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DVD & BLU-RAY | 26.08.2026

Pinocchio: Unstrung
Die Geburt einer mörderischen Puppe

„Pinocchio: Unstrung“ überführt eine der bekanntesten Figuren der Kinderliteratur in das blutige Terrain des britischen Slasherkinos. Rhys Frake-Waterfield verbindet morbide Märchenzerstörung mit schwarzem Humor und einer überraschend melancholischen Ausgangssituation. Zwischen Verlust, kindlicher Einsamkeit und grotesker Gewalt entsteht ein Horrorfilm, der seine Boshaftigkeit bewusst als ästhetisches Prinzip kultiviert.

von Franziska Keil


© PLAION PICTURES

Mit „Pinocchio: Unstrung“ setzt Rhys Frake-Waterfield seine Neuinterpretation populärer Kindheitsikonen fort und erweitert damit das sogenannte Twisted Childhood Universe um eine weitere radikale Umdeutung. Aus dem hölzernen Jungen, dessen Geschichte traditionell von Moral, Erziehung und dem Wunsch nach Menschlichkeit handelt, wird eine mörderische Kreatur, die ihre eigene Version von Fürsorge entwickelt. Der entscheidende Reiz dieses Konzepts liegt weniger in der bloßen Provokation als in der Umkehrung des ursprünglichen Funktionsprinzips: Pinocchio soll nicht mehr lernen, ein guter Mensch zu werden, sondern wird selbst zur Bedrohung für jene Welt, in der Kinder normalerweise geschützt werden. „Pinocchio: Unstrung“ macht damit aus einem pädagogischen Märchen ein Genreobjekt, dessen zentrale Frage nicht lautet, wie aus einer Puppe ein Mensch wird, sondern welche Konsequenzen entstehen, wenn der Wunsch nach einem idealen Kindheitsgefährten buchstäblich materialisiert wird.

Trauer als Ursprung des Monströsen

Der Film besitzt einen bemerkenswert düsteren Ausgangspunkt. Der junge James lebt nach dem Verlust seiner Eltern bei seinem Großvater Geppetto und hat zusätzlich den Tod eines Freundes durch eine schwere Krankheit erfahren. Die Erschaffung Pinocchios entsteht somit nicht primär aus wissenschaftlicher Neugier, sondern aus Trauer. Geppetto versucht, dem Jungen einen Gefährten zu schenken, der nicht sterben kann und dadurch jene Verlusterfahrung kompensieren soll, die James bereits in jungen Jahren prägt. Gerade hier gewinnt der Film eine unerwartete emotionale Dimension. Die monströse Puppe ist zunächst weniger Ausdruck von Bosheit als von menschlicher Verzweiflung. Das Motiv des künstlich erschaffenen Wesens, das einen Verlust ersetzen soll, gehört zu den ältesten Traditionen des fantastischen Kinos. „Pinocchio: Unstrung“ radikalisiert diese Idee, indem es die vermeintliche Unsterblichkeit des Ersatzfreundes in eine Gefahr verwandelt. Was als Trost gedacht ist, wird zur Quelle neuer Traumata.

Die Puppe als verdrehter Freund

Pinocchio folgt dabei zunächst einer Logik, die aus dem Puppenhorror vertraut ist. Seine starre Physiognomie, das künstliche Lächeln und die hölzerne Körperlichkeit erzeugen jene irritierende Zwischenstellung, die Puppen im Horrorfilm seit jeher besitzen: Sie ähneln dem Menschen, gehören ihm aber nicht vollständig an. Anders als eine rein dämonische Kreatur entsteht Pinocchios Bedrohlichkeit gerade aus seiner kindlichen Unschuld. Er interpretiert die Welt wörtlich, verfügt über eine begrenzte Moral und reagiert auf James’ Wünsche, ohne deren Konsequenzen vollständig zu verstehen. Dadurch erhält seine Gewalt einen absurden Charakter. Wenn James angesichts seiner Peiniger einen tödlichen Wunsch äußert, nimmt Pinocchio diesen nicht als emotionalen Ausruf, sondern als Handlungsanweisung. Der Schrecken entsteht somit aus einer grotesken Kommunikationsstörung: Ein Kind formuliert einen Gedanken, den ein anderes Wesen für bare Münze nimmt. Das bekannte Märchenmotiv des Wunsches erhält dadurch eine ausgesprochen schwarze Wendung.

