Pinocchio:
Unstrung
Die Geburt einer mörderischen Puppe
„Pinocchio:
Unstrung“ überführt eine der bekanntesten Figuren
der Kinderliteratur in das blutige Terrain des britischen Slasherkinos.
Rhys Frake-Waterfield verbindet morbide Märchenzerstörung
mit schwarzem Humor und einer überraschend melancholischen Ausgangssituation.
Zwischen Verlust, kindlicher Einsamkeit und grotesker Gewalt entsteht
ein Horrorfilm, der seine Boshaftigkeit bewusst als ästhetisches
Prinzip kultiviert.
Mit
„Pinocchio: Unstrung“ setzt Rhys Frake-Waterfield seine
Neuinterpretation populärer Kindheitsikonen fort und erweitert
damit das sogenannte Twisted Childhood Universe um eine weitere radikale
Umdeutung. Aus dem hölzernen Jungen, dessen Geschichte traditionell
von Moral, Erziehung und dem Wunsch nach Menschlichkeit handelt, wird
eine mörderische Kreatur, die ihre eigene Version von Fürsorge
entwickelt. Der entscheidende Reiz dieses Konzepts liegt weniger in
der bloßen Provokation als in der Umkehrung des ursprünglichen
Funktionsprinzips: Pinocchio soll nicht mehr lernen, ein guter Mensch
zu werden, sondern wird selbst zur Bedrohung für jene Welt, in
der Kinder normalerweise geschützt werden. „Pinocchio:
Unstrung“ macht damit aus einem pädagogischen
Märchen ein Genreobjekt, dessen zentrale Frage nicht lautet,
wie aus einer Puppe ein Mensch wird, sondern welche Konsequenzen entstehen,
wenn der Wunsch nach einem idealen Kindheitsgefährten buchstäblich
materialisiert wird.
Trauer als Ursprung
des Monströsen
Der Film besitzt einen bemerkenswert düsteren
Ausgangspunkt. Der junge James lebt nach dem Verlust seiner Eltern
bei seinem Großvater Geppetto und hat zusätzlich den Tod
eines Freundes durch eine schwere Krankheit erfahren. Die Erschaffung
Pinocchios entsteht somit nicht primär aus wissenschaftlicher
Neugier, sondern aus Trauer. Geppetto versucht, dem Jungen einen Gefährten
zu schenken, der nicht sterben kann und dadurch jene Verlusterfahrung
kompensieren soll, die James bereits in jungen Jahren prägt.
Gerade hier gewinnt der Film eine unerwartete emotionale Dimension.
Die monströse Puppe ist zunächst weniger Ausdruck von Bosheit
als von menschlicher Verzweiflung. Das Motiv des künstlich erschaffenen
Wesens, das einen Verlust ersetzen soll, gehört zu den ältesten
Traditionen des fantastischen Kinos. „Pinocchio: Unstrung“
radikalisiert diese Idee, indem es die vermeintliche Unsterblichkeit
des Ersatzfreundes in eine Gefahr verwandelt. Was als Trost gedacht
ist, wird zur Quelle neuer Traumata.
Die Puppe als verdrehter
Freund
Pinocchio
folgt dabei zunächst einer Logik, die aus dem Puppenhorror vertraut
ist. Seine starre Physiognomie, das künstliche Lächeln und
die hölzerne Körperlichkeit erzeugen jene irritierende Zwischenstellung,
die Puppen im Horrorfilm seit jeher besitzen: Sie ähneln dem
Menschen, gehören ihm aber nicht vollständig an. Anders
als eine rein dämonische Kreatur entsteht Pinocchios Bedrohlichkeit
gerade aus seiner kindlichen Unschuld. Er interpretiert die Welt wörtlich,
verfügt über eine begrenzte Moral und reagiert auf James’
Wünsche, ohne deren Konsequenzen vollständig zu verstehen.
Dadurch erhält seine Gewalt einen absurden Charakter. Wenn James
angesichts seiner Peiniger einen tödlichen Wunsch äußert,
nimmt Pinocchio diesen nicht als emotionalen Ausruf, sondern als Handlungsanweisung.
