Mit SUPERGIRL
setzt das neue DC Universe seinen zweiten großen Kinobaustein
– und erlebt zugleich seinen ersten deutlichen Rückschlag.
Zwischen kosmischem Abenteuer, Charakterdrama und Fantasy-Epos verliert
sich der Film, der jetzt für das Heimkino erscheint, in einer
erstaunlich freudlosen Inszenierung, die das Potenzial ihrer Titelfigur
kaum ausschöpft. Lediglich einzelne Figuren und interessante
thematische Ansätze lassen erahnen, welches Werk hier möglich
gewesen wäre.
Das
Superheldenkino lebt seit jeher von seinen Symbolen. Kaum eine Figur
verkörpert diese Wahrheit stärker als Superman – und
in seiner unmittelbaren Nachfolge Supergirl. Das berühmte „S“
auf der Brust steht nicht allein für übermenschliche Kräfte,
sondern für Hoffnung, moralische Orientierung und die Idee, dass
Macht stets Verantwortung bedeutet. Gerade deshalb besitzt „Supergirl“
innerhalb des neu gegründeten DC Universe eine besondere Bedeutung.
Nach dem gelungenen Auftakt des neuen filmischen Universums ruhte
auf dem zweiten großen Kinofilm, der jetzt für das Heimkino
als 4K Ultra HD™, Blu-ray™, DVD und als limitierte Steelbook-Edition
erscheint, die Erwartung, die erzählerische und ästhetische
Richtung dieses Neustarts weiter zu festigen. Stattdessen entsteht
der Eindruck eines Films, der sich seiner eigenen Identität nie
sicher wird. Zwischen melancholischem Charakterdrama, Weltraum-Abenteuer,
düsterem Fantasyfilm und klassischem Superheldenspektakel verliert
Supergirl zunehmend seine erzählerische Balance. Das Resultat
ist ein Werk, das zwar immer wieder interessante Gedanken formuliert,
ihnen jedoch kaum die filmische Form verleiht, die sie verdienen würden.
Eine
Heldin ohne erzählerisches Zentrum
Im Mittelpunkt
steht Kara Zor-El, verkörpert von Milly Alcock. Die Grundidee
besitzt durchaus Reiz. Anders als Superman erscheint Kara nicht als
nahezu makellose Heldin. Sie trägt tiefe Traumata mit sich, kämpft
mit Schuldgefühlen und sucht ihren Platz zwischen persönlicher
Verzweiflung und moralischer Verantwortung. Diese psychologische Ausgangslage
eröffnet grundsätzlich interessante Perspektiven. Superheldenfilme
der vergangenen Jahre haben immer wieder gezeigt, dass innere Verletzlichkeit
die eigentliche Quelle dramatischer Spannung sein kann. Figuren wie
Logan, Matt Murdock oder selbst Bruce Wayne gewinnen gerade durch
ihre Widersprüche an Tiefe. Doch „Supergirl“ gelingt
es nur selten, diese Ambivalenz produktiv zu nutzen. Statt psychologische
Komplexität zu entwickeln, dominiert eine monotone Schwere, die
nahezu jede Szene bestimmt. Der Film verwechselt emotionale Ernsthaftigkeit
mit permanenter Trostlosigkeit. Wo Melancholie Differenzierung ermöglichen
könnte, entsteht eine erstaunliche Monotonie.
Das
Problem kryptonischer Allmacht
„Supergirl“
verweist auf ein bekanntes Problem des Superman-Mythos. Figuren nahezu
unbegrenzter Macht entziehen sich häufig klassischer Dramaturgie.
Spannung entsteht im Kino gewöhnlich aus Begrenzung, Verletzlichkeit
und Unsicherheit. Kara dagegen verfügt – zumindest unter
einer gelben Sonne – über nahezu unendliche Fähigkeiten.
Der Film versucht dieses strukturelle Problem durch wechselnde kosmische
Bedingungen und psychologische Belastungen zu lösen. Theoretisch
erscheint dieser Ansatz nachvollziehbar. Praktisch wirkt die Kräfteverteilung
jedoch oftmals beliebig. Nicht selten entsteht der Eindruck, dass
die Fähigkeiten der Protagonistin weniger inneren Regeln folgen
als den jeweiligen Erfordernissen einzelner Szenen. Dadurch verlieren
viele Konflikte ihre emotionale Dringlichkeit. Die Bedrohung bleibt
abstrakt.