Schwarzer Humor zwischen Tabubruch und Geschmacklosigkeit

Seinen besonderen Ton gewinnt der Film aus der Kombination von Gewalt und schwarzem Humor. Die Todesfälle sind bewusst überzeichnet und häufig so konstruiert, dass ihre Brutalität in absurde Komik umschlägt. Diese Form des Horrors lebt von der Spannung zwischen körperlichem Schrecken und der Distanz, die durch Übertreibung entsteht. „Pinocchio: Unstrung“ setzt dabei auf eine betont makabre Spielfreude. Die Morde sollen nicht ausschließlich schockieren, sondern das Publikum zugleich zum ungläubigen Lachen bringen. Das funktioniert insbesondere dann, wenn die Inszenierung den Slasher als groteske Körperkomödie begreift. Zugleich überschreitet der Film bewusst Grenzen des guten Geschmacks. Diese Strategie ist ambivalent: Einerseits gehört die Rücksichtslosigkeit zum Konzept, andererseits droht die Provokation dort leer zu laufen, wo sie lediglich auf die Demütigung besonders schutzbedürftiger Figuren setzt. Die satirische Schärfe ist deshalb nicht durchgehend so präzise wie die Grundidee.

Der Körper als Material des Schreckens

Die Gewaltdarstellung folgt überwiegend den bekannten Regeln des Splatterkinos. Körper werden verletzt, deformiert und in groteske Situationen gebracht; Alltagsgegenstände können jederzeit zu Instrumenten des Todes werden. Filmwissenschaftlich interessant ist dabei die Diskrepanz zwischen der behaupteten Brutalität und ihrer sichtbaren Materialität. Die Effekte besitzen teilweise eine bewusst künstliche Qualität, wodurch die Gewalt weniger realistisch als performativ wirkt. Das kann durchaus als ästhetische Entscheidung gelesen werden: Die offensichtliche Künstlichkeit erinnert daran, dass hier ein Märchenbild in eine Horrorfigur transformiert wird. Gleichzeitig reduziert sie die physische Wucht einzelner Szenen. Wo der Splatter eigentlich körperliches Unbehagen erzeugen sollte, entsteht bisweilen eher eine Distanz, die das Lachen erleichtert. „Pinocchio: Unstrung“ ist deshalb stärker als groteske Horrorkomödie denn als konsequent erschütternder Schocker, dessen blutige Bilder leicht der Genre-Vergessenheit anheimfallen.


© PLAION PICTURES

Die problematische Grenze der Provokation

Gerade im Umgang mit sexualisierten und körperlich exponierten Szenen offenbart sich eine Schwäche des Konzepts. Eine Duschsequenz, in der eine als Schülerin präsentierte Figur sexualisiert und teilweise entblößt gezeigt wird, kollidiert mit dem ansonsten auf kindliche Figuren konzentrierten Setting. Unabhängig von der intendierten Slasher-Hommage entsteht dadurch eine problematische Blickordnung, die nicht notwendig zur Charakterisierung, Dramaturgie oder Horrorwirkung beiträgt. Ein Film, der mit der Verfremdung von Kindheitsikonen arbeitet, sollte besonders präzise darin sein, welche Grenzen er überschreitet und warum. „Pinocchio: Unstrung“ besitzt zwar ein ausgeprägtes Interesse am Tabubruch, differenziert dessen Funktionen jedoch nicht immer ausreichend. Wo Grenzüberschreitung lediglich als kalkulierter Schockreiz eingesetzt wird, verliert die Provokation ihre subversive Kraft.

