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DIGITAL | 18.02.2026

Die Kinder aus der Silberstraße

Vier Kinder ohne Eltern, eine Straße als Möglichkeitsraum – „Die Kinder aus der Silberstraße“ erzählt von Autonomie und Sehnsucht. Zwischen Märchenhaftigkeit und sozialer Realität entfaltet sich ein sensibles Porträt kindlicher Resilienz. Regisseur Mehdi Avaz vertraut auf große Gefühle und visuelle Opulenz – ohne die Ernsthaftigkeit zu scheuen.

von Franziska Keil


© Ray Løvschal

Mit „Die Kinder aus der Silberstraße“ legt Regisseur Mehdi Avaz eine Familienproduktion vor, die sich der doppelten Herausforderung stellt, literarische Vorlage und eigenständige filmische Handschrift miteinander zu versöhnen. Die Adaption basiert auf der gleichnamigen Buchreihe von Renée Toft Simonsen, die nicht nur als Autorin, sondern auch als Drehbuchverfasserin maßgeblich an der filmischen Umsetzung beteiligt ist. Diese enge Verzahnung von Literatur und Film erweist sich als produktive Spannung: Der Stoff bleibt seiner emotionalen Grundierung treu, während das Kino seine eigenen ästhetischen Akzente setzt. Im Zentrum stehen vier Geschwister, die ohne elterliche Aufsicht zusammenleben und ihren Alltag eigenständig organisieren. Was in einer realistischen Lesart als prekäre Situation erscheinen müsste, wird hier in eine poetisch überhöhte, beinahe märchenhafte Sphäre überführt. Die Silberstraße fungiert als liminaler Raum – zwischen sozialer Wirklichkeit und Fantasie, zwischen Verwundbarkeit und Selbstermächtigung. Aus kinderfilmwissenschaftlicher Perspektive operiert der Film mit einem Motiv, das in der europäischen Kinderliteratur tief verankert ist: der Abwesenheit der Mutterfigur. Wie schon in Astrid Lindgrens Pippi Langstrumpf entsteht ein Möglichkeitsraum, in dem Kinder Autonomie erproben können. Doch während Lindgrens Heldin radikale Unabhängigkeit verkörpert, ist die Situation der Silberstraßen-Geschwister ambivalenter grundiert. Ihr Zusammenhalt ist nicht Ausdruck anarchischer Freiheit, sondern Resultat einer biografischen Notwendigkeit. Der Film thematisiert damit ein zentrales Entwicklungsnarrativ: Kinder sind nicht bloß Schutzbefohlene, sondern kompetente Subjekte mit Handlungsmacht. Sie organisieren Haushaltsführung, Konfliktlösung und emotionale Unterstützung. Diese Darstellung kindlicher Selbstwirksamkeit besitzt emanzipatorisches Potenzial, da sie jungen Zuschauerinnen und Zuschauern zutraut, Komplexität zu erfassen und Verantwortung zu denken.


© Peter Gramstrup

Zugleich wird die Schwere des Stoffes – Fragen nach Herkunft, Identität und den biologischen Vätern – nicht verleugnet, sondern in eine Form gebracht, die Hoffnung ermöglicht. Die Inszenierung balanciert Ernst und Leichtigkeit sorgfältig aus. Schmerzliche Aspekte werden nicht ausgespart, aber ästhetisch gerahmt, sodass sie für ein junges Publikum zugänglich bleiben. Humor fungiert hier als narrative Pufferzone, nicht als Verharmlosung. Bemerkenswert ist zudem die Figur eines fürsorglichen Mannes, der traditionelle Mutterfunktionen übernimmt. Diese Verschiebung familialer Rollenbilder unterläuft normative Zuschreibungen von Care-Arbeit. In einer Zeit, in der Geschlechterbilder neu verhandelt werden, sendet der Film ein deutliches Signal: Fürsorge ist keine biologisch determinierte, sondern eine soziale Praxis. Avaz’ Regie zeichnet sich durch ein offenes Bekenntnis zu starken Emotionen aus. Statt affektiver Zurückhaltung setzt er auf Pathos – allerdings kontrolliert und eingebettet in eine visuelle Gestaltung, die auf hohem Produktionsniveau operiert. Die Bildsprache ist von märchenhaften Tableaus geprägt: warme Farbpaletten, sorgfältig komponierte Räume, eine Atmosphäre zwischen Realismus und Fantastik. Die Arbeit mit Kinderdarstellenden verlangt dabei besondere Sensibilität. Authentizität entsteht hier weniger durch technische Virtuosität als durch Geduld und pädagogisches Feingefühl. Der Film profitiert von einer spürbaren Unmittelbarkeit im Spiel der jungen Ensemblemitglieder. Ihre Performances oszillieren zwischen Natürlichkeit und bewusst gesetzter Emotionalität – eine Balance, die das Genre des Kinderfilms stets neu austarieren muss. Interessant ist die Positionierung des Films im gegenwärtigen Marktumfeld. Während Avaz mit früheren Produktionen internationale Streaming-Erfolge erzielen konnte, bleibt der Kinderfilm häufig unterrepräsentiert. „Die Kinder aus der Silberstraße“ setzt hier ein Zeichen: Er beansprucht für das Familienkino denselben ästhetischen Anspruch wie für das Erwachsenenformat. Visuelle Opulenz und dramaturgische Sorgfalt werden nicht reduziert, sondern bewusst investiert.


DIE KINDER AUS DER SILBERSTRASSE

ET: 19.02.26: digital | R: Mehdi Avaz
D: Ida Skelbæk-Knudsen, Alfred Nordhøj Kann, Jakob Fauerby
Dänemark 2024 | Atlas Film


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