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DVD & BLU-RAY | 27.05.2026

MARTY SUPREME
Der Kapitalismus spielt Tischtennis

Mit „Marty Supreme“ gelingt Josh Safdie ein vibrierendes Charakterporträt zwischen Sportfilm, Größenwahn-Satire und amerikanischer Selbstmythologie. Angeführt von einer elektrisierenden Performance von Timothée Chalamet entfaltet der Film das Psychogramm eines Mannes, der Selbstinszenierung mit Schicksal verwechselt. In seiner nervösen Bildsprache, den bewusst anachronistischen Popreferenzen und der rastlosen Montage entwickelt der Film eine nahezu körperliche Intensität.

von Richard-Heinrich Tarenz


© Tobis Film GmbH

Es gibt Filme, die ihre Zeit rekonstruieren wollen – und Filme, die Zeit selbst destabilisieren. „Marty Supreme“ gehört eindeutig zur zweiten Kategorie. Bereits in den ersten Minuten macht Regisseur Josh Safdie klar, dass historische Authentizität ihn nur bedingt interessiert. Zwar spielt der Film im Amerika der 1950er-Jahre, doch seine ästhetische Grammatik stammt aus vollkommen anderen Epochen: die nervöse Kameraarbeit des New-Hollywood-Kinos der 1970er, die aggressive akustische Gegenwärtigkeit späterer Popmusik und ein protagonistischer Exzess, der eher an die entfesselte Finanzkultur der 1980er erinnert als an die vermeintlich geordnete Nachkriegszeit. Gerade diese bewusste zeitliche Verschiebung wird zum zentralen ästhetischen Prinzip des Films. Safdie inszeniert seinen Protagonisten Marty Mauser als eine Figur, die nie vollständig in ihrer historischen Umgebung aufgeht – einen Mann, der wirkt, als sei er aus einer anderen Ära in die 1950er hineingestürzt worden. Das Resultat ist ein faszinierendes Gefühl permanenter kultureller Dissonanz.

Timothée Chalamet und die Anatomie des Größenwahns

Im Zentrum steht eine außergewöhnliche Performance von Timothée Chalamet, die zweifellos zu den stärksten Arbeiten seiner bisherigen Karriere zählt. Chalamet spielt Marty Mauser nicht bloß als ehrgeizigen Sportler, sondern als inkarnierte Idee amerikanischer Selbstbehauptung. Marty ist Tischtennis-Champion, Gelegenheitsverkäufer, Hochstapler, Verführer und Selbsterfinder zugleich. Er lebt von der Überzeugung, dass Charisma Realität erzeugen kann – dass der Glaube an die eigene Größe bereits ein Teil der Größe selbst ist. Chalamet verleiht dieser Figur eine fiebrige Energie, die zugleich magnetisch und abstoßend wirkt. Dabei erinnert seine Performance tatsächlich an jene nervösen Alpha-Männlichkeiten des amerikanischen Kinos der 1970er Jahre: an den jungen Al Pacino, an neurotische Aufsteigerfiguren zwischen Selbstzerstörung und Größenfantasie. Marty spricht schneller, als andere denken können. Er agiert permanent, weil Stillstand für ihn offenbar identisch mit Bedeutungslosigkeit wäre. Safdie versteht diese Figur jedoch nicht psychologisch, sondern kulturhistorisch. Marty wird weniger als Individuum denn als Symptom gelesen: als Vorform jenes aggressiven amerikanischen Unternehmertypus, der Jahrzehnte später die Ästhetik des neoliberalen Kapitalismus dominieren sollte.

Sportfilm als Kapitalismus-Parabel

Gerade hierin liegt die eigentliche Raffinesse des Films. Vordergründig erzählt „Marty Supreme“ die Geschichte eines Tischtennis-Spielers auf der Suche nach Ruhm und Anerkennung. Tatsächlich aber handelt es sich um eine Ursprungslegende amerikanischer Selbstvermarktung. Tischtennis fungiert dabei weniger als Sport denn als symbolischer Marktplatz narzisstischer Energie. Marty spielt nicht, um zu gewinnen; er spielt, um sichtbar zu sein. Das Spiel wird zum Medium totaler Selbstinszenierung. Interessanterweise zeichnet Safdie damit eine direkte Linie zwischen Nachkriegsamerika und der späteren Ökonomie permanenter Aufmerksamkeit. Marty wirkt wie ein Mensch, der Jahrzehnte zu früh geboren wurde: ein Proto-Influencer im Zeitalter analoger Öffentlichkeit, ein Finanzhai ohne Börse, ein Jordan Belfort ohne Wall Street. Diese Lesart prägt die gesamte Dramaturgie des Films. Marty kann keine Räume betreten, ohne sie sofort dominieren zu wollen. Hotelsuiten, Meisterschaften, Geschäftsdeals, Liebesbeziehungen – alles wird Teil einer einzigen expansiven Bewegung des Egos. Safdie und Co-Autor Ronald Bronstein erzählen daraus eine bemerkenswert präzise Parabel über amerikanischen Exzeptionalismus. Marty genügt es nie, gut zu sein. Er muss der Größte sein. Und nicht nur lokal – global.


