Zwischen
Gaunerstück, Liebesgeschichte und Charakterstudie entfaltet „Der
Hochstapler – Roofman“ seine eigentümliche Faszination.
Derek Cianfrance erzählt die Geschichte eines notorischen Einbrechers
mit unerwarteter Zärtlichkeit. Dabei entsteht ein Film, der Charme,
Melancholie und ironische Leichtigkeit miteinander verbindet.
Biografische
Filme über Kriminelle bewegen sich traditionell im Spannungsfeld
zwischen moralischer Distanz und narrativer Faszination. Das Kino
hat seit jeher eine besondere Vorliebe für Figuren entwickelt,
deren Leben zwischen Gesetzesbruch und Charisma oszilliert. In „Der
Hochstapler – Roofman“ greift Regisseur Derek Cianfrance
diese Tradition auf und formt daraus ein Werk, das zugleich Heist-Komödie,
Liebesgeschichte und melancholische Charakterstudie ist. Im Zentrum
steht Jeffrey Manchester, ein ehemaliger Reservist der US-Armee, dessen
spektakuläre Einbruchserie in den späten 1990er-Jahren ihm
den Spitznamen „Roofman“ einbrachte. Sein Vorgehen ist
ebenso simpel wie eigentümlich: Über ungesicherte Dächer
dringt er in Filialen amerikanischer Fast-Food-Ketten ein, um sie
auszurauben. Die eigentliche narrative Bewegung des Films beginnt
jedoch erst nach seiner Verurteilung, als Manchester aus einem Gefängnis
in North Carolina flieht und sich in einem ungewöhnlichen Versteck
verbirgt – einer kaum zugänglichen Nische im Inneren eines
Spielwarenhauses. Cianfrance nutzt dieses Setting, um eine Geschichte
zu erzählen, die weniger von krimineller Raffinesse als von menschlicher
Sehnsucht handelt. Der Protagonist lebt monatelang verborgen im Gebäude,
beobachtet die Routinen der Angestellten und entwickelt dabei eine
besondere Aufmerksamkeit für Details – eine Fähigkeit,
die im Film mehrfach als seine eigentliche Stärke hervorgehoben
wird. Aus dieser Beobachtungsperspektive entsteht schließlich
eine Beziehung zu Leigh, einer Mitarbeiterin des Geschäfts, die
als alleinerziehende Mutter ihren eigenen Alltag zwischen Verantwortung
und emotionaler Unsicherheit organisiert. Der Film entfaltet seine
Wirkung vor allem durch die darstellerische Präsenz von Channing
Tatum. Seine Interpretation des Jeffrey Manchester verbindet entwaffnenden
Charme mit einem leisen Gefühl der Verletzlichkeit. Besonders
bemerkenswert ist die Art und Weise, wie Tatum komplexe emotionale
Zustände häufig ohne große Gesten vermittelt: Ein
Blick, eine kurze Verzögerung in der Reaktion, ein zögerndes
Lächeln – all dies trägt dazu bei, die Figur jenseits
des klassischen Gaunerarchetyps zu verorten. Diese Darstellung erzeugt
eine paradoxe Zuschauererfahrung. Obwohl Manchester eindeutig moralisch
fragwürdige Entscheidungen trifft, entwickelt sich eine gewisse
Empathie für ihn. Der Film lädt das Publikum dazu ein, den
Protagonisten nicht nur als Täter, sondern als Suchenden zu betrachten
– einen Mann, der in seinen ungeschickten Versuchen, Nähe
und Stabilität zu finden, immer wieder scheitert.
Eine
zentrale Rolle spielt dabei Kirsten Dunst als Leigh. Mit ihrer charakteristischen
Mischung aus emotionaler Offenheit und subtiler Ironie verleiht sie
der Figur eine bemerkenswerte Authentizität. Leigh ist weder
idealisierte Retterfigur noch bloßes dramaturgisches Gegenüber;
vielmehr wird sie zu einer eigenständigen Persönlichkeit,
deren Lebenserfahrung und pragmatische Haltung dem Film eine zusätzliche
emotionale Erdung verleihen. Die Szenen zwischen ihr und Tatum besitzen
eine ruhige Intimität, die den Film immer wieder aus dem Genrehaften
heraushebt. Auch formal zeigt sich Cianfrance experimentierfreudig.
Der Regisseur, der zuvor vor allem für seine intensiven Charakterdramen
bekannt war, erweitert hier sein erzählerisches Repertoire um
humorvolle und beinahe verspielte Momente. Besonders
die Sequenzen im nächtlichen Spielwarenladen besitzen eine eigenartige
Poesie: Zwischen Regalen voller Spielsachen bewegt sich der Protagonist
wie ein unsichtbarer Bewohner einer künstlichen Welt, in der
Kindheitserinnerungen und Fluchtfantasien miteinander verschmelzen.
Die komödiantischen Elemente sind dabei sorgfältig dosiert.
Immer wieder entstehen Situationen, die aus der absurden Logik des
Verstecks heraus eine beinahe slapstickhafte Qualität entwickeln.
Gleichzeitig verliert der Film nie ganz den melancholischen Unterton,
der Manchester als tragikomische Figur erscheinen lässt. Gerade
diese Balance zwischen Humor und Nachdenklichkeit macht einen wesentlichen
Reiz des Films aus. Nebenfiguren treten zwar teilweise in stärker
typisierten Rollen auf – etwa der autoritäre Filialleiter
oder die moralisch gefestigten Mitglieder der Kirchengemeinde –,
doch erfüllen sie eine wichtige dramaturgische Funktion. Sie
bilden den sozialen Hintergrund, vor dem Manchester versucht, eine
neue Identität zu konstruieren. Sein Versuch, als scheinbar gewöhnlicher
Mann ein anderes Leben zu beginnen, wirkt dadurch zugleich glaubwürdig
und prekär. Eine besondere Wirkung entfaltet schließlich
der Umgang des Films mit dokumentarischem Material. Am Ende werden
historische Fernsehberichte über die tatsächlichen Ereignisse
eingeblendet. Diese Aufnahmen verleihen der zuvor erzählten Geschichte
eine zusätzliche Realitätsschicht und erinnern daran, dass
hinter der charmanten Filmfigur ein realer Kriminalfall steht. Die
mediale Darstellung dieser Ereignisse erscheint überraschend
leichtfüßig – ein Tonfall, der die ambivalente Wahrnehmung
des „Roofman“-Mythos widerspiegelt. Der Spielfilm erscheint
am 13. März auf DVD, Blu-ray und digital für das Heimkino.
DER HOCHSTAPLER - ROOFMAN
ET:
13.03.26: DVD, Blu-ray & digital | FSK 12
R: Derek Cianfrance | D: Channing Tatum, Kirsten Dunst, Ben Mendelsohn
USA 2025 | LEONINE