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DIGITAL | 07.01.2026

BUGONIA

BUGONIA entfaltet ein verstörend präzises Duell zwischen Konzernmacht und radikalisierter Gegenwehr. Yorgos Lanthimos seziert moralische Gewissheiten mit kalter Eleganz und schwarzem Humor. Ein schonungslos faszinierendes Filmereignis über Verantwortung, Gewalt und zeitgenössische Entfremdung.

von Richard-Heinrich Tarenz


© Universal Studios. Alle Rechte vorbehalten.

Mit BUGONIA, nun erstmals als Premium Digital Release fürs Heimkino verfügbar, setzt Yorgos Lanthimos seine einzigartige Erkundung moralischer Grenzräume konsequent fort. Der Film erweist sich als weiteres Glied in jener Kette von Werken, mit denen der griechische Regisseur das Publikum dazu zwingt, sich mit Figuren zu identifizieren, deren Weltbilder, Handlungen und ethische Koordinaten zutiefst verstören. Gerade in dieser Zumutung liegt die besondere Stärke von Bugonia: Der Film ist weniger als Erzählung im klassischen Sinne angelegt denn als kalkuliertes Kräftemessen zweier radikal gegensätzlicher, gleichermaßen problematischer Existenzen. Im Zentrum steht Michelle Fuller, Vorstandsvorsitzende eines global agierenden Pharmaunternehmens, dessen architektonische Kälte und ästhetische Perfektion die ideologische Glätte moderner Konzernkulturen widerspiegeln. Emma Stone verkörpert diese Figur mit einer kontrollierten, beinahe manischen Eloquenz, die permanent Nähe, Offenheit und Verantwortungsbewusstsein simuliert. Ihre Sprache ist ein Werkzeug der Verschleierung, ihre permanente Kommunikationsbereitschaft Ausdruck einer Macht, die sich hinter Begriffen wie Transparenz, Diversität und individueller Freiheit verschanzt. Lanthimos inszeniert diese Corporate-Rhetorik als ritualisierte Performance, in der jede scheinbar progressive Geste zugleich ein Akt subtiler Gewalt ist. Stone nutzt dabei bewusst jene Empathie, die ihr Spiel sonst prägt, als ironisches Gegengift. Gerade weil ihre Michelle so geschult darin ist, Fürsorge zu behaupten, wirkt ihre innere Leere umso schärfer konturiert. Die Figur verkörpert eine zeitgenössische Form des Soziopathischen, die nicht mehr auf offene Rücksichtslosigkeit setzt, sondern auf moralische Selbstinszenierung. BUGONIA legt diese Mechanismen mit chirurgischer Präzision frei und reiht sich damit in eine filmische Tradition ein, die von Kubrick bis zum exzessiven Politkino der 1990er-Jahre reicht, dabei jedoch eine ganz eigene, spielerisch-grausame Tonlage findet. Der Gegenpol zu Michelle ist Teddy, ein isolierter Außenseiter, der fernab urbaner Ordnungssysteme auf einem heruntergekommenen Anwesen lebt.


© Universal Studios. Alle Rechte vorbehalten.

Jesse Plemons hat seine Physis und Ausstrahlung radikal transformiert, um diese Figur als gebrochene, zugleich gefährlich fokussierte Existenz erfahrbar zu machen. Teddy ist ein Mann, dessen ökologisches Bewusstsein und persönlicher Verlust sich zu einem obsessiven Racheimpuls verdichtet haben. Seine Wahrnehmung der Welt ist von Misstrauen, Ressentiment und einer toxischen Mischung aus Ohnmacht und Sendungsbewusstsein geprägt. Lanthimos vermeidet es konsequent, Teddy als moralisches Gegengewicht zur Konzernmacht zu idealisieren. Vielmehr entlarvt der Film auch seine Ideologie als verkürzt, gewaltförmig und letztlich zutiefst menschenfeindlich. Das Verhältnis zwischen Teddy und Michelle entwickelt sich so zu einem Duell, in dem keine Seite moralische Überlegenheit beanspruchen kann. Beide Figuren stehen exemplarisch für extreme Ausformungen einer Gesellschaft, in der Verantwortung entweder delegiert oder fanatisch individualisiert wird. Formal ist BUGONIA von einer kühlen Strenge geprägt, die die psychologischen Machtspiele zusätzlich akzentuiert. Lanthimos’ präzise Bildkompositionen, die kontrollierte Kameraführung und der bewusst reduzierte Einsatz von Musik erzeugen eine Atmosphäre permanenter Anspannung. Gewalt – physisch wie strukturell – wird nicht spektakulär ausgestellt, sondern als logische Konsequenz ideologischer Verhärtung präsentiert. Der Film zwingt sein Publikum, die eigene Faszination für moralische Radikalität zu reflektieren, ohne einfache Distanzierungsangebote zu machen. Gerade im Heimkino entfaltet BUGONIA seine volle Wirkung. Die konzentrierte Rezeption verstärkt das Gefühl eines hermetischen Experiments, in dem jede Geste, jeder Dialog und jede Verschiebung der Machtverhältnisse genau kalkuliert ist. Lanthimos gelingt es, ökologische Fragen, Kapitalismuskritik und Psychogramme moderner Einsamkeit nicht zu illustrieren, sondern miteinander kollidieren zu lassen. So erweist sich BUGONIA als ebenso beunruhigendes wie intellektuell stimulierendes Werk: ein Film, der sein Publikum nicht belehrt, sondern in ein moralisches Spannungsfeld hineinzieht, aus dem es keine sauberen Auswege gibt. In seiner kompromisslosen Haltung und formalen Konsequenz bestätigt Lanthimos einmal mehr seinen Rang als einer der schärfsten Chronisten einer Gegenwart, in der Empathie zur Ware und Gewalt zur vermeintlichen Lösung wird.


BUGONIA

Exklusiv digital zum Kaufen oder Leihen | FSK 16
R: Yorgos Lanthimos | D: Emma Stone, Jesse Plemons, Aidan Delbis
Großbritannien, Südkorea 2025 | Universal

EXKLUSIVE BONUS-FEATURES (NUR VERFÜGBAR BEI APPLE TV):
DIE GEBURT DER BIENEN: DIE ENTSTEHUNG VON BUGONIA



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