ASTRID
LINDGREN
DIE MENSCHHEIT HAT DEN VERSTAND VERLOREN
Jenseits
der Ikone zeichnet Wilfried Haukes „Astrid Lindgren –
Die Menschheit hat den Verstand verloren“ das Porträt einer
Autorin im moralischen Ausnahmezustand des 20. Jahrhunderts. Ausgehend
von den Kriegstagebüchern entsteht ein filmischer Denkraum über
Ambivalenz, Verantwortung und die Fragilität humanistischer Gewissheiten.
Ein Doku-Drama, das Lindgren nicht verklärt, sondern als historisch
verortete, zweifelnde Zeitzeugin neu begreifbar macht.
Mit
„Astrid Lindgren – Die Menschheit hat den Verstand verloren“,
der seit dem 26. Juni auf DVD und VoD für das Heimkino erhältlich
ist, unternimmt Regisseur Wilfried Hauke ein ebenso kluges wie behutsames
Unterfangen: Er löst Astrid Lindgren aus der komfortablen Verklärung
der Ikone und rückt sie zurück in ihre historische, moralisch
widersprüchliche Gegenwart. Der Film ist weniger klassisches
Autorenporträt als vielmehr eine essayistische Zeitdiagnose,
die das Bild der weltberühmten Kinderbuchautorin durch die Linse
ihrer eigenen, im Zweiten Weltkrieg geführten Tagebücher
betrachtet. Dabei geht es Hauke nicht um die längst kanonisierten
Figuren – Pippi, Michel oder Ronja erscheinen höchstens
als fernes Echo –, sondern um die Frau vor dem Ruhm: eine junge
Mutter, Angestellte, politische Beobachterin wider Willen. Die Entscheidung,
Lindgrens Kriegstagebücher als strukturelles Rückgrat des
Films zu nutzen, erweist sich als ebenso konsequent wie produktiv.
Diese Aufzeichnungen sind keine literarischen Kunstwerke, sondern
spontane, oft widersprüchliche Reflexionen einer Zeitgenossin,
die versucht, moralisch zu navigieren, während um sie herum Europa
zerfällt. Genau in dieser Unmittelbarkeit liegt ihre filmische
Kraft. Hauke arrangiert das Material chronologisch und kombiniert
Archivaufnahmen, nachgestellte Szenen und dokumentarische Gegenwartsebenen.
Die schwedische Schauspielerin Sofia Pekkari verkörpert Lindgren
nicht als mimetische Kopie, sondern als vermittelnde Instanz zwischen
Text und Bild. Ihr direkter Blick in die Kamera schafft eine irritierende
Nähe: Lindgrens Gedanken werden nicht historisiert, sondern frontal
adressiert. In der Gegenüberstellung mit Wochenschau-Bildern
des Krieges entfaltet sich ein Spannungsfeld zwischen privatem Empfinden
und kollektiver Katastrophe, das den Film prägt. Besonders eindrücklich
ist der Fokus auf Lindgrens Tätigkeit bei der schwedischen Militärzensur.
Diese biografische Episode, selten Teil populärer Lindgren-Narrative,
öffnet den Film für eine komplexe ethische Dimension.
Die
Autorin liest die Feldpost fremder Menschen, wird zur unfreiwilligen
Zeugin von Angst, Hoffnung und Verzweiflung – und reflektiert
diese Grenzüberschreitung mit spürbarem Unbehagen. Hauke
macht daraus keinen Skandal, sondern eine stille Zumutung, die Lindgrens
humanistisches Selbst-verständnis auf die Probe stellt. Filmanalytisch
bemerkenswert ist, wie der Film mit Ambivalenzen umgeht. Lindgrens
Gedanken zum Krieg schwanken zwischen Empathie, Naivität und
politischer Furcht. Manche Einschätzungen wirken heute irritierend
oder unbequem, doch Hauke glättet sie nicht. Gerade diese Offenheit
verleiht dem Doku-Drama seine intellektuelle Redlichkeit. Der Film
vertraut darauf, dass historische Figuren nicht moralisch makellos
sein müssen, um relevant zu bleiben. Eine zusätzliche Ebene
erhält der Film durch die Einbindung der Familie Lindgren. Gespräche
mit Tochter, Enkeln und Urenkeln fungieren weniger als biografische
Ergänzung denn als Kommentar zur Wirkungsgeschichte. Besonders
aufschlussreich ist die Deutung des enormen Erfolgs von Pippi Langstrumpf
im Nachkriegsdeutschland: Die Figur erscheint hier als anarchische
Gegenutopie zu autoritären Strukturen, als kindlicher Gegenentwurf
zu Gehorsam und staatlicher Macht. Diese Lesart verbindet die Kriegstagebücher
organisch mit Lindgrens späterem Werk, ohne in simple Kausalität
zu verfallen. Formal bleibt der Film bewusst zurückhaltend. Die
Inszenierung ist illustrativ, manchmal redundant, doch nie effekthascherisch.
Gerade diese Nüchternheit erlaubt es, die fast hundert Minuten
als gedanklichen Raum zu nutzen. Hauke interessiert weniger das große
geopolitische Tableau als das innere Ringen einer Frau, die zwischen
Anpassung und Widerspruch, Angst und Hoffnung oszilliert. „Astrid
Lindgren – Die Menschheit hat den Verstand verloren“ ist
damit ein ebenso kluges wie notwendiges Porträt. Es zeigt Lindgren
nicht als unantastbare Moralinstanz, sondern als Mensch in einer moralisch
entgrenzten Zeit. Der Film lädt dazu ein, Humanismus nicht als
fertige Haltung, sondern als fortwährenden Prozess zu begreifen
– fragil, widersprüchlich und gerade deshalb von bleibender
Bedeutung.
ASTRID LINDGREN
DIE MENSCHHEIT HAT DEN VERSTAND VERLOREN
ET:
01.07.26: DVD & VoD | FSK 12
R: Wilfried Hauke | Dokumentation
Deutschland, Schweden 2024 | Lighthouse Home Entertainment