Die Rückkehr des bösen Kinderzimmers

Die Figur Pinocchios reiht sich zugleich in eine lange Tradition des sogenannten Killer-Toy-Horrors ein. Von „Child’s Play“ bis zu zahlreichen Varianten des Puppen- und Spielzeughorrors lebt dieses Subgenre von einer fundamentalen Umkehrung kindlicher Sicherheit. Spielzeug ist normalerweise ein Objekt der Kontrolle: Es gehört dem Kind, wird bewegt, weggelegt und in eine imaginäre Welt integriert. Sobald es eigene Handlungsfähigkeit erhält, verschiebt sich die Machtordnung. „Pinocchio: Unstrung“ nutzt genau diese Irritation. Pinocchio ist klein, scheinbar unbeweglich und körperlich begrenzt – und besitzt dennoch eine Macht, die seinen menschlichen Gegenübern überlegen ist. Seine Bedrohlichkeit entsteht damit aus der Differenz zwischen äußerer Fragilität und innerer Unkontrollierbarkeit. Das Kinderzimmer wird nicht zum Schutzraum, sondern zum Ort, an dem sich die verdrängten Ängste der Erwachsenen materialisieren.

Eine moderne Variante des Märchenmotivs

Trotz seiner offenkundigen Splatterorientierung bleibt die Beziehung zwischen James und Pinocchio der interessanteste erzählerische Kern. James sucht nach einem Freund, der ihn nicht verlassen kann. Pinocchio erfüllt diesen Wunsch auf eine entsetzliche Weise. Darin steckt eine tragische Ironie, die den Film über die reine Horrorattraktion hinaushebt. Unsterblichkeit ist hier kein Geschenk, sondern eine Form der Entfremdung. Ein Wesen, das niemals sterben kann, besitzt keinen natürlichen Platz in der Welt der Sterblichen. Für James wiederum wird die vermeintliche Sicherheit zur Gefahr. Die Freundschaft verwandelt sich in ein Abhängigkeitsverhältnis, in dem Zuneigung und Schrecken nicht mehr voneinander zu trennen sind. Das klassische Märchenmotiv vom Wunsch nach dem Menschlichen wird damit in eine Geschichte über Verlust und die Unmöglichkeit übersetzt, den Tod durch künstliche Konstruktionen zu überwinden.

Ein bewusst geschmackloses Vergnügen

„Pinocchio: Unstrung“ ist kein subtiler Horrorfilm und will es auch nicht sein. Seine Stärken liegen in der Konsequenz, mit der er eine vertraute Kinderfigur in ein Objekt grotesker Faszination verwandelt, sowie in der emotional überraschend nachvollziehbaren Motivation hinter Geppettos Experiment. Die Inszenierung besitzt Sinn für makabre Bildideen und nutzt den Gegensatz zwischen kindlicher Ikonografie und erwachsener Gewalteskalation als zentrale ästhetische Spannung. Nicht jede Provokation ist gelungen, nicht jeder Splattereffekt entfaltet die gewünschte Wirkung, und manche Grenzüberschreitung wirkt eher kalkuliert als wirklich subversiv. Dennoch besitzt der Film eine klare Identität. Ab dem 27. August 2026 online sowie als Steelcase, 4K-UHD+Blu-ray, Blu-ray und DVD erhältlich, richtet sich „Pinocchio: Unstrung“ vor allem an ein Publikum, das Freude an schwarzem Humor, groteskem Splatter und der subversiven Zerstörung vertrauter Märchenbilder hat. Seine eigentliche Pointe liegt dabei weniger im Blut als in der bitteren Umkehrung des Pinocchio-Mythos: Ein Junge wünscht sich einen Freund, der niemals stirbt – und erschafft damit genau das Wesen, vor dem er sich fortan fürchten muss.


PINOCCHIO: UNSTRUNG

ET: 27.08.26: Steelcase, 4K-UHD+Blu-ray, Blu-ray, DVD & online | FSK 18
R: Rhys Frake-Waterfield | D: Robert Englund, Richard Brake
USA, Großbritannien 2026 | Plaion Pictures


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