Christian
Ditters „Momo“ verlegt Michael Endes Zeitparabel in eine
hybride Gegenwart zwischen Märchenraum und Social-Media-Ära.
Im Vergleich zur Verfilmung von 1986 verschiebt sich der Akzent vom
poetischen Stillstand zur medial beschleunigten Welt.
Zwischen visueller Opulenz und emotionaler Distanz ringt der Film
um Aktualität und Universalität.
Als
die erste Kinoadaption von Michael Endes 1973 erschienenem Roman „Momo“
im Jahr 1986 Premiere feierte, avancierte sie rasch zu einem Fixpunkt
des europäischen Kinder- und Jugendfilms. Unter der Regie von
Johannes Schaaf und mit Darstellern wie Mario Adorf und Armin Mueller-Stahl
entfaltete sich eine poetische, deutlich im Analogen verankerte Bildwelt,
die dem Roman von Michael Ende eine beinahe zeitenthobene Aura verlieh.
Die nun vorliegende Neuinterpretation durch Christian Ditter sucht
hingegen explizit die Reibung mit der Gegenwart. Seit dem 20. Februar
ist der Film im Heimkino erhältlich – ein Anlass, beide
Fassungen in ihrer ästhetischen und ideologischen Ausrichtung
vergleichend zu betrachten. Die Verfilmung von 1986 konzipierte den
Schauplatz als märchenhaft entrückte Sphäre. Die Ruine
des Amphitheaters fungierte als konkreter wie symbolischer Ort: als
Residuum vergangener Kulturen und als Schutzraum gegen die Ökonomisierung
der Lebenszeit. Die Bildgestaltung setzte auf warme, organische Farbwerte
und eine entschleunigte Mise-en-scène, die Endes Zeitkritik
visuell spiegelte. Ditters Adaption dagegen arbeitet mit einer bewusst
irritierenden Hybridisierung der Räume. Enge Gassen, die an südeuropäische
Nachkriegsarchitekturen erinnern, kollidieren mit gläsernen Hochhäusern
globaler Konzerne. Historische Anmutung und digitale Gegenwart überlagern
sich. Diese Gleichzeitigkeit erzeugt eine Art temporales Palimpsest:
Der Film verortet seine Geschichte weder eindeutig im Damals noch
im Heute, sondern in einer transitorischen Zwischenzone. Die ästhetische
Strategie zielt auf Universalität – auf die Idee, dass
der Raub der Zeit kein historisch begrenztes Phänomen ist. Doch
im Unterschied zur kohärenten Märchenlogik der 1986er-Version
wirkt diese Überblendung gelegentlich konstruiert. Wo Schaafs
Film einen in sich geschlossenen Kosmos etablierte, oszilliert Ditter
zwischen Realismus und Allegorie. Inhaltlich bleibt die neue Fassung
der Grundstruktur des Romans verpflichtet: Momo, das unabhängige
Waisenmädchen, lebt am Rand der Gesellschaft und besitzt die
Gabe des radikalen Zuhörens. Durch ihre Aufmerksamkeit stiftet
sie Gemeinschaft. Die Antagonisten – bei Ende als „graue
Herren“ bekannt – erscheinen nun als technokratische Figuren,
die mittels digitaler Gadgets und scheinbar effizienzsteigernder Geräte
Lebenszeit extrahieren. Hier liegt der entscheidende Unterschied zur
Verfilmung von 1986. Damals waren die Zeitdiebe vor allem bürokratische
Phantome, Verkörperungen einer anonymen Rationalität. In
Ditters Version nehmen sie Züge spätkapitalistischer Plattformökonomie
an.
Armbänder,
die an Fitness-Tracker erinnern, und Verdampfungsgeräte, mit
denen Zeit gespeichert wird, verweisen auf Selbstoptimierungsdiskurse
und Influencer-Kulturen. Die Figur des Gino, die sich vom Freund zum
medial gefeierten Star transformiert, fungiert als Scharnier dieser
Aktualisierung. Die Zeit wird nicht mehr nur administrativ verwaltet,
sondern performativ ausgestellt. Aufmerksamkeit wird zur Währung,
Sichtbarkeit zur Falle. Alexa Goodall verkörpert Momo mit stiller
Präsenz, die stärker auf innere Sammlung als auf kindliche
Naivität setzt. Im Vergleich zur früheren Verfilmung wirkt
diese Momo weniger entrückt, dafür geerdeter im sozialen
Gefüge. Beppo (Kim Bodnia) und Meister Hora (Martin Freeman)
sind prominent besetzt; ihre internationale Starpräsenz verleiht
dem Film Produktionsglanz, erzeugt jedoch zugleich eine gewisse Distanz.
Gerade hierin unterscheidet sich Ditters Version signifikant von der
1986er-Adaption. Dort fügten sich die Darsteller organisch in
das Ensemble ein; die Figuren wirkten als Teil eines homogenen Märchenraums.
In der aktuellen Fassung entsteht bisweilen ein Spannungsverhältnis
zwischen allegorischer Figur und starbewusster Performance. Die narrative
Kohärenz leidet darunter nicht fundamental, wohl aber die emotionale
Unmittelbarkeit. Ein weiterer Unterschied betrifft die adressierte
Zuschauergruppe. Während die 1986er-Verfilmung
klar im Kinder- und Jugendfilm verankert war, tendiert Ditters Werk
stärker in Richtung Young Adult. Einzelne Sequenzen entfalten
eine visuelle und emotionale Intensität, die für jüngere
Kinder herausfordernd sein dürfte. Diese Verschiebung korrespondiert
mit der thematischen Aktualisierung: Die Gefährdung geht nicht
mehr primär von grauen Anzugträgern aus, sondern von Verlockungen
digitaler Selbstinszenierung. Christian Ditters „Momo“
ist ein ambitionierter Versuch, Endes Parabel in eine Ära permanenter
Beschleunigung zu überführen. Die visuelle Opulenz und die
expliziten Bezüge zur Gegenwart eröffnen neue Deutungsebenen.
Zugleich geht ein Teil jener poetischen Schlichtheit verloren, die
die Verfilmung von 1986 auszeichnete. Wo Schaaf auf die Kraft des
Stillstands setzte, arbeitet Ditter mit der Ästhetik der Überlagerung.
Beide Strategien haben ihre Berechtigung: Die ältere Fassung
überzeugt durch atmosphärische Geschlossenheit, die neue
durch diskursive Anschlussfähigkeit. Dass Letztere nicht durchgehend
berührt, mag weniger als Scheitern denn als Symptom ihrer programmatischen
Modernisierung verstanden werden. So bleibt Ditters „Momo“
eine produktive, wenn auch nicht restlos geglückte Neuinterpretation
– ein Film, der den Mythos nicht reproduziert, sondern befragt.
MOMO
ET:
20.02.26: DVD & Blu-ray | FSK 6 | Constantin Film / LEONINE
R: Christian Ditter | D: Alexa Goodall, Araloyin Oshunremi | Deutschland
2025
Bonus:
Interviews mit Cast & Crew, Deleted & Extended Scenes, ein
Making of: VFX u.v.m.