Mit „Marty
Supreme“ gelingt Josh Safdie ein vibrierendes Charakterporträt
zwischen Sportfilm, Größenwahn-Satire und amerikanischer
Selbstmythologie. Angeführt von einer elektrisierenden Performance
von Timothée Chalamet entfaltet der Film das Psychogramm eines
Mannes, der Selbstinszenierung mit Schicksal verwechselt. In seiner
nervösen Bildsprache, den bewusst anachronistischen Popreferenzen
und der rastlosen Montage entwickelt der Film eine nahezu körperliche
Intensität.
Es
gibt Filme, die ihre Zeit rekonstruieren wollen – und Filme,
die Zeit selbst destabilisieren. „Marty Supreme“ gehört
eindeutig zur zweiten Kategorie. Bereits in den ersten Minuten macht
Regisseur Josh Safdie klar, dass historische Authentizität ihn
nur bedingt interessiert. Zwar spielt der Film im Amerika der 1950er-Jahre,
doch seine ästhetische Grammatik stammt aus vollkommen anderen
Epochen: die nervöse Kameraarbeit des New-Hollywood-Kinos der
1970er, die aggressive akustische Gegenwärtigkeit späterer
Popmusik und ein protagonistischer Exzess, der eher an die entfesselte
Finanzkultur der 1980er erinnert als an die vermeintlich geordnete
Nachkriegszeit. Gerade diese bewusste zeitliche Verschiebung wird
zum zentralen ästhetischen Prinzip des Films. Safdie inszeniert
seinen Protagonisten Marty Mauser als eine Figur, die nie vollständig
in ihrer historischen Umgebung aufgeht – einen Mann, der wirkt,
als sei er aus einer anderen Ära in die 1950er hineingestürzt
worden. Das Resultat ist ein faszinierendes Gefühl permanenter
kultureller Dissonanz.
Timothée
Chalamet und die Anatomie des Größenwahns
Im Zentrum steht eine außergewöhnliche
Performance von Timothée Chalamet, die zweifellos zu den stärksten
Arbeiten seiner bisherigen Karriere zählt. Chalamet spielt Marty
Mauser nicht bloß als ehrgeizigen Sportler, sondern als inkarnierte
Idee amerikanischer Selbstbehauptung. Marty ist Tischtennis-Champion,
Gelegenheitsverkäufer, Hochstapler, Verführer und Selbsterfinder
zugleich. Er lebt von der Überzeugung, dass Charisma Realität
erzeugen kann – dass der Glaube an die eigene Größe
bereits ein Teil der Größe selbst ist. Chalamet verleiht
dieser Figur eine fiebrige Energie, die zugleich magnetisch und abstoßend
wirkt. Dabei erinnert seine Performance tatsächlich an jene nervösen
Alpha-Männlichkeiten des amerikanischen Kinos der 1970er Jahre:
an den jungen Al Pacino, an neurotische Aufsteigerfiguren zwischen
Selbstzerstörung und Größenfantasie. Marty spricht
schneller, als andere denken können. Er agiert permanent, weil
Stillstand für ihn offenbar identisch mit Bedeutungslosigkeit
wäre. Safdie versteht diese Figur jedoch nicht psychologisch,
sondern kulturhistorisch. Marty wird weniger als Individuum denn als
Symptom gelesen: als Vorform jenes aggressiven amerikanischen Unternehmertypus,
der Jahrzehnte später die Ästhetik des neoliberalen Kapitalismus
dominieren sollte.
Sportfilm
als Kapitalismus-Parabel
Gerade hierin liegt die eigentliche Raffinesse
des Films. Vordergründig erzählt „Marty Supreme“
die Geschichte eines Tischtennis-Spielers auf der Suche nach Ruhm
und Anerkennung. Tatsächlich aber handelt es sich um eine Ursprungslegende
amerikanischer Selbstvermarktung. Tischtennis fungiert dabei weniger
als Sport denn als symbolischer Marktplatz narzisstischer Energie.
Marty spielt nicht, um zu gewinnen; er spielt, um sichtbar zu sein.
Das Spiel wird zum Medium totaler Selbstinszenierung. Interessanterweise
zeichnet Safdie damit eine direkte Linie zwischen Nachkriegsamerika
und der späteren Ökonomie permanenter Aufmerksamkeit. Marty
wirkt wie ein Mensch, der Jahrzehnte zu früh geboren wurde: ein
Proto-Influencer im Zeitalter analoger Öffentlichkeit, ein Finanzhai
ohne Börse, ein Jordan Belfort ohne Wall Street. Diese Lesart
prägt die gesamte Dramaturgie des Films. Marty kann keine Räume
betreten, ohne sie sofort dominieren zu wollen. Hotelsuiten, Meisterschaften,
Geschäftsdeals, Liebesbeziehungen – alles wird Teil einer
einzigen expansiven Bewegung des Egos. Safdie und Co-Autor Ronald
Bronstein erzählen daraus eine bemerkenswert präzise Parabel
über amerikanischen Exzeptionalismus. Marty genügt es nie,
gut zu sein. Er muss der Größte sein. Und nicht nur lokal
– global.
Formal
gehört „Marty Supreme“ zu den aufregendsten amerikanischen
Filmen des Jahres. Safdie entwickelt gemeinsam mit Kameramann Darius
Khondji eine visuelle Sprache permanenter Überforderung. Die
Kamera scheint Marty nicht zu beobachten, sondern ihm hinterherzuhetzen.
