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DVD & BLU-RAY | 27.05.2026

SMALLTOWN GIRL
Zwischen Selbstinszenierung und Selbstverlust

Mit „Smalltown Girl“ entwirft Hille Norden ein schillerndes, widersprüchliches und emotional aufgeladenes Porträt weiblicher Selbstfindung zwischen Lust, Freundschaft und traumatischer Erinnerung. Der Film verbindet die Ästhetik eines zeitgenössischen Indie-Dramas mit Momenten psychologischer Introspektion und untersucht die fragile Grenze zwischen sexueller Selbstermächtigung und emotionaler Selbstzerstörung. Dabei entwickelt sich aus der Geschichte zweier ungleicher Frauenfiguren eine vielschichtige Reflexion über weibliche Identität, Begehren und die sozialen Nachwirkungen patriarchaler Gewalt.

von Franziska Keil


© Neue Visionen

Mit ihrem autobiografisch grundierten Spielfilmdebüt „Smalltown Girl“ bewegt sich Regisseurin Hille Norden bewusst durch jene emotionalen Zwischenräume, die das zeitgenössische europäische Autorenkino seit einigen Jahren verstärkt beschäftigen: weibliche Selbstermächtigung, die Ambivalenz sexueller Freiheit und die Langzeitwirkungen emotionaler wie sexueller Traumata. Der Film entfaltet diese Themen jedoch nicht als sozialrealistisches Lehrstück, sondern als stilisierte, atmosphärisch aufgeladene Charakterstudie, deren eigentliche Kraft weniger aus narrativer Stringenz als aus emotionaler Fragmentierung entsteht. Bereits die Eröffnung etabliert die zentrale Dynamik des Films mit bemerkenswerter Präzision. Zwei junge Frauen begegnen einander zunächst über ein scheinbar beiläufiges sexuelles Arrangement, doch aus dieser zufälligen Konstellation entwickelt sich rasch eine intensive emotionale Bindung. Die extrovertierte, nahezu magnetisch wirkende Nore und die zurückhaltendere Jonna bilden dabei ein Gegensatzpaar, das nicht nur unterschiedliche Lebensentwürfe repräsentiert, sondern auch verschiedene Strategien weiblicher Selbstbehauptung innerhalb spätmoderner Großstadträume.

Die Ästhetik der Inszenierung als Ausdruck innerer Zustände

Filmwissenschaftlich besonders bemerkenswert ist die konsequente Verbindung von Ausstattung, Kostümgestaltung und psychologischer Figurenzeichnung. „Smalltown Girl“ interessiert sich nicht für naturalistische Milieuschilderung; stattdessen erschafft der Film einen artifiziellen Erfahrungsraum, in dem Oberflächen zum Ausdruck emotionaler Dispositionen werden. Vor allem Nore erscheint wie eine Figur permanenter Selbstinszenierung. Ihre maßgeschneiderten Outfits, ihre kontrollierte Körperlichkeit und ihre scheinbar mühelose sexuelle Souveränität erzeugen eine Aura performativer Unnahbarkeit. In jeder Szene scheint sie sich selbst zugleich zu erschaffen und zu verbergen. Der Film nutzt Mode und Körperästhetik hier nicht bloß dekorativ, sondern als Teil einer komplexen Identitätsdramaturgie. Kleidung wird zur emotionalen Rüstung. Gerade darin erinnert „Smalltown Girl“ an Traditionen des feministischen Autorenkinos der 1990er- und 2000er-Jahre, etwa an Filme von Catherine Breillat oder Céline Sciamma, die weibliche Körper nicht primär als Objekt des Blicks, sondern als Austragungsort sozialer und psychischer Konflikte verstanden. Allerdings verfolgt Norden einen deutlich weicheren, melancholischeren Zugang. Wo Breillat häufig mit Konfrontation operiert, interessiert sich „Smalltown Girl“ stärker für Unsicherheit, emotionale Abhängigkeit und fragile Solidarität.

Weibliche Freundschaft als emotionales Zentrum

Im Kern erzählt der Film weniger eine Liebesgeschichte als die Geschichte einer weiblichen Intimität, die sich permanent zwischen Begehren, Projektion und Fürsorge verschiebt. Die Beziehung zwischen Jonna und Nore entzieht sich bewusst eindeutigen Kategorien. Gerade diese Unbestimmtheit macht ihre Dynamik so faszinierend. Jonna blickt auf Nore zugleich mit Bewunderung, Sehnsucht und Irritation. Nore wiederum scheint in Jonna weniger eine Partnerin als eine emotionale Zuflucht zu suchen. Der gemeinsame Wohnraum entwickelt sich dabei zu einem hochgradig aufgeladenen Mikrokosmos, in dem sexuelle Freiheit zunächst wie ein utopisches Gegenmodell zu gesellschaftlicher Normierung erscheint. Die erste Hälfte des Films entfaltet daraus eine beinahe rauschhafte Atmosphäre. Norden inszeniert Nähe, Körperlichkeit und Begehren mit bemerkenswerter Leichtigkeit. Sexualität erscheint hier nicht als Skandal oder Provokation, sondern als Ausdruck jugendlicher Suchbewegungen. Der Film verweigert dabei moralische Eindeutigkeiten und nähert sich seinen Figuren mit spürbarer Empathie. Gerade deshalb wirkt die spätere Verschiebung des Tons umso eindringlicher.


