Eine
Kleinstadt im amerikanischen Südwesten wird zum Brennpunkt politischer
und gesellschaftlicher Spannungen. Mit „Eddington“ versucht
Ari Aster eine Satire über Pandemie, Polarisierung und digitale
Öffentlichkeit. Der Film verbindet Ensembledrama mit politischer
Allegorie – und hinterlässt dabei einen ambivalenten Eindruck.
Die
Filme von Ari Aster sind bislang vor allem durch ihre intensive Beschäftigung
mit psychologischen Ausnahmezuständen und familiären Traumata
geprägt gewesen. Werke wie „Hereditary“ oder „Midsommar“
verbanden Genreelemente mit einer präzisen Analyse sozialer und
emotionaler Dynamiken. Mit „Eddington“ wendet sich der
Regisseur nun einem anderen Themenfeld zu: der politischen und kulturellen
Fragmentierung der amerikanischen Gegenwart. Das Ergebnis ist ein
Film, der als gesellschaftliche Satire angelegt ist, jedoch in seiner
Umsetzung eine eigentümliche Ambivalenz entfaltet. Der Schauplatz
des Films ist die fiktive Kleinstadt Eddington in New Mexico –
ein Ort an der Peripherie, geografisch wie symbolisch. Die Handlung
setzt in den frühen Tagen der Covid-19-Pandemie ein, als Ausgangsbeschränkungen,
Maskenpflicht und politische Debatten über individuelle Freiheit
das öffentliche Leben bestimmen. Bereits in dieser Ausgangssituation
verdichtet der Film ein breites Spektrum gesellschaftlicher Konfliktlinien:
staatliche Regulierung, digitale Desinformation, Rassismus, politische
Identitätspolitik und das zunehmende Misstrauen gegenüber
Institutionen. Im Zentrum der Handlung steht die Rivalität zweier
lokaler Autoritäten. Der Bürgermeister Ted Garcia, gespielt
von Pedro Pascal, vertritt eine strikt regulierende Haltung gegenüber
der Pandemie und setzt auf präventive Maßnahmen wie Maskenpflicht
und Lockdown-Regeln. Ihm gegenüber steht Sheriff Joe Cross, dargestellt
von Joaquin Phoenix, der diese Eingriffe als Einschränkung individueller
Freiheit interpretiert und sich demonstrativ gegen sie stellt. Diese
Konstellation erinnert strukturell an klassische amerikanische Western-
oder Katastrophendramen, in denen lokale Autoritäten über
den richtigen Umgang mit einer Bedrohung streiten. Aster kehrt diese
Tradition jedoch teilweise um: Während in vielen Genreklassikern
der Sheriff als Hüter der Ordnung fungiert, erscheint er hier
als Figur des Widerstands gegen staatliche Regulierung. Der Film inszeniert
diese Konfrontation als politischen Machtkampf, der schließlich
in eine Wahlkampfrivalität zwischen den beiden Männern mündet.
Parallel dazu entfaltet sich ein Ensemble aus Nebenfiguren, das die
gesellschaftlichen Spannungen der Gegenwart spiegeln soll. Cross’
Ehefrau Louise, gespielt von Emma Stone, bewegt sich in einem Zustand
emotionaler Instabilität, während ihre Mutter zunehmend
in digitale Verschwörungserzählungen abgleitet. Gleichzeitig
geraten junge Figuren der Stadt in ideologische Konflikte rund um
soziale Gerechtigkeit, Identitätspolitik und moralische Selbstverortung.
„Eddington“
möchte möglichst viele Diskurse der Gegenwart gleichzeitig
erfassen – von der pandemischen Ausnahmesituation über
Online-Radikalisierung bis hin zu gesellschaftlicher Polarisierung.
Aster konstruiert die Kleinstadt als Mikrokosmos, in dem sich diese
Konflikte bündeln. Doch gerade diese ambitionierte thematische
Breite führt zu einer strukturellen Überlastung der Erzählung.
Anstatt eine zentrale Konfliktlinie konsequent zu verfolgen, reiht
der Film zahlreiche gesellschaftliche Motive aneinander, ohne ihnen
eine klare dramaturgische Entwicklung zu geben. Viele Szenen wirken
eher wie satirische Vignetten als wie Bestandteile einer kontinuierlichen
Dramaturgie. Trotz dieser erzählerischen Unschärfen besitzt
der Film eine bemerkenswerte visuelle Qualität. Die Bildgestaltung
von Darius Khondji verleiht der staubigen Landschaft New Mexicos eine
eigentümliche Schwere. Weite Totalen der Wüste kontrastieren
mit den engen Innenräumen der Häuser, in denen sich familiäre
Konflikte und digitale Informationsströme überlagern. Diese
visuelle Strategie unterstreicht die Atmosphäre einer Gesellschaft,
die zugleich isoliert und permanent miteinander verbunden ist. Auch
die Besetzung verspricht zunächst eine besondere Intensität.
Schauspieler wie Phoenix, Pascal oder Stone gehören zu den prägnantesten
Darstellerpersönlichkeiten des zeitgenössischen amerikanischen
Kinos. Interessanterweise erscheinen ihre Figuren hier jedoch ungewöhnlich
zurückgenommen. Die Charaktere bewegen
sich in einem Tonfall kontrollierter Nüchternheit, der nur selten
in emotionale Extreme ausbricht – ein Stil, der zwar zur satirischen
Distanz des Films passt, gleichzeitig jedoch die dramatische Dynamik
reduziert. Einige Momente der Satire entfalten dennoch eine gewisse
Schärfe, etwa wenn rassistische oder zynische Bemerkungen innerhalb
der lokalen Polizei den latenten Alltagsrassismus sichtbar machen.
In solchen Szenen blitzt ein bissiger Humor auf, der die Absurdität
ideologischer Gewissheiten offenlegt. Ebenso besitzt der Wahlkampf
zwischen Sheriff und Bürgermeister gelegentlich das Potenzial
einer schwarzen politischen Komödie. Dennoch entsteht über
die lange Laufzeit hinweg nur selten eine wirkliche dramaturgische
Zuspitzung. Die Konflikte bleiben weitgehend episodisch, und selbst
das finale Gewaltszenario wirkt eher wie eine symbolische Eskalation
denn wie der logische Höhepunkt einer Entwicklung. Dadurch entsteht
der Eindruck eines Films, der zahlreiche Themen berührt, ohne
sie vollständig auszuleuchten.
EDDINGTON
ET:
06.03.26: DVD, Blu-ray & digital | FSK 16
R: Ari Aster | D: Joaquin Phoenix, Pedro Pascal, Emma Stone
USA 2024 | LEONINE