Bewegungen wirken unstabil, Bildkompositionen atemlos, Schnitte nervös
beschleunigt. Das Kino selbst gerät in einen Zustand der Rastlosigkeit.
Diese Ästhetik erinnert zwar an Safdies frühere Arbeit an
Uncut Gems, entwickelt hier jedoch eine eigene historische Qualität.
Denn anders als dort entsteht die Spannung nicht primär aus ökonomischem
Druck, sondern aus temporalem Kontrollverlust. Marty erscheint wie
ein Mensch, der mit der Geschwindigkeit späterer Jahrzehnte durch
eine langsamere Epoche rast. Besonders faszinierend ist dabei der
Einsatz der Musik. Die bewusst anachronistischen Songs von Peter Gabriel,
Tears for Fears oder Public Image Ltd. erzeugen eine ständige
Irritation historischer Erwartung. Der Film verweigert sich konsequent
nostalgischer Musealisierung. Die Musik funktioniert nicht illustrativ,
sondern psychologisch. Sie macht hörbar, dass Marty innerlich
längst in einer anderen kulturellen Epoche lebt.
Frauenfiguren
jenseits des Klischees
Bemerkenswert
ist zudem, wie differenziert der Film seine weiblichen Figuren behandelt.
Sowohl Odessa A'zion als Rachel als auch Gwyneth Paltrow als ehemalige
Leinwandikone Kay Stone verweigern sich simplen Projektionsflächen
männlicher Fantasie. Rachel erkennt Martys performative Selbsttäuschungen
früher als alle anderen – und bleibt dennoch emotional
an ihn gebunden. A’zion spielt diese Ambivalenz mit bemerkenswerter
Präzision. Ihre Figur versteht Marty vollständig und liebt
ihn gerade deshalb mit einer Mischung aus Zärtlichkeit und fatalistischer
Müdigkeit. Noch stärker gerät Gwyneth Paltrow, die
ihre vielleicht subtilste Performance seit Jahren liefert. Kay Stone
erscheint zunächst wie eine klassische Figur des alten Hollywoods:
der alternde Star, dessen Ruhm langsam verblasst. Doch Paltrow findet
unter dieser Oberfläche eine tiefe emotionale Verletzlichkeit.
Besonders eindrucksvoll gelingt ihr eine Szene, in der die Reaktion
eines Theaterpublikums auf ihren Auftritt sichtbar etwas in ihr reaktiviert
– nicht Eitelkeit, sondern das existenzielle Bedürfnis,
gesehen zu werden. In diesem Moment erkennt der Film eine melancholische
Wahrheit: Ruhm ist keine Machtform, sondern eine Sucht nach emotionaler
Bestätigung.
Das
Amerika des permanenten Hustle
Zugleich
entfaltet „Marty Supreme“ ein faszinierendes Panorama
amerikanischer Kulturindustrie. Die zahlreichen Nebenfiguren –
gespielt von Persönlichkeiten wie Sandra Bernhard, Fran Drescher
oder Abel Ferrara – wirken wie Erscheinungen eines fiebrigen
urbanen Mythos. Safdie nutzt diese Besetzung nicht als bloßes
Celebrity-Spiel, sondern als Teil seiner permanenten Unberechenbarkeit.
Man weiß nie, welche Figur als Nächstes auftaucht, welche
Energie den Film plötzlich verschiebt. Dadurch entsteht ein Kino
der sozialen Überreizung. „Marty Supreme“ fühlt
sich an wie ein permanenter Strom aus Stimmen, Deals, Begegnungen
und improvisierten Machtspielen. Der Film versteht Amerika als Bühne
endloser Selbstvermarktung.
Ein
großer Film der kleinen Entscheidungen
Das
eigentlich Erstaunliche an Marty Supreme ist jedoch, dass seine Größe
nie aus monumentalen Szenen entsteht, sondern aus unzähligen
präzisen Details. Jede Geste, jeder Schnitt, jede musikalische
Verschiebung scheint bewusst gesetzt. Selbst dort, wo der Film droht,
im Exzess zu kollabieren, bewahrt Safdie eine bemerkenswerte Kontrolle
über Rhythmus und Atmosphäre. Das Drama funktioniert weniger
über klassische narrative Katharsis als über kumulative
Verdichtung. Am Ende bleibt Marty eine zutiefst tragische Figur: ein
Mann, der unaufhörlich Bedeutung produziert, weil er Angst vor
der Leere hinter seinem eigenen Mythos hat. Sein Größenwahn
erscheint dabei nie bloß lächerlich, sondern erschreckend
menschlich. Vielleicht ist genau das die eigentliche Stärke dieses
Films. „Marty Supreme“ erzählt nicht nur von einem
Tischtennis-Champion der 1950er-Jahre. Der Film erzählt von der
Geburt jener kulturellen Logik, die die moderne Gegenwart bis heute
prägt: der Idee, dass Identität vor allem Performance ist
– und dass Selbstvertrauen irgendwann wichtiger wird als Wahrheit.
Dass Safdie daraus ein derart elektrisierendes Kinoerlebnis formt,
macht Marty Supreme zu einem der bemerkenswertesten amerikanischen
Filme der jüngeren Zeit.
MARTY SUPREME
ET:
12.05.26: digital / 29.05.26: DVD, Blu-ray und 4K-UHD-Blu-ray |
FSK 12
R: Josh Safdie | D: Timothée Chalamet, Gwyneth Paltrow, Odessa
A’zion
USA 2025 | Tobis (Leonine)