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DVD & BLU-RAY | 07.01.2026

THE NEGOTIATOR

„The Negotiator“ seziert die Ökonomie der Wahrheit im Zeitalter totaler Überwachung. David MacKenzie verbindet paranoiden Thriller mit präziser Gesellschaftsanalyse. Ein hochaktuelles Filmerlebnis über Macht, Anonymität und die Illusion moralischer Kontrolle.

von Richard-Heinrich Tarenz


© LEONINE

Mit „The Negotiator“ legt Regisseur David MacKenzie einen Thriller vor, der sich demonstrativ aus dem Schatten klassischer Genremuster löst und zugleich deren politische Schärfe in die Gegenwart überführt. Der Film, der am 09. Januar für das Heimkino erscheint, entfaltet eine bemerkenswerte Resonanz, nicht zuletzt, weil er ein zentrales Paradox spätmoderner Gesellschaften ins Zentrum rückt: den Wunsch nach absoluter Transparenz bei gleichzeitiger Sehnsucht nach vollständiger Unsichtbarkeit. Im Kern erzählt „The Negotiator“ von einer Welt, in der Kommunikation zur Ware geworden ist und Anonymität nicht mehr als Grundrecht, sondern als kostenpflichtige Dienstleistung existiert. Der titelgebende „Negotiator“ ist dabei weniger eine einzelne Figur als vielmehr eine Funktion innerhalb eines hochspezialisierten Systems, das zwischen mächtigen Institutionen und potenziellen Whistleblowern vermittelt. Der Film beschreibt diese Vermittlung nicht als moralischen Akt, sondern als nüchternen, ökonomisch regulierten Prozess, in dem Schuld, Wahrheit und Verantwortung verhandelbar werden. Die Figur des Ash, eindringlich verkörpert von Riz Ahmed, fungiert als Katalysator dieser Gesellschaftsanalyse. Als isolierter Einzelgänger bewegt er sich in einem Zwischenraum aus digitaler Kontrolle und physischer Präsenzlosigkeit. Seine Arbeit besteht darin, Bewegungen, Stimmen und Entscheidungen anderer zu koordinieren, ohne selbst sichtbar zu werden. In dieser radikalen Form der funktionalen Existenz spiegelt sich eine spätkapitalistische Subjektivität, die sich über Effizienz definiert und emotionale Bindungen als Störfaktor empfindet. Der Film verweigert es lange Zeit, diese Figur psychologisch vollständig zu erklären, und gewinnt gerade aus dieser Zurückhaltung eine eigentümliche Spannung. Demgegenüber steht Sarah Grant, deren moralisches Dilemma den gesellschaftskritischen Kern des Films freilegt. Als Angestellte eines biotechnologischen Unternehmens wird sie zur Zeugin systemischer Verantwortungslosigkeit, die sich hinter juristischen Konstruktionen, Marktlogiken und scheinbar wohlmeinenden Fortschrittsversprechen verbirgt.


© LEONINE

„The Negotiator“ zeigt eindrucksvoll, wie individuelles Gewissen in einer Welt ökonomischer Totalverwertung marginalisiert wird. Der Versuch, Wahrheit ans Licht zu bringen, führt hier nicht zu Gerechtigkeit, sondern zu einer weiteren Verhandlung – einer monetären Befriedung des Skandals. Formal bedient sich der Film der Ästhetik des paranoiden Thrillers, transformiert diese jedoch in eine zeitgemäße, nahezu entmaterialisierte Variante. Ein Großteil der Handlung vollzieht sich über Stimmen, Interfaces und Anweisungen, wodurch Kontrolle als abstraktes, allgegenwärtiges Prinzip erfahrbar wird. Die präzise Bildgestaltung und das differenzierte Sounddesign verstärken diesen Eindruck, indem sie gleichzeitige Handlungsräume akustisch und visuell verschränken, ohne Orientierungslosigkeit zu erzeugen. Kontrolle erscheint hier nicht chaotisch, sondern erschreckend organisiert. Gesellschaftskritisch besonders scharf ist der Blick des Films auf das Scheitern klassischer Aufklärungsnarrative. „The Negotiator“ unterläuft konsequent die Hoffnung, dass Wahrheit zwangsläufig emanzipatorische Wirkung entfaltet. Staatliche Institutionen, Medien und juristische Verfahren erscheinen nicht als Korrektive der Macht, sondern als Bestandteile eines Systems, das Skandale absorbiert und neutralisiert. In dieser Hinsicht formuliert der Film eine ernüchternde Diagnose gegenwärtiger Demokratien, in denen Korruption weniger Ausnahme als Betriebsmodus geworden ist. Zugleich verweigert sich „The Negotiator“ einem einfachen Zynismus. Die Ambivalenz seiner Figuren, insbesondere die innere Zerrissenheit des Protagonisten, hält einen Rest an moralischer Unruhe offen. Der Film insistiert darauf, dass Verantwortung zwar delegiert, aber nicht vollständig ausgelagert werden kann. Gerade darin liegt seine gesellschaftliche Relevanz: Er zwingt sein Publikum, sich mit der eigenen Rolle in einem System auseinanderzusetzen, das von Bequemlichkeit, Komplizenschaft und kalkulierter Blindheit lebt. So erweist sich „The Negotiator“ als ein intelligenter, formal souveräner Thriller, der die Tradition des politischen Kinos fortschreibt, ohne nostalgisch zu werden. Er ist weniger ein Film über Verschwörungen als über deren Normalisierung – und gerade deshalb ein präziser Kommentar zur Gegenwart.


THE NEGOTIATOR

ET: 09.01.26: DVD, Blu-ray & digital | FSK 12
R: David Mackenzie | D: Riz Ahmed, Lily James, Sam Worthington
USA 2025 | LEONINE


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