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DVD & BLU-RAY | 28.08.2025

Oslo-Stories: SEHNSUCHT

Zwei befreundete Schornsteinfeger, die in monogamen, heterosexuellen Ehen leben, geraten in Situationen, die ihre Ansichten über Sexualität und Geschlechterrollen in Frage stellen. Der eine hat eine sexuelle Begegnung mit einem anderen Mann, ohne dies als Ausdruck von Homosexualität oder Untreue zu betrachten, und bespricht dies anschließend mit seiner Frau. Der andere wird von einem sinnlichen Traum über David Bowie aus der Bahn geworfen.

von Franziska Keil


© Alamode Film

Mit „Oslo-Stories: SEHNSUCHT“ liegt seit dem 21. August auch im Heimkino das dritte Kapitel von Dag Johan Haugeruds Trilogie vor, das sich nahtlos in die leise radikale Poetik des norwegischen Regisseurs einfügt. Der Film – im Original schlicht „Sex“ betitelt – eröffnet ein intimes Panorama menschlicher Selbstsuche, das weniger von spektakulären Wendungen lebt als von der stillen Wucht des Gesprächs. Haugerud inszeniert seine Figuren nicht als narrative Konstrukte, sondern als Suchende, deren Dialoge zu Kartographien innerer Verwerfungen werden. Zwei befreundete Schornsteinfeger bilden das Zentrum: Der eine wird von einem wiederkehrenden Traum heimgesucht, in dem er als Frau erkannt wird – eine Irritation, die seine Männlichkeit und sein Selbstverständnis erschüttert. Der andere berichtet von einer unerwarteten sexuellen Begegnung, die er weder als Betrug noch als Ausdruck einer neuen Identität empfindet. Beide Episoden loten Grenzbereiche zwischen Gewissheit und Ambivalenz aus. Nicht die endgültige Antwort ist das Ziel, sondern das Anerkennen von Unschärfen, Brüchen und Widersprüchen, die das menschliche Begehren durchziehen. Die Kameraarbeit bleibt zurückhaltend, fast unscheinbar – und doch formt sie Oslo zu einem vibrierenden Resonanzraum. Lange, beinahe kontemplative Einstellungen verweilen auf urbanen Räumen, in denen die Figuren gleichsam zu sich selbst und zueinander in Beziehung treten. Stadtarchitektur und Seelenarchitektur überblenden sich: Plätze, Straßen und Innenräume werden zu Bühnen für die stillen Dramen des Alltags. Dieses visuelle Understatement verleiht dem Film eine poetische Klarheit.


© Alamode Film

Er vertraut auf die Kraft der Worte und die Präsenz der Schauspielenden, ohne sich in ästhetischer Selbstgefälligkeit zu verlieren. Der Untertitel „Sehnsucht“ ist mehr als ein programmatischer Hinweis. Er fungiert als Leitmotiv, das sich durch alle Episoden zieht: die Sehnsucht nach Anerkennung, nach Freiheit von normativen Zuschreibungen, nach einer Sprache für das Unaussprechliche. In diesem Sinne verhandelt Haugerud zentrale Fragen unserer Zeit: Wie stabil sind Kategorien von Geschlecht und Sexualität, wenn sie von innerer Erfahrung und äußerem Blick gleichermaßen geprägt werden? Wie viel Freiheit gewährt eine Gesellschaft, die an traditionellen Bildern von Partnerschaft und Identität festhält? Und wie können Dialoge Räume eröffnen, in denen diese Fragen ohne moralische Vereinnahmung gestellt werden? Die große Stärke des Films liegt in seiner behutsamen Radikalität: Er leistet Widerstand gegen die schnelle Pointe, gegen die Versuchung, Komplexität in Eindeutigkeit zu übersetzen. Schauspiel und Regie entwickeln eine atmosphärische Dichte, die ohne große Gesten auskommt. Gleichwohl verlangt diese Form von Kino Geduld. Wer dramaturgische Zuspitzung oder klare narrative Bögen sucht, wird bisweilen enttäuscht. Haugeruds Werk fordert Aufmerksamkeit und Hingabe – Qualitäten, die im hektischen Rhythmus des gegenwärtigen Medienkonsums nicht selbstverständlich sind. Doch gerade darin liegt seine Qualität: Es ist ein Kino der Langsamkeit, das sich Zeit nimmt für Zwischentöne und Nuancen.


OSLO-STORIES: SEHNSUCHT

ET: 21.08.25: DVD & digital | FSK 12
R: Dag Johan Haugerud | D: Jan Gunnar Røise, Thorbjørn Harr, Siri Forberg
Norwegen 2024 | Alamode Filmdistribution


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