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DVD & BLU-RAY | 18.02.2026

Alles voller Monster

Zwischen Frankenstein-Mythos und Jahrmarktspektakel verhandelt „Alles voller Monster“ die Frage nach Identität und Zugehörigkeit. Der Animationsfilm verschiebt die Perspektive radikal: Nicht der Schöpfer, sondern die Schöpfung erzählt. In rasantem Tempo entfaltet sich eine Parabel über Ausbeutung, Selbstermächtigung und das Recht auf Anderssein.

von Franziska Keil


© LEONINE

Der Animationsfilm „Alles voller Monster“ schreibt die Traditionslinie des Monströsen im Kinderfilm fort und setzt zugleich einen eigenständigen Akzent. Nachdem das Genre längst damit begonnen hat, das vermeintlich Furchteinflößende als empathiefähig zu rehabilitieren, rückt dieser Film nun explizit jene Figuren ins Zentrum, die in klassischen Erzählungen marginalisiert bleiben: die Geschöpfe selbst. Die narrative Fokussierung auf die Perspektive der Kreatur statt auf diejenige des genialisch-obsessiven Erfinders markiert dabei eine entscheidende Verschiebung. Die literarische Folie bildet der erste Band der von Guy Bass verfassten „Stitch Head“-Reihe, die ihrerseits deutlich auf den Frankenstein-Mythos rekurriert. Bereits in Frankenstein war das künstlich geschaffene Wesen keine bloße Bedrohung, sondern eine tragische Figur im existenziellen Schwebezustand zwischen Schöpfung und Verstoßung. „Alles voller Monster“ radikalisiert diese Lesart, indem er das erzählerische Gewicht vollständig auf das erste Geschöpf des exzentrischen Wissenschaftlers verlagert: Stichkopf, Assistent, Aufräumer, Fürsorger – und Vergessener. Aus kinderfilmwissenschaftlicher Perspektive ist zunächst die räumliche Konstellation signifikant: Ein abgeschiedenes Schloss über einer Kleinstadt fungiert als liminaler Raum zwischen Innen und Außen, zwischen Monströsem und vermeintlich Normalem. Die dort erschaffenen Wesen – hybride Kompositionen aus unterschiedlichen Tierkörpern – sind ästhetisch verspielt, nicht bedrohlich. Ihre Andersartigkeit wird visuell markiert, aber dramaturgisch entschärft. Das Monströse verliert seine Schreckensqualität und wird zur Projektionsfläche für Fragen von Zugehörigkeit. Stichkopf eignet sich dabei als Identifikationsfigur in besonderer Weise. Als erste Schöpfung kennt er keine Welt außerhalb des Schlosses; seine Sozialisation vollzieht sich im Schatten eines Schöpfers, der von seiner eigenen Produktivität absorbiert ist. Für ein junges Publikum eröffnet sich hier ein Narrativ der Selbstfindung: Wer bin ich, wenn mein „Vater“ mich nicht wahrnimmt?


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Der Film beantwortet diese Frage nicht über heroische Taten, sondern über einen Prozess der Erkenntnis, angestoßen durch Begegnung. Entscheidend ist die Figur des Mädchens Arabella aus der Stadt. Sie fungiert als Gegenpol zum sensationshungrigen Unternehmer Fulbert Freakfinder, dessen „Jahrmarkt unnatürlicher Wunder“ die Monster als Ware imaginiert. In der Gegenüberstellung von empathischer Neugier und ökonomischer Verwertungslogik wird ein zentrales Motiv des Kinderfilms sichtbar: die Kritik an der Instrumentalisierung des Anderen. Arabella erkennt Subjektivität, wo Freakfinder lediglich Attraktion wittert. Damit etabliert der Film ein ethisches Koordinatensystem, das Kindern vermittelt, Differenz nicht zu konsumieren, sondern zu verstehen. Freakfinder verkörpert eine kapitalistische Dynamik, die das Abweichende als Profitquelle identifiziert. Seine Versprechungen von Ruhm, Reichtum und Zuneigung entpuppen sich als rhetorische Lockmittel – das versprochene „Paradies“ als billige Attrappe. Die Verführung Stichkopfs verweist auf eine psychologisch plausible Sehnsucht: gesehen zu werden. Gerade hier liegt die politische Pointe des Films. Anerkennung wird nicht durch Marktwert generiert, sondern durch Beziehung. In dieser Konstellation artikuliert sich – implizit, aber deutlich – eine Kritik an der Logik des Merchandisings, das auch im Kinderfilmbereich allgegenwärtig ist. Sollte die industrielle Auswertung der Monsterfiguren in Form von Spielwaren erfolgen, entstünde eine produktive Ambivalenz: Der Film problematisiert die Kommodifizierung des Monströsen und wäre zugleich Teil jener Verwertungsmechanismen. Diese Dialektik verweist auf die strukturellen Bedingungen gegenwärtiger Animationsproduktion. Formal zeichnet sich der Film durch ein hohes Erzähltempo aus, das insbesondere jüngere Zuschauerinnen und Zuschauer fordern dürfte. Gleichwohl kontrastieren eingeschobene schwarz-weiße Animationspassagen den hektischen Rhythmus.


© LEONINE

Diese Sequenzen erinnern in ihrer Anmutung an grafische Vorlagen und fungieren als mediale Selbstreflexion: Der Film verweist auf seine literarische Herkunft und etabliert zugleich eine visuelle Zäsur, die dem Publikum Momente der Kontemplation gewährt. Die Monster – mit sprechenden, aus Tierkombinationen gebildeten Namen – sind originell gestaltet, treten jedoch hinter der Charakterentwicklung Stichkopfs zurück. Diese Fokussierung ist dramaturgisch konsequent, mindert aber die Möglichkeit, das Potenzial der Nebenfiguren umfassend auszuschöpfen. Der Film entscheidet sich klar für eine psychologische Verdichtung statt für ein enzyklopädisches Panorama des Monströsen. Obwohl die narrative Ausgangslage an den Schrecken des Frankenstein-Stoffs erinnert, dominiert eine komödiantische Tonlage. Das Unheimliche wird ironisiert, die Bedrohung bleibt moderat. Für das junge Publikum bedeutet dies eine kontrollierte Annäherung an den Horror-Topos, ohne Überforderung. Angst wird ästhetisch gerahmt und in Humor transformiert – eine Strategie, die dem Kinderfilm seit jeher eigen ist. „Alles voller Monster“ erweist sich damit als klug konzipierte Adaption, die das Motiv des geschaffenen Wesens als Metapher für Identitätssuche, Ausgrenzung und Selbstbehauptung nutzt. Indem der Film die Perspektive der Kreatur privilegiert, verschiebt er das Machtgefüge des Mythos. Das „Monster“ ist hier weder Bedrohung noch bloße Kuriosität, sondern ein Subjekt mit Anspruch auf Anerkennung. Dass dieser Filmklassiker ab dem 20. Februar als DVD sowie digital erhältlich ist, bietet Anlass zur Wiederentdeckung. In einer Zeit, in der Differenz politisch instrumentalisiert wird, erinnert „Alles voller Monster“ daran, dass das Fremde nicht domestiziert, sondern verstanden werden will – und dass Selbstermächtigung oft dort beginnt, wo man den eigenen Wert nicht länger von den Blicken anderer abhängig macht.


ALLES VOLLER MONSTER

ET: 20.02.26: DVD & digital | FSK 6
R: Steve Hudson, Toby Genkel | Animationsfilm
Deutschland, Luxemburg, Großbritannien 2025 | LEONINE


 


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