Schnee,
Schuld und savoyische Mythen: ein Krimi zwischen Folklore und Moderne.
„Schwarz wie Schnee 4 – Das Auge des Teufels“ variiert
vertraute Motive mit sicherer Hand. Der vierte Teil bleibt der Serie
treu und öffnet sie zugleich vorsichtig für neue Akzente.
Seit dem 05. Februar digital als Video on Demand zum Kaufen und Leihen
verfügbar.
Mit
„Schwarz wie Schnee 4 – Das Auge des Teufels“ setzt
die französisch-schweizerische Krimireihe ihre stille Erfolgsgeschichte
fort und bestätigt zugleich ihre eigene Serialität als ästhetisches
wie narratives Prinzip. Der Film, seit dem 05. Februar digital als
Video on Demand erhältlich, knüpft nahtlos an die vorangegangenen
Teile an und bietet genau jene Mischung aus alpiner Landschaft, überschaubarer
Figurenkonstellation und kriminalistischer Rätselstruktur, die
das Format etabliert hat. Neu ist dabei weniger das Was als das Wie.
Regisseur Pierre-Louis Pingault übernimmt erstmals die Regie
und zeigt vom ersten Bild an, dass er die visuellen und dramaturgischen
Konventionen der Reihe präzise kennt. Der Auftakt – eine
ruhige Fahrt über einen schneebedeckten Berggrat, gefolgt von
einer kontrollierten Tiefschneeabfahrt – fungiert nicht nur
als atmosphärischer Einstieg, sondern als programmatische Setzung:
Die Landschaft ist hier erneut nicht bloß Kulisse, sondern strukturierendes
Element. Der weiße Raum der Berge schafft Distanz, Isolation
und eine eigentümliche Form von Klarheit, die im Kontrast zur
moralischen Undurchsichtigkeit des Verbrechens steht. Im Zentrum stehen
erneut Bergretterin Constance Vivier und Kommissar Andréas
Meyer, ein eingespieltes Ermittlungsduo, dessen Reiz weniger aus Entwicklung
als aus Konstanz entsteht. Beide Figuren bleiben in ihren charakterlichen
Dispositionen nahezu unverändert: Constance agiert mit unbeirrbarem
Eigensinn und riskantem Ehrgeiz, während Andréas stoisch,
knurrig und von einer fast altmodischen Pflichttreue geprägt
ist. Diese Stagnation mag aus filmpsychologischer Sicht begrenzt wirken,
erweist sich innerhalb des Serienkonzepts jedoch als Stärke:
Wiedererkennbarkeit ersetzt Progression. Der Fall selbst bewegt sich
geschickt zwischen rationaler Kriminalistik und suggestiver Symbolik.
Ein Todesfall an einer abgelegenen Bergkapelle, geheimnisvolle Teufelsfiguren
aus Holz und der Verdacht auf okkulte Motive erzeugen zunächst
eine Atmosphäre des Unheimlichen. Doch wie so oft in der Reihe
wird das Mythische nicht affirmiert, sondern gebrochen. Der manipulierte
Herzschrittmacher lenkt den Verdacht in Richtung moderner Technologie
und Hackerkriminalität, wodurch sich ein spannungsreiches Feld
zwischen archaischer Folklore und zeitgenössischer Bedrohung
öffnet.
Besonders
interessant ist dabei der Rückgriff auf die lokale Legendenwelt
des savoyischen Dorfs Bessans. Der titelgebende Teufel fungiert nicht
nur als Requisit, sondern als kulturelles Gedächtnis, das Fragen
nach Schuld, Vergeltung und Erinnerung aufwirft. Der Film nutzt diese
Folklore jedoch nicht als Erklärungsmuster, sondern als narrative
Täuschung – als Spiegel menschlicher Projektionen. Das
Böse erscheint weniger als metaphysische Macht denn als Ergebnis
konkreter Interessen, Verletzungen und Motive. Visuell bleibt „Das
Auge des Teufels“ der klaren, präzisen Bildsprache der
Reihe treu, erlaubt sich jedoch punktuelle Erweiterungen. Pingault
integriert dezente visuelle Effekte, um Halluzinationen und subjektive
Wahrnehmungen einzelner Figuren erfahrbar zu machen. Diese Eingriffe
sind zurückhaltend eingesetzt und fügen sich organisch in
den ansonsten realistischen Stil ein. Auch die Wahl der Schauplätze
– etwa die markante Kapelle von Valfréjus als Wohnort
der Bildhauerin Kate Karswell – verstärkt die atmosphärische
Dichte und verleiht dem Film eine fast märchenhafte Strenge.
Narrativ bleibt der Film übersichtlich konstruiert. Die begrenzte
Zahl an Figuren reduziert die möglichen Täterkreise und
verschiebt den Fokus von der Frage nach dem „Wer“ hin
zum „Warum“. Diese Struktur sorgt für Klarheit, nimmt
der Auflösung jedoch auch einen Teil ihrer Überraschung.
Die Spannung speist sich weniger aus Twists als aus dem langsamen
Zusammenfügen der Motive – ein Verfahren, das der ruhigen
Erzählweise der Reihe entspricht. „Schwarz wie Schnee 4
– Das Auge des Teufels“ erfindet das Format nicht neu,
und genau darin liegt seine Konsequenz. Der Film liefert keine tiefgreifende
Figurenentwicklung und keine radikalen ästhetischen Brüche,
sondern eine souveräne Variation vertrauter Elemente. Für
Serienkenner ist dies ein Gewinn: Wiederkehrende Figuren, bekannte
Dynamiken und die geliebte Grenzregion zwischen Frankreich und der
Schweiz entfalten erneut ihren Reiz. Für Außenstehende
mag der Film konventionell erscheinen, doch innerhalb seines selbst
gesetzten Rahmens überzeugt er durch handwerkliche Sicherheit,
atmosphärische Geschlossenheit und eine kluge Verknüpfung
von regionaler Mythologie und moderner Kriminalität. So bleibt
am Ende ein Krimi, der weniger nach Innovation strebt als nach Verlässlichkeit
– und gerade darin seine Qualität findet.
SCHWARZ WIE SCHNEE 4: DAS AUGE DES TEUFELS
ET:
05.02.26: digital als Video on Demand zum Kaufen und Leihen
R: Pierre-Louis Pingault | D: Laurent Gerra, Clémentine Poidatz,
Nicolas de Broglie
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