© Neue Visionen

Trauma als eingeschriebene Erinnerung

Mit zunehmender Laufzeit beginnt „Smalltown Girl“, die psychologischen Grundlagen von Nores Verhalten freizulegen. Besonders eindrucksvoll gelingt dies über die visuelle Gestaltung ihrer Erinnerungsräume. Wenn Wände aufbrechen und die Protagonistin buchstäblich in ihre Vergangenheit hineinschreitet, verwandelt der Film psychische Prozesse in konkrete filmische Räume. Diese Szenen markieren den ästhetisch stärksten Teil des Films. Norden nutzt hier Mittel des subjektiven Kinos, um Traumata nicht bloß zu erzählen, sondern räumlich erfahrbar zu machen. Vergangenheit erscheint nicht als abgeschlossener Zustand, sondern als permanent gegenwärtige Struktur, die sich jederzeit in die Realität einschreibt. Besonders verstörend ist dabei die Darstellung jener frühen sexuellen Erfahrungen, in denen jugendliche Neugier auf männliche Ausbeutung trifft. Der Film zeigt eindrücklich, wie patriarchale Machtverhältnisse weibliche Selbstbilder prägen können – gerade dann, wenn sexuelle Selbstbestimmung zu früh mit Anerkennung verwechselt wird. Bemerkenswert ist, dass „Smalltown Girl“ dabei keine einfachen Opfer-Täter-Schemata konstruiert. Nore bleibt stets eine aktive, widersprüchliche Figur. Ihre Sexualität ist nie bloß Symptom traumatischer Beschädigung; zugleich wird aber deutlich, wie eng Selbstinszenierung und Selbstverletzung miteinander verbunden sein können.

Die Ambivalenz des feministischen Blicks

Interessanterweise liegt die eigentliche Stärke des Films gerade in jener Uneindeutigkeit, die man ihm auch als Schwäche auslegen könnte. „Smalltown Girl“ formuliert keine eindeutige Position zu Sexpositivity, emotionaler Freiheit oder weiblicher Autonomie. Der Film oszilliert permanent zwischen Feier und Kritik, zwischen Euphorie und Melancholie. Dadurch entsteht ein Werk, das sich einfachen feministischen Lesarten bewusst entzieht. Norden interessiert sich weniger für ideologische Klarheit als für emotionale Wahrhaftigkeit. Die Figuren handeln widersprüchlich, verletzend und impulsiv – gerade deshalb wirken sie glaubwürdig. Problematisch bleibt allerdings die dramaturgische Funktion der männlichen Figur Michel, gespielt von Jakob Geßner. Dass ausgerechnet ein Mann jene problematischen Muster erkennt und benennt, die Jonna zuvor nicht reflektiert, erzeugt eine gewisse Schieflage innerhalb der feministischen Perspektive des Films. Dennoch gelingt es Geßner, die Figur nicht als simplen moralischen Gegenpol anzulegen, sondern als ambivalente Projektion neuer Männlichkeit zwischen Sensibilität und unterschwelliger Dominanz.

Ein Debüt voller produktiver Widersprüche

„Smalltown Girl“ ist kein makelloser Film. Die narrative Struktur verliert gegen Ende an Präzision, einige dramaturgische Entscheidungen wirken bewusst fragmentarisch, und die abschließende Rahmung hinterlässt offene Fragen. Doch gerade diese Unabgeschlossenheit verweist auf eine bemerkenswerte künstlerische Haltung. Denn Hille Norden interessiert sich weniger für narrative Auflösung als für emotionale Zustände. Ihr Film beobachtet junge Frauen beim Versuch, zwischen Freiheit und Verletzlichkeit eine eigene Identität zu formulieren. Dabei entstehen Bilder von großer Sinnlichkeit, aber auch von schmerzhafter Intimität. Vor allem Dana Herfurth und Luna Jordan tragen den Film mit bemerkenswerter Präsenz. Ihre Figuren wirken nie wie theoretische Konstrukte, sondern wie Menschen, die sich selbst erst verstehen lernen müssen. So erweist sich „Smalltown Girl“ letztlich als faszinierendes Debüt: ein Film voller Brüche, Unsicherheiten und emotionaler Reibungen – und gerade deshalb ein bemerkenswert authentisches Porträt weiblicher Selbstsuche im zeitgenössischen europäischen Autorenkino.


SMALLTOWN GIRL

ET: 28.05.26: DVD & digital | FSK 16
R: Hille Norden | D: Dana Herfurth, Luna Jordan, Jakob Geßner
Deutschland 2025 | Neue Visionen


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