Zwischen
Space Opera und düsterem Märchen
Auch tonal bleibt
„Supergirl“ bemerkenswert unentschlossen. Die Reise durch
verschiedene Planetensysteme eröffnet eigentlich faszinierende
Möglichkeiten. Das kosmische Setting könnte das DC-Universum
erheblich erweitern und neue visuelle Räume erschließen.
Stattdessen dominiert eine überraschend eintönige Inszenierung.
Viele Schauplätze bleiben austauschbar, zahlreiche Szenen wirken
wie digital erzeugte Zwischenwelten ohne materielle Präsenz.
Die Science-Fiction-Kulisse entwickelt kaum jene Eigenständigkeit,
welche große Weltraumepen auszeichnet. Gerade im Vergleich zu
modernen Vertretern des Genres fällt auf, wie wenig Sinn für
räumliche Atmosphäre entsteht.
Das
Scheitern der Action
Die größte
Schwäche des Films liegt jedoch in seiner Inszenierung. Action
besitzt im Superheldenkino nicht nur spektakuläre Funktion, sondern
erfüllt stets eine narrative Aufgabe. Gute Action erzählt
Charaktere. „Supergirl“ verfehlt dieses Ziel nahezu vollständig.
Die Kämpfe leiden unter unübersichtlicher Bildgestaltung,
einer häufig zu dunklen Ausleuchtung und einer digitalen Ästhetik,
welche den physischen Eindruck nahezu vollständig auflöst.
Besonders problematisch erscheint dabei die Kameraarbeit. Anstatt
Bewegungen nachvollziehbar zu gestalten, verliert sich die Inszenierung
immer wieder in hektischen Perspektivwechseln und computergenerierten
Räumen, deren physikalische Logik kaum erfahrbar wird. Das Ergebnis
erinnert an die problematischsten Momente früherer DC-Produktionen.
Gewalt besitzt keine Schwere mehr. Bewegung verliert ihre Richtung.
Und selbst spektakuläre Zerstörung bleibt erstaunlich emotionslos.
Gerade hierin unterscheidet sich „Supergirl“ deutlich
vom zuvor erschienenen „Superman“, dessen Action trotz
stilistischer Eigenheiten stets räumlich nachvollziehbar blieb.
Weibliche
Heldenschaft zwischen Eigenständigkeit und Klischee
Besonders bedauerlich
ist, dass der Film das Potenzial seiner Hauptfigur nur unzureichend
ausschöpft. Supergirl gehört seit Jahrzehnten zu den interessantesten
Figuren des DC-Kosmos, weil sie stets im Schatten eines übermächtigen
Vorbildes existiert. Ihre Geschichten handeln häufig weniger
von Stärke als von Identität. Der Film greift diesen Gedanken
zwar auf, entwickelt ihn jedoch kaum weiter. Kara bleibt erstaunlich
passiv gegenüber ihrer eigenen Geschichte. Häufig reagiert
sie lediglich auf äußere Ereignisse, anstatt ihre Entwicklung
selbst aktiv voranzutreiben. Dabei besitzt Milly Alcock durchaus die
schauspielerische Präsenz, dieser Figur größere Tiefe
zu verleihen. Besonders in den wenigen ruhigen Momenten zeigt sich
eine Verletzlichkeit, die den gesamten Film hätte tragen können.
Gerade deshalb wirkt das verschenkte Potenzial umso deutlicher.
Lobo
stiehlt der Heldin die Schau
Die
größte Überraschung des Films liefert Jason Momoa
als Lobo. Sein Auftritt bringt genau jene Energie in den Film, die
zuvor nahezu vollständig fehlte. Lobo verbindet anarchischen
Humor mit physischer Präsenz und einer selbstironischen Überzeichnung,
die erstaunlich gut funktioniert. Seine Szenen erinnern daran, dass
Comicverfilmungen trotz aller Ernsthaftigkeit auch Vergnügen
bereiten dürfen. Ironischerweise entwickelt ausgerechnet die
Nebenfigur mehr Charisma als die eigentliche Protagonistin. Dies ist
weniger ein Verdienst Lobos als vielmehr Ausdruck der unzureichenden
Figurenführung Karas.
