Ein Melodram
der großen Gefühle und der kleinen Nuancen. „All
das Ungesagte zwischen uns“ verhandelt Liebe, Verlust und Verrat
im Modus des Übermaßes. Zwischen emotionaler Wucht und
dramaturgischer Ermüdung sucht der Film nach Wahrhaftigkeit.
Josh
Boones Verfilmung von Colleen Hoovers Roman „Regretting You“,
im Deutschen unter dem Titel „All das Ungesagte zwischen uns“
erschienen, reiht sich nahtlos in eine Tradition des populären
Liebesdramas ein, das weniger auf Ambivalenz als auf emotionale Intensität
setzt. Der Film entfaltet ein Panorama aus verpassten Chancen, familiären
Verwerfungen und generationsübergreifenden Projektionen, das
bewusst auf maximale affektive Wirkung zielt – und sich genau
daran mitunter übernimmt. Die Erzählung spannt einen weiten
zeitlichen Bogen: von einer jugendlichen Freundesgruppe in den späten
2000er-Jahren bis zu den Konsequenzen ihrer Entscheidungen fast zwei
Jahrzehnte später. Im Zentrum steht eine Mutter-Tochter-Konstellation,
deren Beziehung von unausgesprochenen Konflikten, enttäuschten
Erwartungen und spiegelbildlichen Liebeserfahrungen geprägt ist.
Diese Parallelführung zweier Coming-of-Age-Geschichten –
die eine rückblickend, die andere im Vollzug – bildet das
konzeptuelle Rückgrat des Films. Seine dramaturgische Zäsur
findet das Werk in einem plötzlichen, schicksalhaften Ereignis,
das nicht nur familiäre Gewissheiten zerstört, sondern auch
die moralischen Fundamente der Figuren erschüttert. Untreue fungiert
hier weniger als individueller Fehltritt denn als tektonische Verschiebung,
die rückwirkend ganze Lebensentwürfe infrage stellt. Der
Film interessiert sich dabei stärker für die Schockwellen
dieser Enthüllung als für deren psychologische Tiefenschärfe.
Formal setzt „All das Ungesagte zwischen uns“ auf eine
Bildsprache und Inszenierung, die an das Fernsehen vergangener Jahrzehnte
erinnert: wohlkomponierte Innenräume, betonte Dialogszenen, emotionsgeladene
Konfrontationen. Kameraarbeit und Schnitt sind darauf ausgerichtet,
jede Gefühlsregung sichtbar zu machen, jede Eskalation auszukosten.
Diese Strategie erzeugt zwar eine konstante emotionale Lautstärke,
lässt aber wenig Raum für Zwischentöne oder stille
Resonanz.
Auch
die schauspielerischen Leistungen fügen sich diesem Konzept.
Die Darstellerinnen und Darsteller erfüllen ihre Rollen professionell,
bleiben jedoch häufig im Modus des Vorzeigens von Emotionen verhaftet.
Tränen, Ausbrüche und Versöhnungen wirken weniger erarbeitet
als abgefordert. Eine wohltuende Zurückhaltung zeigt sich punktuell
in den jüngeren Figuren, deren Unsicherheit und Suchbewegungen
glaubhafter erscheinen als die affektiv überzeichneten Reaktionen
der Erwachsenen. Problematisch wird der
Film dort, wo sein emotionaler Ernst durch äußere Faktoren
unterlaufen wird. Auffällige Produktplatzierungen und eine stark
kommerzialisierte Alltagsästhetik reißen immer wieder aus
der Erzählung heraus und verstärken den Eindruck kalkulierter
Sentimentalität. Selbst neu entstehende Liebesmomente bleiben
davon nicht unberührt: Sie wirken eher wie narrative Pflichtübungen
denn wie organisch gewachsene Beziehungen. In seiner Gesamtheit erinnert
der Film an die Kinoadaptionen romantischer Bestseller der frühen
2000er-Jahre, deren Erfolgsrezept auf Tränen, Schicksalsschlägen
und klaren moralischen Zuordnungen beruhte. Dass diese Erzählweise
derzeit eine Renaissance erlebt, ist kaum zufällig. „All
das Ungesagte zwischen uns“ bedient ein Bedürfnis nach
überschaubaren Emotionen und eindeutigen Gefühlen in einer
zunehmend komplexen Welt. Als ausgewogene Betrachtung bleibt festzuhalten:
Der Film besitzt handwerkliche Routine und ein Gespür für
publikumswirksame Dramaturgie, scheitert jedoch daran, seine Themen
über die Oberfläche hinaus zu vertiefen. Er bevorzugt die
große Geste gegenüber der leisen Erkenntnis und opfert
emotionale Glaubwürdigkeit zugunsten permanenter Intensität.
Seit dem 09. Januar im Heimkino erhältlich, eignet sich „All
das Ungesagte zwischen uns“ weniger als zeitloses Liebesdrama
denn als exemplarisches Zeugnis einer Erzählform, die Gefühle
vor allem als Effekt versteht.
ALL DAS UNGESAGTE ZWISCHEN UNS
ET:
09.01.26: DVD, Blu-ray & online | FSK 12
R: Josh Boone | D: Allison Williams, Mckenna Grace, Dave Franco
USA, Deutschland 2025 | Constantin Film / LEONINE