FILME | SERIEN | MUSIK | BÜCHER | PANORAMA | INTERVIEWS


DVD & BLU-RAY | 11.02.2026

SPRINGSTEEN: DELIVER ME FROM NOWHERE

Ein Biopic der Reduktion statt der Verklärung. „Springsteen: Deliver Me From Nowhere“ blickt dorthin, wo Ruhm verstummt und Kunst beginnt. Jeremy Allen White verkörpert den Boss als verletzlichen Arbeiter am eigenen Mythos.

von Franziska Keil


© 2026 20th Century Studios. All Rights Reserved.

Das musikalische Biopic gilt seit Jahren als ein erschöpftes Genre: Aufstieg, Krise, Triumph – ritualisierte Dramaturgien, die mehr über die Erwartungen des Publikums als über ihre Sujets erzählen. „Springsteen: Deliver Me From Nowhere“ begegnet dieser Ermüdung mit einer wohltuenden Geste der Verknappung. Statt den Mythos Bruce Springsteen in epischer Breite auszuleuchten, konzentriert sich der Film auf einen Moment der Selbstzweifel, des Rückzugs und der künstlerischen Neuverortung. Gerade darin liegt seine große Stärke. Der Film fokussiert auf das Jahr 1981, eine Schwellenzeit im Leben des Musikers: kommerziell auf dem Höhepunkt, innerlich jedoch ausgezehrt. Nach dem Erfolg von „The River“ kehrt Springsteen nach New Jersey zurück, entzieht sich den Mechanismen der Industrie und arbeitet im Verborgenen an jenem Album, das als „Nebraska“ zu einem der radikalsten Brüche seiner Karriere werden sollte. Diese Entscheidung, das Narrativ nicht auf Erfolg, sondern auf Verweigerung zu gründen, verleiht dem Film eine ungewöhnliche Schärfe. Jeremy Allen White spielt Springsteen nicht als charismatische Ikone, sondern als erschöpften Mann Anfang dreißig, dessen Kreativität untrennbar mit Angst, Depression und Selbstbeobachtung verbunden ist. Seine Darstellung vermeidet Imitation zugunsten eines körperlich spürbaren inneren Drucks. Der Blick ist häufig gesenkt, die Stimme kontrolliert, fast spröde – ein Springsteen, der sich selbst nicht mehr traut und gerade deshalb weiterarbeitet. Die Performance gewinnt an Tiefe, je mehr sie sich von Whites bekannten Rollenbildern löst und in eine stille Verletzlichkeit hineinfindet. Regie und Drehbuch verweigern sich weitgehend der Versuchung, den kreativen Prozess zu mystifizieren. Das Schreiben, Aufnehmen und Verwerfen von Songs erscheint als mühselige, beinahe banale Arbeit, geprägt von technischen Begrenzungen und psychischer Fragilität.


© 2026 20th Century Studios. All Rights Reserved.

Besonders eindrücklich sind die Passagen, die sich der Aufnahmetechnik widmen: dem Knistern der Kassetten, der Enge des Schlafzimmers, der Entscheidung, Unschärfen nicht zu glätten, sondern als ästhetisches Prinzip zu akzeptieren. Der Film macht hier hör- und sichtbar, wie aus Beschränkung ein eigener Klang entsteht. Auch auf der narrativen Ebene bleibt „Deliver Me From Nowhere“ bewusst unvollständig. Rückblenden in Springsteens Kindheit sind fragmentarisch gehalten, seine familiären Konflikte eher angedeutet als ausgespielt. Der alkoholkranke Vater, die überforderte Mutter, das Milieu der Arbeiterklasse – all das erscheint weniger als psychologischer Schlüssel denn als atmosphärischer Hintergrund. Diese Zurückhaltung mag gelegentlich skizzenhaft wirken, bewahrt den Film jedoch vor biografischer Überdetermination. Bemerkenswert ist zudem die Entscheidung, Springsteen kaum als Star zu zeigen. Konzertmomente blitzen nur kurz auf, Ruhm bleibt Randerscheinung. Stattdessen sieht man einen Mann, der durch New Jersey geht, unbehelligt, beinahe unsichtbar. Selbst ikonische Songs werden nicht ausgespielt, sondern gestreift – als Verweise auf etwas, das größer geworden ist, als es in diesem Film sein soll. Der Fokus liegt konsequent auf dem Moment vor der Kanonisierung. In seiner zweiten Hälfte gewinnt der Film deutlich an emotionaler Dichte. Die Konsequenzen der künstlerischen Radikalität – Isolation, Beziehungs-unfähigkeit, psychischer Zusammenbruch – werden ernst genommen, ohne ins Pathos zu kippen. Eine Nebenfigur, die Springsteens Unfähigkeit zur Nähe spiegelt, erhält hier unerwartet Gewicht und verleiht dem Film eine leise soziale Dimension: Kunst als Rettung, aber auch als Flucht. „Springsteen: Deliver Me From Nowhere“, seit dem 06. Februar im Heimkino erhältlich, ist kein Biopic, das erklärt, warum Bruce Springsteen berühmt wurde. Es interessiert sich vielmehr dafür, warum er weitermachen musste – gegen Marktlogik, gegen Erwartungen, gegen sich selbst. In seiner konzentrierten Form, seiner ästhetischen Bescheidenheit und seiner Weigerung zur Heroisierung erweist sich der Film als seltenes Beispiel eines Musikfilms, der nicht das Denkmal, sondern den Menschen sucht. Und gerade dadurch lange nachhallt.


SPRINGSTEEN: DELIVER ME FROM NOWHERE

ET: 06.02.26: DVD, Blu-ray und als 4K UHD Blu-ray | FSK 12
R: Scott Cooper | D: Jeremy Allen White, Jeremy Strong, Paul Walter Hauser
USA 2025 | LEONINE


AGB | IMPRESSUM