Zwischen
Frankenstein-Mythos und Jahrmarktspektakel verhandelt „Alles
voller Monster“ die Frage nach Identität und Zugehörigkeit.
Der Animationsfilm verschiebt die Perspektive radikal: Nicht der Schöpfer,
sondern die Schöpfung erzählt. In rasantem Tempo entfaltet
sich eine Parabel über Ausbeutung, Selbstermächtigung und
das Recht auf Anderssein.
Der
Animationsfilm „Alles voller Monster“ schreibt die Traditionslinie
des Monströsen im Kinderfilm fort und setzt zugleich einen eigenständigen
Akzent. Nachdem das Genre längst damit begonnen hat, das vermeintlich
Furchteinflößende als empathiefähig zu rehabilitieren,
rückt dieser Film nun explizit jene Figuren ins Zentrum, die
in klassischen Erzählungen marginalisiert bleiben: die Geschöpfe
selbst. Die narrative Fokussierung auf die Perspektive der Kreatur
statt auf diejenige des genialisch-obsessiven Erfinders markiert dabei
eine entscheidende Verschiebung. Die literarische Folie bildet der
erste Band der von Guy Bass verfassten „Stitch Head“-Reihe,
die ihrerseits deutlich auf den Frankenstein-Mythos rekurriert. Bereits
in Frankenstein war das künstlich geschaffene Wesen keine bloße
Bedrohung, sondern eine tragische Figur im existenziellen Schwebezustand
zwischen Schöpfung und Verstoßung. „Alles voller
Monster“ radikalisiert diese Lesart, indem er das erzählerische
Gewicht vollständig auf das erste Geschöpf des exzentrischen
Wissenschaftlers verlagert: Stichkopf, Assistent, Aufräumer,
Fürsorger – und Vergessener. Aus kinderfilmwissenschaftlicher
Perspektive ist zunächst die räumliche Konstellation signifikant:
Ein abgeschiedenes Schloss über einer Kleinstadt fungiert als
liminaler Raum zwischen Innen und Außen, zwischen Monströsem
und vermeintlich Normalem. Die dort erschaffenen Wesen – hybride
Kompositionen aus unterschiedlichen Tierkörpern – sind
ästhetisch verspielt, nicht bedrohlich. Ihre Andersartigkeit
wird visuell markiert, aber dramaturgisch entschärft. Das Monströse
verliert seine Schreckensqualität und wird zur Projektionsfläche
für Fragen von Zugehörigkeit. Stichkopf eignet sich dabei
als Identifikationsfigur in besonderer Weise. Als erste Schöpfung
kennt er keine Welt außerhalb des Schlosses; seine Sozialisation
vollzieht sich im Schatten eines Schöpfers, der von seiner eigenen
Produktivität absorbiert ist. Für ein junges Publikum eröffnet
sich hier ein Narrativ der Selbstfindung: Wer bin ich, wenn mein „Vater“
mich nicht wahrnimmt?
Der
Film beantwortet diese Frage nicht über heroische Taten, sondern
über einen Prozess der Erkenntnis, angestoßen durch Begegnung.
Entscheidend ist die Figur des Mädchens Arabella aus der Stadt.
Sie fungiert als Gegenpol zum sensationshungrigen Unternehmer Fulbert
Freakfinder, dessen „Jahrmarkt unnatürlicher Wunder“
die Monster als Ware imaginiert. In der Gegenüberstellung von
empathischer Neugier und ökonomischer Verwertungslogik wird ein
zentrales Motiv des Kinderfilms sichtbar: die Kritik an der Instrumentalisierung
des Anderen. Arabella erkennt Subjektivität, wo Freakfinder lediglich
Attraktion wittert. Damit etabliert der Film ein ethisches Koordinatensystem,
das Kindern vermittelt, Differenz nicht zu konsumieren, sondern zu
verstehen. Freakfinder verkörpert eine kapitalistische Dynamik,
die das Abweichende als Profitquelle identifiziert. Seine Versprechungen
von Ruhm, Reichtum und Zuneigung entpuppen sich als rhetorische Lockmittel
– das versprochene „Paradies“ als billige Attrappe.
Die Verführung Stichkopfs verweist auf eine psychologisch plausible
Sehnsucht: gesehen zu werden. Gerade hier liegt die politische Pointe
des Films. Anerkennung wird nicht durch Marktwert generiert, sondern
durch Beziehung. In dieser Konstellation artikuliert sich –
implizit, aber deutlich – eine Kritik an der Logik des Merchandisings,
das auch im Kinderfilmbereich allgegenwärtig ist. Sollte die
industrielle Auswertung der Monsterfiguren in Form von Spielwaren
erfolgen, entstünde eine produktive Ambivalenz: Der Film problematisiert
die Kommodifizierung des Monströsen und wäre zugleich Teil
jener Verwertungsmechanismen. Diese Dialektik verweist auf die strukturellen
Bedingungen gegenwärtiger Animationsproduktion. Formal zeichnet
sich der Film durch ein hohes Erzähltempo aus, das insbesondere
jüngere Zuschauerinnen und Zuschauer fordern dürfte. Gleichwohl
kontrastieren eingeschobene schwarz-weiße Animationspassagen
den hektischen Rhythmus.
Diese Sequenzen erinnern in ihrer Anmutung an grafische Vorlagen und
fungieren als mediale Selbstreflexion: Der Film verweist auf seine
literarische Herkunft und etabliert zugleich eine visuelle Zäsur,
die dem Publikum Momente der Kontemplation gewährt. Die Monster
– mit sprechenden, aus Tierkombinationen gebildeten Namen –
sind originell gestaltet, treten jedoch hinter der Charakterentwicklung
Stichkopfs zurück. Diese Fokussierung ist dramaturgisch konsequent,
mindert aber die Möglichkeit, das Potenzial der Nebenfiguren
umfassend auszuschöpfen. Der Film entscheidet sich klar für
eine psychologische Verdichtung statt für ein enzyklopädisches
Panorama des Monströsen. Obwohl die narrative Ausgangslage an
den Schrecken des Frankenstein-Stoffs erinnert, dominiert eine komödiantische
Tonlage. Das Unheimliche wird ironisiert, die Bedrohung bleibt moderat.
Für das junge Publikum bedeutet dies eine kontrollierte Annäherung
an den Horror-Topos, ohne Überforderung. Angst wird ästhetisch
gerahmt und in Humor transformiert – eine Strategie, die dem
Kinderfilm seit jeher eigen ist. „Alles voller Monster“
erweist sich damit als klug konzipierte Adaption, die das Motiv des
geschaffenen Wesens als Metapher für Identitätssuche, Ausgrenzung
und Selbstbehauptung nutzt. Indem der Film die Perspektive der Kreatur
privilegiert, verschiebt er das Machtgefüge des Mythos. Das „Monster“
ist hier weder Bedrohung noch bloße Kuriosität, sondern
ein Subjekt mit Anspruch auf Anerkennung. Dass dieser Filmklassiker
ab dem 20. Februar als DVD sowie digital erhältlich ist, bietet
Anlass zur Wiederentdeckung. In einer Zeit, in der Differenz politisch
instrumentalisiert wird, erinnert „Alles voller Monster“
daran, dass das Fremde nicht domestiziert, sondern verstanden werden
will – und dass Selbstermächtigung oft dort beginnt, wo
man den eigenen Wert nicht länger von den Blicken anderer abhängig
macht.
ALLES VOLLER MONSTER
ET:
20.02.26: DVD & digital | FSK 6
R: Steve Hudson, Toby Genkel | Animationsfilm
Deutschland, Luxemburg, Großbritannien 2025 | LEONINE