Das
Symbol der Hoffnung
Zu den wenigen
wirklich gelungenen Momenten zählt die wiederkehrende Reflexion
über das berühmte kryptonische Symbol. Der Film erinnert
daran, dass Superhelden weniger durch ihre Kräfte als durch ihre
moralische Funktion definiert werden. Das „S“ steht nicht
für Überlegenheit, sondern für Hoffnung. Immer dann,
wenn „Supergirl“ diese Idee ernst nimmt, gewinnt der Film
kurzzeitig jene emotionale Größe, die seine Geschichte
eigentlich besitzen müsste. Leider bleiben diese Augenblicke
selten. Sie erscheinen eher als Fragmente eines besseren Films.
Was
bedeutet „Supergirl“ für das neue DC Universe?
Gerade deshalb
besitzt der Film vor allem im größeren Zusammenhang des
DC Universe besondere Bedeutung James Gunn hat den Neustart von DC
bewusst unter das Leitmotiv emotionaler Aufrichtigkeit gestellt. Sein
„Superman“ zeigte, dass klassische Superhelden auch im
gegenwärtigen Kino funktionieren können, wenn sie wieder
als moralische Figuren verstanden werden. „Supergirl“
stellt diese Entwicklung nun erstmals infrage. Der Film beweist, dass
ein überzeugendes Gesamtkonzept allein keine starken Einzelwerke
garantiert. Ein Shared Universe lebt letztlich nicht von langfristigen
Plänen, sondern von der Qualität jedes einzelnen Films.
Dennoch wäre es verfrüht, aus diesem Rückschlag pessimistische
Schlüsse zu ziehen. Gerade das Marvel Cinematic Universe (MCU)
zeigte in seinen frühen Jahren, dass einzelne schwächere
Beiträge den Erfolg eines größeren Projekts nicht
zwangsläufig gefährden. Entscheidend wird sein, ob das DCU
seine programmatische Vielfalt bewahrt und zugleich wieder stärker
auf erzählerische Präzision setzt. Positiv bleibt, dass
James Gunn bislang den Mut erkennen lässt, unterschiedlichen
Regisseuren eigene Handschriften zuzugestehen. Diese Offenheit könnte
langfristig gerade gegenüber der oft kritisierten Uniformität
anderer Franchise-Systeme zum entscheidenden Vorteil werden.
Fazit
„Supergirl“
ist der bislang schwächste Beitrag des neuen DC Universe. Der
Film besitzt durchaus interessante Ideen über Trauma, Verantwortung
und moralische Identität. Auch Milly Alcock überzeugt immer
wieder durch ihre intensive Darstellung einer innerlich zerrissenen
Heldin, während Jason Momoa als Lobo den wenigen wirklich unbeschwerten
Glanzpunkt setzt. Doch eine unentschlossene Dramaturgie, überraschend
schwach inszenierte Actionsequenzen und eine visuelle Gestaltung,
die selten über generische digitale Bilder hinausfindet, verhindern,
dass diese Qualitäten ihr volles Potenzial entfalten. Für
das DCU bedeutet „Supergirl“ daher weniger eine Krise
als eine Mahnung. Der erfolgreiche Neustart dieses Universums wird
sich nicht allein durch große Pläne oder ikonische Figuren
sichern lassen. Entscheidend bleibt, dass jeder einzelne Film jene
erzählerische Präzision, visuelle Eigenständigkeit
und emotionale Wahrhaftigkeit entwickelt, die Superhelden seit jeher
zu modernen Mythen gemacht haben. „Supergirl“ erinnert
letztlich daran, dass selbst das stärkste Symbol nur dann leuchtet,
wenn die filmische Inszenierung ihm die notwendige Strahlkraft verleiht.
SUPERGIRL
ET:
24.09.26: als 4K Ultra HD, Blu-ray, DVD & limitierte Steelbook-Edition
R: Craig Gillespie | D: Milly Alcock, Matthias Schoenaerts, Eve
Ridley
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