FILME | SERIEN | MUSIK | BÜCHER | PANORAMA | INTERVIEWS


DVD & BLU-RAY | 11.03.2026

EDDINGTON

Eine Kleinstadt im amerikanischen Südwesten wird zum Brennpunkt politischer und gesellschaftlicher Spannungen. Mit „Eddington“ versucht Ari Aster eine Satire über Pandemie, Polarisierung und digitale Öffentlichkeit. Der Film verbindet Ensembledrama mit politischer Allegorie – und hinterlässt dabei einen ambivalenten Eindruck.

von Franziska Keil


© LEONINE

Die Filme von Ari Aster sind bislang vor allem durch ihre intensive Beschäftigung mit psychologischen Ausnahmezuständen und familiären Traumata geprägt gewesen. Werke wie „Hereditary“ oder „Midsommar“ verbanden Genreelemente mit einer präzisen Analyse sozialer und emotionaler Dynamiken. Mit „Eddington“ wendet sich der Regisseur nun einem anderen Themenfeld zu: der politischen und kulturellen Fragmentierung der amerikanischen Gegenwart. Das Ergebnis ist ein Film, der als gesellschaftliche Satire angelegt ist, jedoch in seiner Umsetzung eine eigentümliche Ambivalenz entfaltet. Der Schauplatz des Films ist die fiktive Kleinstadt Eddington in New Mexico – ein Ort an der Peripherie, geografisch wie symbolisch. Die Handlung setzt in den frühen Tagen der Covid-19-Pandemie ein, als Ausgangsbeschränkungen, Maskenpflicht und politische Debatten über individuelle Freiheit das öffentliche Leben bestimmen. Bereits in dieser Ausgangssituation verdichtet der Film ein breites Spektrum gesellschaftlicher Konfliktlinien: staatliche Regulierung, digitale Desinformation, Rassismus, politische Identitätspolitik und das zunehmende Misstrauen gegenüber Institutionen. Im Zentrum der Handlung steht die Rivalität zweier lokaler Autoritäten. Der Bürgermeister Ted Garcia, gespielt von Pedro Pascal, vertritt eine strikt regulierende Haltung gegenüber der Pandemie und setzt auf präventive Maßnahmen wie Maskenpflicht und Lockdown-Regeln. Ihm gegenüber steht Sheriff Joe Cross, dargestellt von Joaquin Phoenix, der diese Eingriffe als Einschränkung individueller Freiheit interpretiert und sich demonstrativ gegen sie stellt. Diese Konstellation erinnert strukturell an klassische amerikanische Western- oder Katastrophendramen, in denen lokale Autoritäten über den richtigen Umgang mit einer Bedrohung streiten. Aster kehrt diese Tradition jedoch teilweise um: Während in vielen Genreklassikern der Sheriff als Hüter der Ordnung fungiert, erscheint er hier als Figur des Widerstands gegen staatliche Regulierung. Der Film inszeniert diese Konfrontation als politischen Machtkampf, der schließlich in eine Wahlkampfrivalität zwischen den beiden Männern mündet. Parallel dazu entfaltet sich ein Ensemble aus Nebenfiguren, das die gesellschaftlichen Spannungen der Gegenwart spiegeln soll. Cross’ Ehefrau Louise, gespielt von Emma Stone, bewegt sich in einem Zustand emotionaler Instabilität, während ihre Mutter zunehmend in digitale Verschwörungserzählungen abgleitet. Gleichzeitig geraten junge Figuren der Stadt in ideologische Konflikte rund um soziale Gerechtigkeit, Identitätspolitik und moralische Selbstverortung.


© LEONINE

„Eddington“ möchte möglichst viele Diskurse der Gegenwart gleichzeitig erfassen – von der pandemischen Ausnahmesituation über Online-Radikalisierung bis hin zu gesellschaftlicher Polarisierung. Aster konstruiert die Kleinstadt als Mikrokosmos, in dem sich diese Konflikte bündeln. Doch gerade diese ambitionierte thematische Breite führt zu einer strukturellen Überlastung der Erzählung. Anstatt eine zentrale Konfliktlinie konsequent zu verfolgen, reiht der Film zahlreiche gesellschaftliche Motive aneinander, ohne ihnen eine klare dramaturgische Entwicklung zu geben. Viele Szenen wirken eher wie satirische Vignetten als wie Bestandteile einer kontinuierlichen Dramaturgie. Trotz dieser erzählerischen Unschärfen besitzt der Film eine bemerkenswerte visuelle Qualität. Die Bildgestaltung von Darius Khondji verleiht der staubigen Landschaft New Mexicos eine eigentümliche Schwere. Weite Totalen der Wüste kontrastieren mit den engen Innenräumen der Häuser, in denen sich familiäre Konflikte und digitale Informationsströme überlagern. Diese visuelle Strategie unterstreicht die Atmosphäre einer Gesellschaft, die zugleich isoliert und permanent miteinander verbunden ist. Auch die Besetzung verspricht zunächst eine besondere Intensität. Schauspieler wie Phoenix, Pascal oder Stone gehören zu den prägnantesten Darstellerpersönlichkeiten des zeitgenössischen amerikanischen Kinos. Interessanterweise erscheinen ihre Figuren hier jedoch ungewöhnlich zurückgenommen. Die Charaktere bewegen sich in einem Tonfall kontrollierter Nüchternheit, der nur selten in emotionale Extreme ausbricht – ein Stil, der zwar zur satirischen Distanz des Films passt, gleichzeitig jedoch die dramatische Dynamik reduziert. Einige Momente der Satire entfalten dennoch eine gewisse Schärfe, etwa wenn rassistische oder zynische Bemerkungen innerhalb der lokalen Polizei den latenten Alltagsrassismus sichtbar machen. In solchen Szenen blitzt ein bissiger Humor auf, der die Absurdität ideologischer Gewissheiten offenlegt. Ebenso besitzt der Wahlkampf zwischen Sheriff und Bürgermeister gelegentlich das Potenzial einer schwarzen politischen Komödie. Dennoch entsteht über die lange Laufzeit hinweg nur selten eine wirkliche dramaturgische Zuspitzung. Die Konflikte bleiben weitgehend episodisch, und selbst das finale Gewaltszenario wirkt eher wie eine symbolische Eskalation denn wie der logische Höhepunkt einer Entwicklung. Dadurch entsteht der Eindruck eines Films, der zahlreiche Themen berührt, ohne sie vollständig auszuleuchten.


EDDINGTON

ET: 06.03.26: DVD, Blu-ray & digital | FSK 16
R: Ari Aster | D: Joaquin Phoenix, Pedro Pascal, Emma Stone
USA 2024 | LEONINE

Bonusmaterial: Featurettes, Deleted & Alternate Scenes


AGB | IMPRESSUM