Der Schrecken entsteht somit aus einer grotesken Kommunikationsstörung:
Ein Kind formuliert einen Gedanken, den ein anderes Wesen für
bare Münze nimmt. Das bekannte Märchenmotiv des Wunsches
erhält dadurch eine ausgesprochen schwarze Wendung.
Schwarzer Humor zwischen
Tabubruch und Geschmacklosigkeit
Seinen besonderen Ton gewinnt der Film aus
der Kombination von Gewalt und schwarzem Humor. Die Todesfälle
sind bewusst überzeichnet und häufig so konstruiert, dass
ihre Brutalität in absurde Komik umschlägt. Diese Form des
Horrors lebt von der Spannung zwischen körperlichem Schrecken
und der Distanz, die durch Übertreibung entsteht. „Pinocchio:
Unstrung“ setzt dabei auf eine betont makabre Spielfreude. Die
Morde sollen nicht ausschließlich schockieren, sondern das Publikum
zugleich zum ungläubigen Lachen bringen. Das funktioniert insbesondere
dann, wenn die Inszenierung den Slasher als groteske Körperkomödie
begreift. Zugleich überschreitet der Film bewusst Grenzen des
guten Geschmacks. Diese Strategie ist ambivalent: Einerseits gehört
die Rücksichtslosigkeit zum Konzept, andererseits droht die Provokation
dort leer zu laufen, wo sie lediglich auf die Demütigung besonders
schutzbedürftiger Figuren setzt. Die satirische Schärfe
ist deshalb nicht durchgehend so präzise wie die Grundidee.
Der Körper als
Material des Schreckens
Die Gewaltdarstellung folgt überwiegend
den bekannten Regeln des Splatterkinos. Körper werden verletzt,
deformiert und in groteske Situationen gebracht; Alltagsgegenstände
können jederzeit zu Instrumenten des Todes werden. Filmwissenschaftlich
interessant ist dabei die Diskrepanz zwischen der behaupteten Brutalität
und ihrer sichtbaren Materialität. Die Effekte besitzen teilweise
eine bewusst künstliche Qualität, wodurch die Gewalt weniger
realistisch als performativ wirkt. Das kann durchaus als ästhetische
Entscheidung gelesen werden: Die offensichtliche Künstlichkeit
erinnert daran, dass hier ein Märchenbild in eine Horrorfigur
transformiert wird. Gleichzeitig reduziert sie die physische Wucht
einzelner Szenen. Wo der Splatter eigentlich körperliches Unbehagen
erzeugen sollte, entsteht bisweilen eher eine Distanz, die das Lachen
erleichtert. „Pinocchio: Unstrung“ ist deshalb stärker
als groteske Horrorkomödie denn als konsequent erschütternder
Schocker, dessen blutige Bilder leicht der Genre-Vergessenheit anheimfallen.
Gerade
im Umgang mit sexualisierten und körperlich exponierten Szenen
offenbart sich eine Schwäche des Konzepts. Eine Duschsequenz,
in der eine als Schülerin präsentierte Figur sexualisiert
und teilweise entblößt gezeigt wird, kollidiert mit dem
ansonsten auf kindliche Figuren konzentrierten Setting. Unabhängig
von der intendierten Slasher-Hommage entsteht dadurch eine problematische
Blickordnung, die nicht notwendig zur Charakterisierung, Dramaturgie
oder Horrorwirkung beiträgt. Ein Film, der mit der Verfremdung
von Kindheitsikonen arbeitet, sollte besonders präzise darin
sein, welche Grenzen er überschreitet und warum. „Pinocchio:
Unstrung“ besitzt zwar ein ausgeprägtes Interesse am Tabubruch,
differenziert dessen Funktionen jedoch nicht immer ausreichend. Wo
Grenzüberschreitung lediglich als kalkulierter Schockreiz eingesetzt
wird, verliert die Provokation ihre subversive Kraft.
