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DVD & BLU-RAY | 25.02.2026

ZWEIGSTELLE

Das Jenseits als Behörde: „Zweigstelle“ denkt den Tod als Verwaltungsakt. Julius Grimm verbindet schwarze Komödie mit Heimatfilm-Topoi und kafkaesker Groteske. Zwischen Wartemarke und metaphysischem Hausmeister entfaltet sich eine kluge Satire auf Glauben und Identität.

von Franziska Keil


© WennDann Film GmbH, Fotograf: Luis Zeno Kuhn

Mit „Zweigstelle“ legt Julius Grimm ein bemerkenswert eigenständiges Kinodebüt vor, das die metaphysische Frage nach dem „Danach“ in die nüchterne Ästhetik deutscher Amtsstuben überführt. Der Tod erscheint hier nicht als transzendenter Schwellenmoment, sondern als bürokratischer Vorgang – nummeriert, geprüft, abgeheftet. Der Spielfilm ist ab dem 27. Februar auf DVD für das Heimkino erhältlich und lädt dazu ein, diese ebenso absurde wie präzise gebaute Jenseitsvision noch einmal in Ruhe zu durchmessen. Vier junge Menschen, auf dem Weg, die letzte Verfügung eines Freundes zu erfüllen, geraten durch einen Unfall in einen Zwischenraum, der sich rasch als posthume Verwaltungsinstanz entpuppt. Die Pointe liegt nicht in der Enthüllung ihres Todes – sondern in der Art und Weise, wie dieser organisiert wird. Das Jenseits firmiert als „Zweigstelle Süddeutschland III/2“, komplett mit Wartemarkenautomat, Pausenzeiten und überforderten Sachbearbeiterinnen. Diese Konzeption reiht sich in eine filmhistorische Tradition ein, die das Transzendente in institutionelle Räume überführt – man denke an „Beetlejuice“ oder an die dystopische Bürokratie in „Brazil“. Grimm jedoch akzentuiert anders: Sein Jenseits ist weniger barock-exzentrisch als lakonisch-provinziell. Die Amtsstube wirkt vertraut, beinahe heimatfilmhaft verankert, wodurch der metaphysische Schrecken in die Banalität des Alltags einsickert. Formal verknüpft der Film das Sujet der schwarzen Komödie mit Motiven des sogenannten neuen Heimatfilms. Das Provinzielle wird nicht idealisiert, sondern als mentaler Aggregatzustand beschrieben. Die Begegnung der vier Verstorbenen mit zwei überdrehten Verwaltungsangestellten – gespielt von Luise Kinseher und Johanna Bittenbinder – generiert eine burleske Energie, die aus der Diskrepanz zwischen kosmischer Tragweite und begrenztem Bearbeitungszeitraum resultiert: Acht Minuten pro „Fall“, um das Glaubensbekenntnis eines Lebens zu evaluieren. Hier gelingt Grimm eine treffende Übersetzung existenzieller Fragen in Verfahrenslogik.


© WennDann Film GmbH, Fotograf: Luis Zeno Kuhn

Glaube wird zur prüfbaren Kategorie, das Nichts zur verwalteten Endstation. Die ontologische Leere erscheint nicht als metaphysische Abstraktion, sondern als infrastrukturell gewarteter Raum – betreut von einem Hausmeister, den Rainer Bock mit stoischer Gravität verkörpert. In seinen Szenen verdichtet sich der Film zu philosophischer Groteske: Das „Nichts“ wird nicht gedacht, sondern instandgehalten. Visuell operiert „Zweigstelle“ mit einer kalkulierten Reduktion. Die sterile Büroarchitektur kontrastiert mit der existenziellen Dimension des Geschehens. Weiß dominiert – nicht als Symbol der Reinheit, sondern als Leerfläche. Die Figuren erscheinen in Unterwäsche, entkleidet aller sozialen Marker, was ihre Gleichheit vor der Instanz betont. Zugleich evoziert diese Kostümierung eine humorvolle Irritation, die das Pathos des Todes unterläuft. In seinen stärksten Momenten erreicht der Film eine eigentümliche Balance aus Wes-Anderson-hafter Symmetrie und kafkaesker Verfahrensparanoia. Die Kamera bleibt häufig statisch, beobachtend, wodurch der absurde Verwaltungsablauf eine dokumentarische Trockenheit erhält. Das Komische entsteht weniger durch Pointen als durch strukturelle Wiederholung: Nummer ziehen, warten, geprüft werden. Die vier jungen Protagonistinnen und Protagonisten fungieren primär als Projektionsflächen für das existenzielle Experiment. Ihre Charakterzeichnung bleibt bewusst skizzenhaft; sie sind weniger psychologisch ausgearbeitet als funktional in das Konzept eingebunden. Gerade diese Zurücknahme kann als ästhetische Entscheidung gelesen werden: Im Angesicht des Endgültigen verlieren biografische Details an Bedeutung. Wo der Film ins Derbe abgleitet – etwa bei exaltierten Nebenfiguren – droht die Satire ins Grotesk-Vordergründige zu kippen. Doch insgesamt bewahrt Grimm eine beachtliche formale Disziplin. Der Humor bleibt dunkel, aber nicht zynisch; der Tod wird nicht trivialisierend, sondern als administrativer Ausnahmezustand verhandelt.


ZWEIGSTELLE

ET: 27.02.26: DVD & digital | FSK 6
R: Julius Grimm | D: Sarah Mahita, Rainer Bock, Hong Nhung
Deutschland 2025 | Weltkino


 


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