessanten Beitrag zur Frage,
wie vertraute Mythen im zeitgenössischen Kino radikal neu gedacht
werden können. In seiner grotesken Zuspitzung besitzt dieser
Film tatsächlich Herz – ein dunkles, wütendes, aber
bemerkenswert lebendiges.
BAMBI: THE RECKONING
ET:
23.10.25: Digital, Limitiertes Steelbook (4K-UHD+Blu-ray), DVD und
Blu-ray
R: Dan Allen | D: Roxanne McKee, Nicola Wright, Tom Mulheron
Großbritannien 2024 | Plaion Pictures | FSK 16