Ein Film
zwischen Anspruch und Ausschweifung, zwischen Mythos und Marktschreierei.
„Kamasutra – Lust und Rache“ sucht die große
Synthese aus Erotik, Philosophie und Spektakel. Gefunden wird vor
allem ein ästhetisches Versprechen, das erzählerisch nicht
eingelöst wird.
„Kamasutra
– Lust und Rache“ ist ein Film, der von Beginn an mit
Übermaß operiert. Erotik, Mythologie, Action, Musik und
philosophischer Tiefgang sollen sich zu einem provokanten Gesamterlebnis
verbinden. Dieses ambitionierte Vorhaben verortet den Film in der
Tradition des exotistischen Historienkinos, das weniger an narrativer
Stringenz interessiert ist als an der Suggestion von Sinnlichkeit
und kultureller Tiefe. Doch genau an dieser Stelle beginnt das grundlegende
Problem des Werks: Die Vielzahl der ästhetischen Versprechen
steht in keinem stabilen Verhältnis zu seiner erzählerischen
Substanz. Im Zentrum stehen zwei weibliche Figuren, deren Lebenswege
von Machtkämpfen, Intrigen und patriarchaler Gewalt bestimmt
werden. Der Film greift Motive von Zwangsheirat, Rivalität und
Vergeltung auf, bleibt jedoch auffallend oberflächlich in der
Ausarbeitung dieser Konflikte. Die Handlung fungiert weniger als dramatisches
Rückgrat denn als lose Abfolge von Situationen, die primär
dazu dienen, visuelle Attraktionen und erotische Tableaus aneinanderzureihen.
Psychologische Entwicklung wird dabei weitgehend durch symbolische
Gesten ersetzt. Gerade die Erotikszenen, die dem Film seinen programmatischen
Titel verleihen, offenbaren diese Leerstelle. Sie folgen einem repetitiven
Muster und entfalten weder narrative Spannung noch emotionale Progression.
Lust erscheint hier nicht als Ausdruck von Macht, Intimität oder
Erkenntnis, sondern als bloßes Schauobjekt. Damit verfehlt der
Film nicht nur sein philosophisches Ziel, sondern entleert auch die
Erotik selbst ihrer transgressiven Kraft. Hinzu kommen musikalische
und tänzerische Einlagen, die sich formal am indischen Kino orientieren,
dramaturgisch jedoch kaum integriert sind. Statt den Rhythmus des
Films zu strukturieren oder emotionale Verdichtung zu erzeugen, unterbrechen
sie den ohnehin fragmentierten Erzählfluss. Ähnliches gilt
für die Actionsequenzen, die schwach choreografiert und uneinheitlich
montiert wirken.
Musik
und Bild stehen hier oft in einem irritierenden Missverhältnis,
das jede Form von Spannung unterläuft. Visuell hingegen zeigt
„Kamasutra – Lust und Rache“ unbestreitbare Ambitionen.
Fantastische Elemente, exotische Schauplätze und mythologische
Versatzstücke erzeugen einzelne eindrucksvolle Momente, die jedoch
isoliert bleiben. Sie wirken wie Ausstellungstücke innerhalb
eines Films, der es nicht schafft, diese Bilder funktional zu verknüpfen.
Die häufig eingesetzte Zeitlupe verstärkt diesen Eindruck:
Statt Erhabenheit zu erzeugen, legt sie technische Schwächen
offen und verleiht dem Film stellenweise eine unfreiwillig amateurhafte
Anmutung. Die schauspielerischen Leistungen bewegen sich auf solidem
Niveau, ohne jedoch Akzente zu setzen. Die Figuren bleiben Typen,
ihre Motivationen schematisch. Dass der Film einst mit Superlativen
beworben wurde, steht in auffälligem Kontrast zu seiner tatsächlichen
Wirkung. Weder gelingt es ihm, als erotisches Kino zu provozieren,
noch als historisches Drama zu überzeugen. Besonders deutlich
wird dieses Scheitern im Umgang mit seiner literarisch-philosophischen
Referenz. Der Versuch, zentrale Gedanken des Kamasutra – Lust
als Erkenntnisform, als soziale und spirituelle Praxis – filmisch
zu verarbeiten, bleibt auf der Ebene der Behauptung stehen. Komplexe
Ideen über Begehren, Macht und Körperlichkeit werden auf
dekorative Konflikte reduziert, Dialoge wirken häufig gestelzt
und erklärend. „Kamasutra – Lust und Rache“
ist somit ein Film der großen Ambitionen und der begrenzten
filmischen Umsetzung. Er schwankt zwischen erotischem Spektakel und
pseudophilosophischem Anspruch, ohne eines von beidem konsequent einzulösen.
Als filmhistorisches Dokument eines überschätzten Grenzgangs
mag er heute von Interesse sein – zumal er seit dem 15. Januar
auf DVD, Blu-ray und digital fürs Heimkino verfügbar ist.
Als geschlossenes Kunstwerk jedoch bleibt er ein Beispiel dafür,
wie schnell Überladung in Beliebigkeit umschlagen kann.
KAMASUTRA – LUST UND RACHE
ET:
15.01.26: DVD, Blu-ray & digital | FSK 16
R: Rupesh Paul | D: Sherlyn Chopra, Milind Gunaji, Nassar
USA, Indien 2014 | Busch Media Group