Ein Biopic
der Reduktion statt der Verklärung. „Springsteen: Deliver
Me From Nowhere“ blickt dorthin, wo Ruhm verstummt und Kunst
beginnt. Jeremy Allen White verkörpert den Boss als verletzlichen
Arbeiter am eigenen Mythos.
Das
musikalische Biopic gilt seit Jahren als ein erschöpftes Genre:
Aufstieg, Krise, Triumph – ritualisierte Dramaturgien, die mehr
über die Erwartungen des Publikums als über ihre Sujets
erzählen. „Springsteen: Deliver Me From Nowhere“
begegnet dieser Ermüdung mit einer wohltuenden Geste der Verknappung.
Statt den Mythos Bruce Springsteen in epischer Breite auszuleuchten,
konzentriert sich der Film auf einen Moment der Selbstzweifel, des
Rückzugs und der künstlerischen Neuverortung. Gerade darin
liegt seine große Stärke. Der Film fokussiert auf das Jahr
1981, eine Schwellenzeit im Leben des Musikers: kommerziell auf dem
Höhepunkt, innerlich jedoch ausgezehrt. Nach dem Erfolg von „The
River“ kehrt Springsteen nach New Jersey zurück, entzieht
sich den Mechanismen der Industrie und arbeitet im Verborgenen an
jenem Album, das als „Nebraska“ zu einem der radikalsten
Brüche seiner Karriere werden sollte. Diese Entscheidung, das
Narrativ nicht auf Erfolg, sondern auf Verweigerung zu gründen,
verleiht dem Film eine ungewöhnliche Schärfe. Jeremy Allen
White spielt Springsteen nicht als charismatische Ikone, sondern als
erschöpften Mann Anfang dreißig, dessen Kreativität
untrennbar mit Angst, Depression und Selbstbeobachtung verbunden ist.
Seine Darstellung vermeidet Imitation zugunsten eines körperlich
spürbaren inneren Drucks. Der Blick ist häufig gesenkt,
die Stimme kontrolliert, fast spröde – ein Springsteen,
der sich selbst nicht mehr traut und gerade deshalb weiterarbeitet.
Die Performance gewinnt an Tiefe, je mehr sie sich von Whites bekannten
Rollenbildern löst und in eine stille Verletzlichkeit hineinfindet.
Regie und Drehbuch verweigern sich weitgehend der Versuchung, den
kreativen Prozess zu mystifizieren. Das Schreiben, Aufnehmen und Verwerfen
von Songs erscheint als mühselige, beinahe banale Arbeit, geprägt
von technischen Begrenzungen und psychischer Fragilität.
Besonders
eindrücklich sind die Passagen, die sich der Aufnahmetechnik
widmen: dem Knistern der Kassetten, der Enge des Schlafzimmers, der
Entscheidung, Unschärfen nicht zu glätten, sondern als ästhetisches
Prinzip zu akzeptieren. Der Film macht hier hör- und sichtbar,
wie aus Beschränkung ein eigener Klang entsteht. Auch auf der
narrativen Ebene bleibt „Deliver Me From Nowhere“ bewusst
unvollständig. Rückblenden in Springsteens Kindheit sind
fragmentarisch gehalten, seine familiären Konflikte eher angedeutet
als ausgespielt. Der alkoholkranke Vater, die überforderte Mutter,
das Milieu der Arbeiterklasse – all das erscheint weniger als
psychologischer Schlüssel denn als atmosphärischer Hintergrund.
Diese Zurückhaltung mag gelegentlich skizzenhaft wirken, bewahrt
den Film jedoch vor biografischer Überdetermination. Bemerkenswert
ist zudem die Entscheidung, Springsteen kaum als Star zu zeigen. Konzertmomente
blitzen nur kurz auf, Ruhm bleibt Randerscheinung. Stattdessen sieht
man einen Mann, der durch New Jersey geht, unbehelligt, beinahe unsichtbar.
Selbst ikonische Songs werden nicht ausgespielt, sondern gestreift
– als Verweise auf etwas, das größer geworden ist,
als es in diesem Film sein soll. Der
Fokus liegt konsequent auf dem Moment vor der Kanonisierung. In seiner
zweiten Hälfte gewinnt der Film deutlich an emotionaler Dichte.
Die Konsequenzen der künstlerischen Radikalität –
Isolation, Beziehungs-unfähigkeit, psychischer Zusammenbruch
– werden ernst genommen, ohne ins Pathos zu kippen. Eine Nebenfigur,
die Springsteens Unfähigkeit zur Nähe spiegelt, erhält
hier unerwartet Gewicht und verleiht dem Film eine leise soziale Dimension:
Kunst als Rettung, aber auch als Flucht. „Springsteen: Deliver
Me From Nowhere“, seit dem 06. Februar im Heimkino erhältlich,
ist kein Biopic, das erklärt, warum Bruce Springsteen berühmt
wurde. Es interessiert sich vielmehr dafür, warum er weitermachen
musste – gegen Marktlogik, gegen Erwartungen, gegen sich selbst.
In seiner konzentrierten Form, seiner ästhetischen Bescheidenheit
und seiner Weigerung zur Heroisierung erweist sich der Film als seltenes
Beispiel eines Musikfilms, der nicht das Denkmal, sondern den Menschen
sucht. Und gerade dadurch lange nachhallt.
SPRINGSTEEN: DELIVER ME FROM NOWHERE
ET:
06.02.26: DVD, Blu-ray und als 4K UHD Blu-ray | FSK 12
R: Scott Cooper | D: Jeremy Allen White, Jeremy Strong, Paul Walter
Hauser
USA 2025 | LEONINE