Ein Film,
der große Themen beschwört – und an ihnen zerbricht.
Julia Ducournau verlässt das Genre und verliert dabei ihre stärkste
Ausdrucksform. Zwischen Allegorie und Abstraktion versickert jede
emotionale Dringlichkeit. Zurück bleibt ein Werk, das mehr behauptet
als es erfahrbar macht.
Mit
ALPHA, der am 2. Juli seinen Home Entertainment-Start feiert, unternimmt
Julia Ducournau einen radikalen ästhetischen und thematischen
Kurswechsel, der sich als ebenso ambitioniert wie problematisch erweist.
Nach den körperlich-exzessiven Grenzüberschreitungen von
Raw und Titane wendet sich Ducournau einem vermeintlich geerdeteren
Sujet zu: einer allegorisch überformten Epidemie, die unübersehbar
auf historische Erfahrungen mit AIDS rekurriert. Doch gerade in der
Abkehr von jener expressiven Körperlichkeit, die ihr bisheriges
Werk auszeichnete, offenbart sich eine Leerstelle, die ALPHA weder
formal noch narrativ zu füllen vermag. Bereits die Exposition
etabliert eine Welt, die weniger konkret erfahrbar als vielmehr diffus
behauptet wird. Die von Mélissa Boros gespielte Titelfigur
bewegt sich durch ein Szenario, das von einem rätselhaften, blutübertragbaren
Virus geprägt ist, dessen gesellschaftliche und medizinische
Implikationen jedoch auffallend unterbestimmt bleiben. Die Inszenierung
verweigert systematisch jede Form der Kontextualisierung, wodurch
die erzählte Welt ihre ontologische Stabilität verliert.
Was als poetische Offenheit intendiert sein mag, gerät hier zur
strukturellen Unschärfe. Zentral für das Scheitern des Films
ist die Entscheidung, die virale Bedrohung primär als metaphorisches
Konstrukt zu behandeln. Die visuelle Idee einer Versteinerung des
Körpers – Haut, die sich in eine sandartige Substanz verwandelt
– evoziert zwar ikonografisch aufgeladene Bilder zwischen Heiligenfigur
und Verfall, bleibt jedoch in ihrer symbolischen Dimension erstaunlich
flach. Ohne eine präzise Verankerung im sozialen oder psychologischen
Kontext verliert die Metapher ihre analytische Schärfe und degeneriert
zur bloßen ästhetischen Behauptung. Ducournaus Kino war
stets dann am stärksten, wenn es das Innere ihrer Figuren über
das Äußere artikulierte – wenn Transformation nicht
nur Motiv, sondern Medium war. In ALPHA hingegen wird diese Verbindung
gekappt. Die emotionale Entwicklung der Protagonistin bleibt fragmentarisch,
ihre Handlungen erscheinen weniger als Resultat innerer Konflikte
denn als willkürliche Setzungen innerhalb eines unklar definierten
Diskurses. Die Frage nach Identität, Selbstzerstörung und
sozialer Ausgrenzung wird zwar aufgerufen, aber nie konsequent durchdrungen.
Hinzu kommt eine narrative Struktur, die sich zunehmend in zeitlichen
und räumlichen Verschiebungen verliert.
Rückblenden,
Erinnerungs-fragmente und gegenwärtige Handlungsebenen überlagern
sich in einer Weise, die weniger produktive Mehrdeutigkeit erzeugt
als vielmehr die emotionale Kohärenz unterminiert. Besonders
die Figur des Onkels, verkörpert von Tahar Rahim, bleibt in einem
Zwischenraum aus Abhängigkeitserzählung und Spiegelbild
der viralen Bedrohung gefangen – eine Parallelführung,
die eher verwischt als erhellt. Auch formal wirkt ALPHA erstaunlich
uneinheitlich. Die visuelle Gestaltung operiert mit einer entsättigten
Farbpalette, die eine Atmosphäre der Erstarrung erzeugen soll,
dabei jedoch häufig in bloße Monotonie kippt. Die Kamera
verweilt in statischen Kompositionen, die an das tableauhafte Kino
eines Roy Andersson erinnern, ohne jedoch dessen präzise Balance
zwischen Absurdität und existenzieller Tiefe zu erreichen. Gleichzeitig
überlagert ein dominanter elektronischer Score die Dialoge und
verstärkt den Eindruck einer Inszenierung, die ihren Figuren
misstraut und stattdessen auf affektive Überwältigung setzt.
Vereinzelt blitzen dennoch jene Qualitäten auf, die Ducournau
zu einer der interessantesten Stimmen des zeitgenössischen europäischen
Kinos gemacht haben. In Momenten gesteigerter Körperlichkeit
– etwa wenn physische Zerfallsprozesse plötzlich eruptiv
ins Bild drängen – gewinnt der Film eine Intensität,
die seine konzeptionellen Defizite kurzzeitig überdeckt. Doch
diese Momente bleiben isoliert, eingebettet in ein Werk, das insgesamt
zu sehr um seine eigene Bedeutung kreist, ohne sie je einzulösen.
Die Kontroverse um Alpha ist daher weniger Resultat provokanter Inhalte
als vielmehr Ausdruck einer ästhetischen Dissoziation. Ducournau
scheint hier gegen ihr eigenes filmisches Vokabular anzureden, indem
sie jene genrehaften Strukturen zurückweist, die zuvor als Träger
emotionaler und thematischer Verdichtung fungierten. Was bleibt, ist
ein Film, der sich seiner Mittel nicht sicher ist und dessen ambitionierte
Anlage in einer eigentümlichen Unentschlossenheit versandet.
So erweist sich ALPHA letztlich als ein Werk des Ungleichgewichts:
überladen mit Bedeutung, aber arm an Klarheit; durchdrungen von
Gefühlen, doch unfähig, diese in eine überzeugende
filmische Form zu übersetzen. Gerade weil Ducournau hier sichtbar
an die Grenzen ihres bisherigen Schaffens stößt, ist das
Ergebnis weniger ein produktiver Bruch als vielmehr eine ernüchternde
Fehlzündung – ein Film, der viel will, aber erstaunlich
wenig erreicht. Der Home Entertainment-Start bietet nun die Gelegenheit
sich selber ein Bild zu machen.