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DVD & BLU-RAY | 21.01.2026

DAS TIEFSTE BLAU

„Das tiefste Blau“ entwirft eine beklemmend nahe Zukunft, in der ökonomische Verwertbarkeit über menschliche Existenz entscheidet. Gabriel Mascaros Film verbindet politische Allegorie mit sinnlicher Landschaftsästhetik und einer berührenden Frauenfigur im Zentrum. Ein dystopisches Kino der leisen Widerstände, das Freiheit als Akt der Imagination und des Begehrens denkt.

von Franziska Keil


© ALAMODE FILM

Mit „Das tiefste Blau“ entwirft Gabriel Mascaro ein ebenso poetisches wie politisches Zukunftsszenario, das weniger durch technologische Exzesse als durch seine soziale Kälte beunruhigt. Der Film, der am 22. Januar für das Heimkino erscheint, fügt sich konsequent in das bisherige Werk des brasilianischen Regisseurs ein, der sich seit „Neon Bull“ als präziser Beobachter gesellschaftlicher Machtverhältnisse und körperlicher wie ökonomischer Reglementierungen etabliert hat. Auch hier denkt Mascaro das Politische nicht abstrakt, sondern verkörpert es in Bildern, Räumen und Figuren. Bereits die Eröffnung etabliert eine zentrale vertikale Ordnung: Der Blick von oben, der Fortschritt verheißt, entlarvt sich rasch als Perspektive einer politischen Elite, die über jene „unten“ verfügt. Diese räumliche Metapher wird im Verlauf des Films zu einer sozialen Chiffre für neoliberale Ausschlussmechanismen, in denen menschlicher Wert primär an ökonomischer Verwertbarkeit bemessen wird. Mascaro verlegt diese Logik in eine nahe Zukunft, die beunruhigend vertraut wirkt: Kaum futuristische Oberflächen, dafür administrative Rituale und bürokratische Gesten, die das Ungeheuerliche normalisieren. Im Zentrum steht Tereza, eine ältere Frau, deren bloße Existenz zur staatsfeindlichen Kategorie erklärt wird. Denise Weinberg verleiht dieser Figur eine stille Würde, die den Film emotional erdet. Tereza ist weder Heldin im klassischen Sinne noch reine Opferfigur; sie verkörpert vielmehr einen Widerstand, der aus Beharrlichkeit, Erinnerung und Begehren gespeist wird. Ihr Wunsch, einmal zu fliegen, erhält dabei eine doppelte Bedeutung: als konkretes Freiheitsversprechen und als symbolischer Akt gegen eine Ordnung, die ihr jede Zukunft abspricht.


© ALAMODE FILM

Mascaros Film überzeugt besonders dort, wo er Landschaft als politischen Resonanzraum begreift. Die Bilder des Amazonas, aus der Vogelperspektive ebenso wie in der gleitenden Nähe zur Wasseroberfläche, entfalten eine sinnliche Materialität, die dem abstrakten Diskurs über Wachstum und Effizienz eine körperliche Dimension entgegensetzt. Natur erscheint hier nicht romantisiert, sondern als widerspenstiger Gegenentwurf zu einer Ökonomie, die alles in messbare Produktivität überführen will. In diesen Momenten entwickelt „Das tiefste Blau“ eine visuelle Kraft, die lange nachhallt. Die Erzählung erlaubt sich zunehmend Abschweifungen ins Episodische und Mystische, wodurch sich der Film von seiner anfänglichen satirischen Schärfe entfernt und in einen offeneren, beinahe kontemplativen Modus übergeht. Diese Verschiebung mag dramaturgisch nicht immer stringent wirken, eröffnet jedoch Räume für Begegnungen, Zärtlichkeit und Solidarität jenseits staatlicher Kontrolle. Besonders die spätere Freundschaft – vielleicht auch Liebesbeziehung – zwischen Tereza und einer anderen älteren Frau formuliert ein leises Gegenmodell zur kalten Effizienzgesellschaft: ein Leben im Drift, im Teilen von Zeit und Erfahrung. Zwar bleibt Mascaros Hang zu deutlich markierten Metaphern spürbar, und nicht jeder eingeführte Gedanke wird konsequent vertieft. Doch gerade in seiner Mischung aus politischer Allegorie, sinnlichem Abenteuer und humanistischem Blick entfaltet „Das tiefste Blau“ eine eigentümliche Wärme. Der Film verweigert einfache Antworten und setzt stattdessen auf Affekt, Atmosphäre und Figurenpräsenz. Als filmisches Gedankenexperiment über Alter, Würde und Freiheit behauptet er damit einen eigenständigen Platz im zeitgenössischen politischen Kino – und lädt gerade im Heimkino dazu ein, seine Bilder und Fragen nachwirken zu lassen.


DAS TIEFSTE BLAU

ET: 22.01.26: DVD & digital | FSK 6
R: Gabriel Mascaro | D: Denise Weinberg, Rodrigo Santoro, Miriam Socarrás
Brasilien 2025 | Alamode Filmdistribution


 


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