Das Jenseits
als Behörde: „Zweigstelle“ denkt den Tod als Verwaltungsakt.
Julius Grimm verbindet schwarze Komödie mit Heimatfilm-Topoi
und kafkaesker Groteske. Zwischen Wartemarke und metaphysischem Hausmeister
entfaltet sich eine kluge Satire auf Glauben und Identität.
Mit
„Zweigstelle“ legt Julius Grimm ein bemerkenswert eigenständiges
Kinodebüt vor, das die metaphysische Frage nach dem „Danach“
in die nüchterne Ästhetik deutscher Amtsstuben überführt.
Der Tod erscheint hier nicht als transzendenter Schwellenmoment, sondern
als bürokratischer Vorgang – nummeriert, geprüft,
abgeheftet. Der Spielfilm ist ab dem 27. Februar auf DVD für
das Heimkino erhältlich und lädt dazu ein, diese ebenso
absurde wie präzise gebaute Jenseitsvision noch einmal in Ruhe
zu durchmessen. Vier junge Menschen, auf dem Weg, die letzte Verfügung
eines Freundes zu erfüllen, geraten durch einen Unfall in einen
Zwischenraum, der sich rasch als posthume Verwaltungsinstanz entpuppt.
Die Pointe liegt nicht in der Enthüllung ihres Todes –
sondern in der Art und Weise, wie dieser organisiert wird. Das Jenseits
firmiert als „Zweigstelle Süddeutschland III/2“,
komplett mit Wartemarkenautomat, Pausenzeiten und überforderten
Sachbearbeiterinnen. Diese Konzeption reiht sich in eine filmhistorische
Tradition ein, die das Transzendente in institutionelle Räume
überführt – man denke an „Beetlejuice“
oder an die dystopische Bürokratie in „Brazil“. Grimm
jedoch akzentuiert anders: Sein Jenseits ist weniger barock-exzentrisch
als lakonisch-provinziell. Die Amtsstube wirkt vertraut, beinahe heimatfilmhaft
verankert, wodurch der metaphysische Schrecken in die Banalität
des Alltags einsickert. Formal verknüpft der Film das Sujet der
schwarzen Komödie mit Motiven des sogenannten neuen Heimatfilms.
Das Provinzielle wird nicht idealisiert, sondern als mentaler Aggregatzustand
beschrieben. Die Begegnung der vier Verstorbenen mit zwei überdrehten
Verwaltungsangestellten – gespielt von Luise Kinseher und Johanna
Bittenbinder – generiert eine burleske Energie, die aus der
Diskrepanz zwischen kosmischer Tragweite und begrenztem Bearbeitungszeitraum
resultiert: Acht Minuten pro „Fall“, um das Glaubensbekenntnis
eines Lebens zu evaluieren. Hier gelingt Grimm eine treffende Übersetzung
existenzieller Fragen in Verfahrenslogik.
Glaube
wird zur prüfbaren Kategorie, das Nichts zur verwalteten Endstation.
Die ontologische Leere erscheint nicht als metaphysische Abstraktion,
sondern als infrastrukturell gewarteter Raum – betreut von einem
Hausmeister, den Rainer Bock mit stoischer Gravität verkörpert.
In seinen Szenen verdichtet sich der Film zu philosophischer Groteske:
Das „Nichts“ wird nicht gedacht, sondern instandgehalten.
Visuell operiert „Zweigstelle“ mit einer kalkulierten
Reduktion. Die sterile Büroarchitektur kontrastiert mit der existenziellen
Dimension des Geschehens. Weiß dominiert – nicht als Symbol
der Reinheit, sondern als Leerfläche. Die
Figuren erscheinen in Unterwäsche, entkleidet aller sozialen
Marker, was ihre Gleichheit vor der Instanz betont. Zugleich evoziert
diese Kostümierung eine humorvolle Irritation, die das Pathos
des Todes unterläuft. In seinen stärksten Momenten erreicht
der Film eine eigentümliche Balance aus Wes-Anderson-hafter Symmetrie
und kafkaesker Verfahrensparanoia. Die Kamera bleibt häufig statisch,
beobachtend, wodurch der absurde Verwaltungsablauf eine dokumentarische
Trockenheit erhält. Das Komische entsteht weniger durch Pointen
als durch strukturelle Wiederholung: Nummer ziehen, warten, geprüft
werden. Die vier jungen Protagonistinnen und Protagonisten fungieren
primär als Projektionsflächen für das existenzielle
Experiment. Ihre Charakterzeichnung bleibt bewusst skizzenhaft; sie
sind weniger psychologisch ausgearbeitet als funktional in das Konzept
eingebunden. Gerade diese Zurücknahme kann als ästhetische
Entscheidung gelesen werden: Im Angesicht des Endgültigen verlieren
biografische Details an Bedeutung. Wo der Film ins Derbe abgleitet
– etwa bei exaltierten Nebenfiguren – droht die Satire
ins Grotesk-Vordergründige zu kippen. Doch insgesamt bewahrt
Grimm eine beachtliche formale Disziplin. Der Humor bleibt dunkel,
aber nicht zynisch; der Tod wird nicht trivialisierend, sondern als
administrativer Ausnahmezustand verhandelt.
ZWEIGSTELLE
ET:
27.02.26: DVD & digital | FSK 6
R: Julius Grimm | D: Sarah Mahita, Rainer Bock, Hong Nhung
Deutschland 2025 | Weltkino