Ein Archiv
aus Angst, gebannt auf flimmerndem Magnetband. Zwischen Nostalgie
und Nihilismus entfaltet sich ein vielstimmiger Horror. „V/H/S/85“
verwandelt mediale Erinnerung in ein ästhetisches Experiment.
Ein Genrebeitrag, der seine Form ebenso ernst nimmt wie seinen Schrecken.
Mit
V/H/S/85 erreicht eine der langlebigsten Horror-Anthologien der Gegenwart
einen bemerkenswerten Grad an Selbstreflexivität. Der Film operiert
nicht mehr nur als lose Sammlung schauriger Episoden, sondern als
präzise komponiertes Geflecht aus medialer Erinnerung, ästhetischer
Simulation und narrativer Fragmentierung. Dass der Film am 27. März
für das Heimkino erscheint, wirkt dabei fast programmatisch:
Kaum ein anderes Format eignet sich besser für ein Werk, das
seine eigene Materialität – das Video, das Archiv, das
Gefundene – derart ins Zentrum rückt. Die grundlegende
Struktur des Films folgt dem bekannten Prinzip der Reihe: Mehrere
Segmente werden durch eine Rahmenerzählung miteinander verbunden.
Doch gerade diese Klammer erweist sich hier als außergewöhnlich
elaboriert. In der Inszenierung eines pseudo-journalistischen Fernsehformats
entfaltet sich eine Metaebene, die weniger als bloße narrative
Brücke fungiert, sondern vielmehr als epistemologisches Fundament
des gesamten Films. Die Frage ist nicht nur, was gezeigt wird, sondern
wie und unter welchen medialen Bedingungen Wahrnehmung überhaupt
möglich ist. Damit verschiebt V/H/S/85 das Genre des Found Footage
endgültig in den Bereich der medientheoretischen Reflexion. Die
einzelnen Episoden variieren nicht nur in ihren Sujets, sondern auch
in ihren subgenre-spezifischen Zugriffen auf das Horrorkino. Besonders
auffällig ist dabei die Balance zwischen klassischen Versatzstücken
– etwa dem vermeintlich vertrauten Setting jugendlicher Freizeitidylle
– und radikalen Brechungen dieser Erwartungshorizonte. Narrative
Sicherheit wird systematisch unterlaufen; das Bekannte kippt ins Unheimliche,
oft abrupt und ohne kathartische Auflösung. Diese Strategie erzeugt
eine Form von Horror, die weniger auf Schockeffekte als auf epistemische
Verunsicherung zielt. Herausragend ist dabei ein Segment, das eine
reale Naturkatastrophe mit mythologischen Elementen verschränkt.
Hier gelingt dem Film eine bemerkenswerte Synthese aus Katastrophenfilm
und übernatürlichem Grauen. Die Rückbindung an präkolumbianische
Mythologien eröffnet eine Perspektive, die das westlich geprägte
Horrorkino erweitert und zugleich die latente Gewalt historischer
Verdrängung sichtbar macht.
In
dieser Überlagerung von Geschichte, Mythos und medialer Repräsentation
entfaltet sich eine dichte, beinahe archäologische Dimension
des Schreckens. Formal zeichnet sich V/H/S/85 durch eine bewusste
Nutzung der ästhetischen Limitierungen analoger Videotechnologie
aus. Bildrauschen, Übersteuerungen und fragmentierte Tonspuren
fungieren nicht als nostalgische Spielerei, sondern als integrale
Bestandteile der Erzählstrategie. Sie destabilisieren die visuelle
Gewissheit und transformieren das Medium selbst in eine Quelle des
Unheimlichen. Der Horror entsteht hier nicht nur im Bild, sondern
durch das Bild. Gleichzeitig bleibt der Film in seiner episodischen
Struktur nicht frei von Unebenheiten. Einzelne Beiträge wirken
im Vergleich weniger ausgearbeitet, ihre Ideen bleiben skizzenhaft.
Doch selbst diese Schwankungen lassen sich produktiv lesen: als Teil
eines Konzepts, das Heterogenität nicht als Schwäche, sondern
als konstitutives Prinzip begreift. Die Anthologie wird so zum Spiegel
eines fragmentierten medialen Gedächtnisses. In der Gesamtbetrachtung
erweist sich V/H/S/85 als einer der kohärentesten Beiträge
der Reihe. Der Film verbindet seine genretypische Vielstimmigkeit
mit einer klar erkennbaren ästhetischen und konzeptionellen Agenda.
Er rekonstruiert nicht nur die Erfahrung des analogen Zeitalters,
sondern reflektiert zugleich die Bedingungen, unter denen Bilder zirkulieren,
gespeichert und wiederentdeckt werden. So wird aus einer scheinbar
simplen Horroranthologie ein vielschichtiges Werk über Wahrnehmung,
Erinnerung und die unheimliche Persistenz medialer Artefakte. V/H/S/85
ist nicht nur ein effektiver Genrebeitrag, sondern ein ebenso kluger
wie atmosphärisch dichter Kommentar zur Geschichte des Sehens
im Zeitalter technischer Reproduzierbarkeit.
V/H/S/85
ET:
27.03.26: DVD, Blu-ray & digital | FSK 18
R: Gigi Saul Guerrero, David Bruckner, Scott Derrickson
D: Zoe Cooper, Evan Dickson | USA 2023 | LEONINE