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DVD & BLU-RAY | 22.10.2025

BAMBI: THE RECKONING

Ein ikonisches Märchen wird zum ökologischen Albtraum: „Bambi: The Reckoning“ liest die vertraute Erzählung als radikale Monsterparabel unserer Gegenwart. Zwischen Creature Feature, Öko-Horror und schwarzer Satire entfaltet der Film eine überraschend reflektierte Poetik der Vergeltung. Ein wütender, zugleich melancholischer Beitrag zum zeitgenössischen Genrekino, der die Grenze zwischen Opfer und Monster neu vermisst.

von Franziska Keil


© PLAION PICTURES

Mit „Bambi: The Reckoning“ gelingt dem sogenannten „Twisted Childhood Universe“ ein bemerkenswerter Balanceakt zwischen respektloser Dekonstruktion und ernstzunehmender Genrearbeit. Was auf den ersten Blick wie eine provokante Ausbeutung eines ikonischen Stoffes erscheinen mag, entpuppt sich bei näherer Betrachtung als überraschend kohärenter, ja geradezu reflektierter Beitrag zum zeitgenössischen Öko-Horrorkino. Der Film, der am 23. Oktober für das Heimkino erscheint, nutzt die neu gewonnene Gemeinfreiheit der literarischen Vorlage nicht bloß als kalkulierten Schockeffekt, sondern als Anlass, über Gewalt, Vergeltung und das fragile Machtverhältnis zwischen Mensch und Natur neu nachzudenken. Regisseur Dan Allen entwickelt die bekannte Ursprungserzählung um den Verlust der Mutter konsequent weiter und überführt sie in die Bildsprache des Monsterfilms. Bereits der Einstieg, der sich wie ein pervertiertes Märchen entfaltet, markiert programmatisch die ästhetische Strategie des Films: Vertraute Motive werden angerissen, um sie unmittelbar zu brechen. Die ikonische Unschuld des Rehkitzes wird nicht negiert, sondern radikal umcodiert. Aus dem traumatisierten Tier erwächst ein monströses Wesen, dessen Gewalt nicht willkürlich erscheint, sondern als direkte Reaktion auf menschliche Grausamkeit lesbar bleibt. Damit verortet sich „Bambi: The Reckoning“ in einer Tradition des Horrorkinos, das das Monster weniger als fremdes Anderes denn als Spiegel menschlicher Schuld begreift. Besonders hervorzuheben ist das Creature Design, das trotz seines offensichtlich digitalen Ursprungs eine physische Präsenz entfaltet, die im Low- und Mid-Budget-Horror keineswegs selbstverständlich ist. Die Entscheidung, Bambi häufig aus der Dunkelheit heraus agieren zu lassen, verleiht der Figur eine mythische Qualität und schützt sie zugleich vor der Entzauberung durch Überbelichtung. Die deformierten Geweihe und das animalisch übersteigerte Gebiss funktionieren nicht nur als visuelle Attraktion, sondern als expressive Verlängerung innerer Verletzung. Das Monster ist hier nicht bloß Jäger, sondern gezeichnetes Relikt einer zerstörten Ordnung. Narrativ folgt der Film bewusst einer reduzierten Struktur.


© PLAION PICTURES

Die menschlichen Figuren – allen voran der junge Benji und seine Mutter – sind weniger psychologisch ausdifferenzierte Charaktere als funktionale Bezugspunkte innerhalb eines klassischen Überlebensszenarios. Diese formale Schlichtheit erweist sich jedoch als Stärke, da sie den Fokus konsequent auf das Wechselspiel von Bedrohung, Raum und Bewegung lenkt. Der Wald wird zum geschlossenen System, zu einem Territorium, in dem menschliche Kontrolle endgültig suspendiert ist. Die Inszenierung der Jagd kehrt sich um: Nicht mehr das Tier ist Objekt, sondern der Mensch. Dabei beweist „Bambi: The Reckoning“ ein bemerkenswertes Gespür für Tonalität. Der Film oszilliert souverän zwischen makabrem Humor und echtem Schrecken, ohne in reine Parodie abzurutschen. Die oft einfallsreichen Todessequenzen folgen einer Logik des Übermaßes, die das Genre selbstreflexiv kommentiert, zugleich aber nie völlig ins Ironische kippt. Gerade diese Gratwanderung verleiht dem Film seine eigentümliche Leichtigkeit, die ihn von plumper Provokation deutlich unterscheidet. Unter der Oberfläche des blutigen Spektakels verhandelt das Drehbuch konsequent Fragen ökologischer Verantwortung. Tierleid wird nicht als bloßer Auslöser narrativer Gewalt instrumentalisiert, sondern als moralischer Kern der Erzählung etabliert. Das Publikum ist eingeladen, mit dem Monster zu sympathisieren – nicht trotz, sondern wegen seiner Grausamkeit. In dieser Umkehrung klassischer Empathiestrukturen liegt eine der spannendsten Qualitäten des Films. Selbst das Finale verweigert sich einer einfachen Katharsis und endet in einer melancholischen Note, die den Kreislauf aus Gewalt und Vergeltung als unauflöslich markiert. So erweist sich „Bambi: The Reckoning“ als weit mehr als ein kalkulierter Schocker innerhalb eines popkulturellen Experiments. Der Film verbindet Horror, schwarzen Humor und ökologische Allegorie zu einem stimmigen Ganzen, das seine Prämisse ernst nimmt und daraus überraschend viel erzählerische Energie gewinnt. Als Heimkinoveröffentlichung bietet er nicht nur kurzweilige Genreunterhaltung, sondern auch einen interessanten Beitrag zur Frage, wie vertraute Mythen im zeitgenössischen Kino radikal neu gedacht werden können. In seiner grotesken Zuspitzung besitzt dieser Film tatsächlich Herz – ein dunkles, wütendes, aber bemerkenswert lebendiges.


BAMBI: THE RECKONING

ET: 23.10.25: Digital, Limitiertes Steelbook (4K-UHD+Blu-ray), DVD und Blu-ray
R: Dan Allen | D: Roxanne McKee, Nicola Wright, Tom Mulheron
Großbritannien 2024 | Plaion Pictures | FSK 16



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