Die
Rückkehr des bösen Kinderzimmers
Die
Figur Pinocchios reiht sich zugleich in eine lange Tradition des sogenannten
Killer-Toy-Horrors ein. Von „Child’s Play“ bis zu
zahlreichen Varianten des Puppen- und Spielzeughorrors lebt dieses
Subgenre von einer fundamentalen Umkehrung kindlicher Sicherheit.
Spielzeug ist normalerweise ein Objekt der Kontrolle: Es gehört
dem Kind, wird bewegt, weggelegt und in eine imaginäre Welt integriert.
Sobald es eigene Handlungsfähigkeit erhält, verschiebt sich
die Machtordnung. „Pinocchio: Unstrung“ nutzt genau diese
Irritation. Pinocchio ist klein, scheinbar unbeweglich und körperlich
begrenzt – und besitzt dennoch eine Macht, die seinen menschlichen
Gegenübern überlegen ist. Seine Bedrohlichkeit entsteht
damit aus der Differenz zwischen äußerer Fragilität
und innerer Unkontrollierbarkeit. Das Kinderzimmer wird nicht zum
Schutzraum, sondern zum Ort, an dem sich die verdrängten Ängste
der Erwachsenen materialisieren.
Eine
moderne Variante des Märchenmotivs
Trotz
seiner offenkundigen Splatterorientierung bleibt die Beziehung zwischen
James und Pinocchio der interessanteste erzählerische Kern. James
sucht nach einem Freund, der ihn nicht verlassen kann. Pinocchio erfüllt
diesen Wunsch auf eine entsetzliche Weise. Darin steckt eine tragische
Ironie, die den Film über die reine Horrorattraktion hinaushebt.
Unsterblichkeit ist hier kein Geschenk, sondern eine Form der Entfremdung.
Ein Wesen, das niemals sterben kann, besitzt keinen natürlichen
Platz in der Welt der Sterblichen. Für James wiederum wird die
vermeintliche Sicherheit zur Gefahr. Die Freundschaft verwandelt sich
in ein Abhängigkeitsverhältnis, in dem Zuneigung und Schrecken
nicht mehr voneinander zu trennen sind. Das klassische Märchenmotiv
vom Wunsch nach dem Menschlichen wird damit in eine Geschichte über
Verlust und die Unmöglichkeit übersetzt, den Tod durch künstliche
Konstruktionen zu überwinden.
Ein
bewusst geschmackloses Vergnügen
„Pinocchio:
Unstrung“ ist kein subtiler Horrorfilm und will es auch nicht
sein. Seine Stärken liegen in der Konsequenz, mit der er eine
vertraute Kinderfigur in ein Objekt grotesker Faszination verwandelt,
sowie in der emotional überraschend nachvollziehbaren Motivation
hinter Geppettos Experiment. Die Inszenierung besitzt Sinn für
makabre Bildideen und nutzt den Gegensatz zwischen kindlicher Ikonografie
und erwachsener Gewalteskalation als zentrale ästhetische Spannung.
Nicht jede Provokation ist gelungen, nicht jeder Splattereffekt entfaltet
die gewünschte Wirkung, und manche Grenzüberschreitung wirkt
eher kalkuliert als wirklich subversiv. Dennoch besitzt der Film eine
klare Identität. Ab dem 27. August 2026 online sowie als Steelcase,
4K-UHD+Blu-ray, Blu-ray und DVD erhältlich, richtet sich „Pinocchio:
Unstrung“ vor allem an ein Publikum, das Freude an schwarzem
Humor, groteskem Splatter und der subversiven Zerstörung vertrauter
Märchenbilder hat. Seine eigentliche Pointe liegt dabei weniger
im Blut als in der bitteren Umkehrung des Pinocchio-Mythos: Ein Junge
wünscht sich einen Freund, der niemals stirbt – und erschafft
damit genau das Wesen, vor dem er sich fortan fürchten muss.
PINOCCHIO: UNSTRUNG
ET:
27.08.26: Steelcase, 4K-UHD+Blu-ray, Blu-ray, DVD & online |
FSK 18
R: Rhys Frake-Waterfield | D: Robert Englund, Richard Brake
USA, Großbritannien 2026 | Plaion Pictures