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DVD & BLU-RAY | 25.03.2026

V/H/S/85

Ein Archiv aus Angst, gebannt auf flimmerndem Magnetband. Zwischen Nostalgie und Nihilismus entfaltet sich ein vielstimmiger Horror. „V/H/S/85“ verwandelt mediale Erinnerung in ein ästhetisches Experiment. Ein Genrebeitrag, der seine Form ebenso ernst nimmt wie seinen Schrecken.

von Franziska Keil


© LEONINE Studios

Mit V/H/S/85 erreicht eine der langlebigsten Horror-Anthologien der Gegenwart einen bemerkenswerten Grad an Selbstreflexivität. Der Film operiert nicht mehr nur als lose Sammlung schauriger Episoden, sondern als präzise komponiertes Geflecht aus medialer Erinnerung, ästhetischer Simulation und narrativer Fragmentierung. Dass der Film am 27. März für das Heimkino erscheint, wirkt dabei fast programmatisch: Kaum ein anderes Format eignet sich besser für ein Werk, das seine eigene Materialität – das Video, das Archiv, das Gefundene – derart ins Zentrum rückt. Die grundlegende Struktur des Films folgt dem bekannten Prinzip der Reihe: Mehrere Segmente werden durch eine Rahmenerzählung miteinander verbunden. Doch gerade diese Klammer erweist sich hier als außergewöhnlich elaboriert. In der Inszenierung eines pseudo-journalistischen Fernsehformats entfaltet sich eine Metaebene, die weniger als bloße narrative Brücke fungiert, sondern vielmehr als epistemologisches Fundament des gesamten Films. Die Frage ist nicht nur, was gezeigt wird, sondern wie und unter welchen medialen Bedingungen Wahrnehmung überhaupt möglich ist. Damit verschiebt V/H/S/85 das Genre des Found Footage endgültig in den Bereich der medientheoretischen Reflexion. Die einzelnen Episoden variieren nicht nur in ihren Sujets, sondern auch in ihren subgenre-spezifischen Zugriffen auf das Horrorkino. Besonders auffällig ist dabei die Balance zwischen klassischen Versatzstücken – etwa dem vermeintlich vertrauten Setting jugendlicher Freizeitidylle – und radikalen Brechungen dieser Erwartungshorizonte. Narrative Sicherheit wird systematisch unterlaufen; das Bekannte kippt ins Unheimliche, oft abrupt und ohne kathartische Auflösung. Diese Strategie erzeugt eine Form von Horror, die weniger auf Schockeffekte als auf epistemische Verunsicherung zielt. Herausragend ist dabei ein Segment, das eine reale Naturkatastrophe mit mythologischen Elementen verschränkt. Hier gelingt dem Film eine bemerkenswerte Synthese aus Katastrophenfilm und übernatürlichem Grauen. Die Rückbindung an präkolumbianische Mythologien eröffnet eine Perspektive, die das westlich geprägte Horrorkino erweitert und zugleich die latente Gewalt historischer Verdrängung sichtbar macht.


© LEONINE Studios

In dieser Überlagerung von Geschichte, Mythos und medialer Repräsentation entfaltet sich eine dichte, beinahe archäologische Dimension des Schreckens. Formal zeichnet sich V/H/S/85 durch eine bewusste Nutzung der ästhetischen Limitierungen analoger Videotechnologie aus. Bildrauschen, Übersteuerungen und fragmentierte Tonspuren fungieren nicht als nostalgische Spielerei, sondern als integrale Bestandteile der Erzählstrategie. Sie destabilisieren die visuelle Gewissheit und transformieren das Medium selbst in eine Quelle des Unheimlichen. Der Horror entsteht hier nicht nur im Bild, sondern durch das Bild. Gleichzeitig bleibt der Film in seiner episodischen Struktur nicht frei von Unebenheiten. Einzelne Beiträge wirken im Vergleich weniger ausgearbeitet, ihre Ideen bleiben skizzenhaft. Doch selbst diese Schwankungen lassen sich produktiv lesen: als Teil eines Konzepts, das Heterogenität nicht als Schwäche, sondern als konstitutives Prinzip begreift. Die Anthologie wird so zum Spiegel eines fragmentierten medialen Gedächtnisses. In der Gesamtbetrachtung erweist sich V/H/S/85 als einer der kohärentesten Beiträge der Reihe. Der Film verbindet seine genretypische Vielstimmigkeit mit einer klar erkennbaren ästhetischen und konzeptionellen Agenda. Er rekonstruiert nicht nur die Erfahrung des analogen Zeitalters, sondern reflektiert zugleich die Bedingungen, unter denen Bilder zirkulieren, gespeichert und wiederentdeckt werden. So wird aus einer scheinbar simplen Horroranthologie ein vielschichtiges Werk über Wahrnehmung, Erinnerung und die unheimliche Persistenz medialer Artefakte. V/H/S/85 ist nicht nur ein effektiver Genrebeitrag, sondern ein ebenso kluger wie atmosphärisch dichter Kommentar zur Geschichte des Sehens im Zeitalter technischer Reproduzierbarkeit.


V/H/S/85

ET: 27.03.26: DVD, Blu-ray & digital | FSK 18
R: Gigi Saul Guerrero, David Bruckner, Scott Derrickson
D: Zoe Cooper, Evan Dickson | USA 2023 | LEONINE


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