© Tobis Film GmbH

Die Rastlosigkeit der Form

Formal gehört „Marty Supreme“ zu den aufregendsten amerikanischen Filmen des Jahres. Safdie entwickelt gemeinsam mit Kameramann Darius Khondji eine visuelle Sprache permanenter Überforderung. Die Kamera scheint Marty nicht zu beobachten, sondern ihm hinterherzuhetzen. Bewegungen wirken unstabil, Bildkompositionen atemlos, Schnitte nervös beschleunigt. Das Kino selbst gerät in einen Zustand der Rastlosigkeit. Diese Ästhetik erinnert zwar an Safdies frühere Arbeit an Uncut Gems, entwickelt hier jedoch eine eigene historische Qualität. Denn anders als dort entsteht die Spannung nicht primär aus ökonomischem Druck, sondern aus temporalem Kontrollverlust. Marty erscheint wie ein Mensch, der mit der Geschwindigkeit späterer Jahrzehnte durch eine langsamere Epoche rast. Besonders faszinierend ist dabei der Einsatz der Musik. Die bewusst anachronistischen Songs von Peter Gabriel, Tears for Fears oder Public Image Ltd. erzeugen eine ständige Irritation historischer Erwartung. Der Film verweigert sich konsequent nostalgischer Musealisierung. Die Musik funktioniert nicht illustrativ, sondern psychologisch. Sie macht hörbar, dass Marty innerlich längst in einer anderen kulturellen Epoche lebt.

Frauenfiguren jenseits des Klischees

Bemerkenswert ist zudem, wie differenziert der Film seine weiblichen Figuren behandelt. Sowohl Odessa A'zion als Rachel als auch Gwyneth Paltrow als ehemalige Leinwandikone Kay Stone verweigern sich simplen Projektionsflächen männlicher Fantasie. Rachel erkennt Martys performative Selbsttäuschungen früher als alle anderen – und bleibt dennoch emotional an ihn gebunden. A’zion spielt diese Ambivalenz mit bemerkenswerter Präzision. Ihre Figur versteht Marty vollständig und liebt ihn gerade deshalb mit einer Mischung aus Zärtlichkeit und fatalistischer Müdigkeit. Noch stärker gerät Gwyneth Paltrow, die ihre vielleicht subtilste Performance seit Jahren liefert. Kay Stone erscheint zunächst wie eine klassische Figur des alten Hollywoods: der alternde Star, dessen Ruhm langsam verblasst. Doch Paltrow findet unter dieser Oberfläche eine tiefe emotionale Verletzlichkeit. Besonders eindrucksvoll gelingt ihr eine Szene, in der die Reaktion eines Theaterpublikums auf ihren Auftritt sichtbar etwas in ihr reaktiviert – nicht Eitelkeit, sondern das existenzielle Bedürfnis, gesehen zu werden. In diesem Moment erkennt der Film eine melancholische Wahrheit: Ruhm ist keine Machtform, sondern eine Sucht nach emotionaler Bestätigung.

Das Amerika des permanenten Hustle

Zugleich entfaltet „Marty Supreme“ ein faszinierendes Panorama amerikanischer Kulturindustrie. Die zahlreichen Nebenfiguren – gespielt von Persönlichkeiten wie Sandra Bernhard, Fran Drescher oder Abel Ferrara – wirken wie Erscheinungen eines fiebrigen urbanen Mythos. Safdie nutzt diese Besetzung nicht als bloßes Celebrity-Spiel, sondern als Teil seiner permanenten Unberechenbarkeit. Man weiß nie, welche Figur als Nächstes auftaucht, welche Energie den Film plötzlich verschiebt. Dadurch entsteht ein Kino der sozialen Überreizung. „Marty Supreme“ fühlt sich an wie ein permanenter Strom aus Stimmen, Deals, Begegnungen und improvisierten Machtspielen. Der Film versteht Amerika als Bühne endloser Selbstvermarktung.

Ein großer Film der kleinen Entscheidungen

Das eigentlich Erstaunliche an Marty Supreme ist jedoch, dass seine Größe nie aus monumentalen Szenen entsteht, sondern aus unzähligen präzisen Details. Jede Geste, jeder Schnitt, jede musikalische Verschiebung scheint bewusst gesetzt. Selbst dort, wo der Film droht, im Exzess zu kollabieren, bewahrt Safdie eine bemerkenswerte Kontrolle über Rhythmus und Atmosphäre. Das Drama funktioniert weniger über klassische narrative Katharsis als über kumulative Verdichtung. Am Ende bleibt Marty eine zutiefst tragische Figur: ein Mann, der unaufhörlich Bedeutung produziert, weil er Angst vor der Leere hinter seinem eigenen Mythos hat. Sein Größenwahn erscheint dabei nie bloß lächerlich, sondern erschreckend menschlich. Vielleicht ist genau das die eigentliche Stärke dieses Films. „Marty Supreme“ erzählt nicht nur von einem Tischtennis-Champion der 1950er-Jahre. Der Film erzählt von der Geburt jener kulturellen Logik, die die moderne Gegenwart bis heute prägt: der Idee, dass Identität vor allem Performance ist – und dass Selbstvertrauen irgendwann wichtiger wird als Wahrheit. Dass Safdie daraus ein derart elektrisierendes Kinoerlebnis formt, macht Marty Supreme zu einem der bemerkenswertesten amerikanischen Filme der jüngeren Zeit.


MARTY SUPREME

ET: 12.05.26: digital / 29.05.26: DVD, Blu-ray und 4K-UHD-Blu-ray | FSK 12
R: Josh Safdie | D: Timothée Chalamet, Gwyneth Paltrow, Odessa A’zion
USA 2025 | Tobis (Leonine)


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