THIS
IS ENGLAND
Die Vermessung eines zerrissenen Landes
Shane
Meadows’ „This is England“ verbindet persönliche
Erinnerung und nationale Geschichte zu einem präzisen Porträt
des britischen Gesellschaftszustands der frühen 1980er-Jahre.
Aus der Perspektive eines zwölfjährigen Jungen erzählt
der Film von Klasse, Verlust und Zugehörigkeit – und von
der politischen Vereinnahmung einer Jugendkultur. Seine Verbindung
aus Sozialrealismus, Coming-of-Age, Popkultur und autobiografischer
Rückschau hat dem britischen Gegenwartskino eine unverwechselbare
Perspektive auf nationale Identität gegeben.
„This is England“ ist zunächst
ein Coming-of-Age-Film, doch sein eigentliches Thema ist die Politisierung
des Erwachsenwerdens. Shane Meadows versetzt die Geschichte in das
England von 1983 und bindet die Perspektive des zwölfjährigen
Shaun an eine Gesellschaft, die von wirtschaftlicher Unsicherheit,
den Nachwirkungen des Falklandkriegs und den Spannungen der Thatcher-Ära
geprägt ist. Das Historische erscheint dabei nicht als erklärender
Hintergrund, sondern dringt unmittelbar in Shauns Alltag ein. Der
Junge sucht nach Anerkennung, Gemeinschaft und einer sozialen Identität
und findet sie zunächst in einer Skinhead-Gruppe. Gerade diese
Perspektivierung macht den Film politisch präzise: Radikalisierung
wird nicht als plötzlicher ideologischer Sprung dargestellt,
sondern als Prozess sozialer Vereinnahmung. Das Politische gelangt
über Freundschaft, Kleidung, Musik und Gruppen-zugehörigkeit
in Shauns Erfahrungswelt. Meadows verbindet damit die subjektive Dramaturgie
des Coming-of-Age-Films mit der gesellschaftlichen Analyse des britischen
Sozialrealismus. Der junge Protagonist lernt nicht nur, erwachsen
zu werden, sondern auch, dass Gemeinschaft zugleich Schutzraum und
Instrument des Ausschlusses sein kann.
Sozialrealismus als
Erinnerungskino
Filmgeschichtlich steht „This is England“
deutlich in der Tradition des britischen Sozialrealismus, erweitert
diese jedoch um eine autobiografisch grundierte Erinnerungspoetik.
Das BFI ordnet Meadows’ Arbeit ausdrücklich in eine Entwicklungslinie
britischer Arbeiterklasse-Erzählungen ein, die von Ken Loach,
Mike Leigh und Alan Clarke bis zu späteren Regisseuren wie Meadows
reicht. Seine Midlands sind dabei keine austauschbare Kulisse, sondern
eine soziale Topografie aus Wohnräumen, Straßen, Kleidung,
Musik und alltäglichen Ritualen. Zugleich wird diese Welt nicht
dokumentarisch neutral reproduziert. Musik, Montage und visuelle Chiffren
verwandeln historische Rekonstruktion in subjektive Erinnerung. Die
Vergangenheit erscheint als emotional verdichtetes Ensemble kultureller
Zeichen. Darin liegt eine wesentliche ästhetische Leistung: Meadows
verbindet die materielle Genauigkeit des Sozialrealismus mit der Selektivität
des Erinnerns. „This Is England“ ist deshalb weder reines
Period Piece noch nostalgische Rückschau. Der Film rekonstruiert
eine Epoche und reflektiert zugleich, wie eine solche Epoche aus späterer
Perspektive erinnert und bewertet wird.
Die Skinhead-Kultur
und ihre politische Umcodierung
Besonders komplex ist die Darstellung der Skinhead-Kultur.
Meadows reduziert sie nicht von Beginn an auf Rechtsextremismus, sondern
zeigt zunächst ihre soziale und ästhetische Attraktivität.
Kleidung, Musik, Frisuren und Gruppenchoreografien schaffen eine erkennbare
kulturelle Identität, in der Shaun erstmals Anerkennung erfährt.
Wissenschaftliche Analysen des Films betonen gerade diese zunächst
gemeinschaftsstiftende und nostalgisch gefärbte Darstellung,
bevor die Subkultur durch rechtsextreme Ideologie umcodiert wird.
Darin liegt die politische Präzision des Films: Ideologie erscheint
nicht als äußerer Fremdkörper, sondern als Aneignung
bereits vorhandener Bedürfnisse nach Gemeinschaft, Stolz und
Zugehörigkeit. Mit dem Auftreten von Combo verändert sich
diese soziale Grammatik. Aus Kameradschaft wird Hierarchie, aus Stil
wird politische Markierung, aus Zugehörigkeit ein Instrument
der Ausgrenzung. Besonders wirkungsvoll ist dabei, dass Shaun die
Tragweite dieser Entwicklung zunächst nicht vollständig
versteht. Seine politische Sozialisation vollzieht sich emotional,
bevor sie intellektuell erfolgt. Der Film beschreibt damit weniger
den Extremisten als die Bedingungen, unter denen extremistische Weltbilder
Anschlussfähigkeit gewinnen können.
Nationale Identität
als umkämpftes Zeichen
Der Titel „This is England“ formuliert
die zentrale Frage des Films: Wer darf England repräsentieren?
Nationale Symbole, Musik und Kleidung erscheinen nicht als neutrale
Bestandteile einer kulturellen Identität, sondern als Zeichen,
deren Bedeutung politisch umkämpft ist. Besonders die Entwicklung
der Skinhead-Kultur verweist auf diesen Widerspruch. Ihre Geschichte
ist eng mit jamaikanischer Musik und multikulturellen Einflüssen
verbunden, während sie im Film zunehmend von weißem Nationalismus
vereinnahmt wird. Meadows macht daraus kein didaktisches Lehrstück,
sondern einen Konflikt zwischen unterschiedlichen Vorstellungen von
Zugehörigkeit. Ein Symbol kann Stolz ausdrücken, Gemeinschaft
stiften oder Ausschluss legitimieren. Genau diese Mehrdeutigkeit macht
die nationale Ikonografie des Films so wirkungsvoll. Die Frage nach
England wird damit zur Frage nach der Konstruktion von Identität:
Nation erscheint nicht als natürliche Gegebenheit, sondern als
kultureller Raum, dessen Bedeutung ständig neu ausgehandelt wird.
Der Film gewinnt daraus eine Wirkung, die über seine historische
Situation hinausweist.
Gewalt, Männlichkeit und der Verlust der Gemeinschaft
Mit der zunehmenden Radikalisierung verschiebt
sich auch das Verhältnis der Figuren zu Gewalt und Männlichkeit.
Die Gruppe, die Shaun zunächst Halt gibt, wird zum Ort von Konformitätsdruck
und ideologischer Disziplin. Loyalität verlangt zunehmend Unterordnung,
und Zugehörigkeit wird über die Abwertung anderer definiert.
Meadows interessiert sich dabei nicht für eine abstrakte politische
Theorie, sondern für die konkrete soziale Dynamik, durch die
ein Kind in ein geschlossenes Weltbild hineinwächst. Die politische
Entwicklung wird deshalb zugleich als Krise männlicher Identität
erzählt. Gewalt fungiert als Beweis von Stärke, Härte
als soziale Währung, und der Körper wird zum Träger
politischer Zugehörigkeit. Gerade dadurch gewinnt der Film seine
emotionale Wucht: Der politische Konflikt zerstört nicht nur
moralische Grenzen, sondern auch Freundschaften und die ursprüngliche
Gemeinschaft. Die Radikalisierung ist somit immer auch ein Prozess
der sozialen Desintegration. Shaun muss erkennen, dass die Gruppe,
die ihm erstmals Anerkennung verschaffte, ihre eigene Grundlage zerstört,
sobald sie Zugehörigkeit nur noch durch Ausschluss herstellen
kann.
Filmhistorische Bedeutung
und nachhaltige Wirkung
Die Bedeutung von „This is England“
für die Filmgeschichte liegt in der Verbindung von Working-Class-Cinema,
Coming-of-Age, Erinnerungsfilm und nationaler Selbstbefragung. Der
Film erzählt die Geschichte der Midlands von 1983 mit einer regionalen
Genauigkeit, die gerade durch ihre Konkretheit eine größere
gesellschaftliche Perspektive eröffnet. Seine Auszeichnung als
bester britischer Film bei den BAFTAs 2008 markierte einen wichtigen
Schritt in Meadows’ Kanonisierung. Zugleich wurde „This
is England“ selbst zum Ausgangspunkt einer weiteren kulturellen
Entwicklung, die den Stoff über spätere Serien-fortsetzungen
in andere historische Konstellationen überführte. Entscheidend
bleibt jedoch der Spielfilm: Er zeigt, wie nationale Identität,
soziale Klasse und Jugendkultur ineinandergreifen und wie leicht ein
Bedürfnis nach Gemeinschaft politisch vereinnahmt werden kann.
Seine filmhistorische Stärke besteht dabei gerade in der Verbindung
von Mikro- und Makroperspektive. Ein zwölfjähriger Junge
erlebt eine persönliche Krise, während sich im Hintergrund
ein Land politisch und sozial verändert. Meadows macht aus dieser
Parallelbewegung kein Thesenstück, sondern ein präzises,
emotional zugängliches Gesellschaftsbild. „This Is England“
ist deshalb mehr als eine gelungene Rekonstruktion der frühen
1980er-Jahre: Der Film gehört zu jener britischen Kinotradition,
die nationale Geschichte über konkrete Lebenswelten erzählt
und gerade dadurch ihre politischen Widersprüche sichtbar macht.
Die Veröffentlichung auf Blu-ray und digital seit dem 24. September
bietet folglich nicht lediglich Anlass zur Wiederentdeckung eines
inzwischen kanonisierten Films, sondern zur erneuten Auseinandersetzung
mit einem Werk, dessen Fragen nach Zugehörigkeit, Identität
und politischer Vereinnahmung weit über seine historische Epoche
hinausreichen.
THIS IS ENGLAND
Start:
24.09.26: Blu-ray & Digital | FSK 12
R: Shane Meadows | D: Thomas Turgoose, Stephen Graham, Jo Hartley
Großbritannien 2006 | Studiocanal