Zwei
befreundete Schornsteinfeger, die in monogamen, heterosexuellen Ehen
leben, geraten in Situationen, die ihre Ansichten über Sexualität
und Geschlechterrollen in Frage stellen. Der eine hat eine sexuelle
Begegnung mit einem anderen Mann, ohne dies als Ausdruck von Homosexualität
oder Untreue zu betrachten, und bespricht dies anschließend
mit seiner Frau. Der andere wird von einem sinnlichen Traum über
David Bowie aus der Bahn geworfen.
Mit
„Oslo-Stories: SEHNSUCHT“ liegt seit dem 21. August auch
im Heimkino das dritte Kapitel von Dag Johan Haugeruds Trilogie vor,
das sich nahtlos in die leise radikale Poetik des norwegischen Regisseurs
einfügt. Der Film – im Original schlicht „Sex“
betitelt – eröffnet ein intimes Panorama menschlicher Selbstsuche,
das weniger von spektakulären Wendungen lebt als von der stillen
Wucht des Gesprächs. Haugerud inszeniert seine Figuren nicht
als narrative Konstrukte, sondern als Suchende, deren Dialoge zu Kartographien
innerer Verwerfungen werden. Zwei befreundete Schornsteinfeger bilden
das Zentrum: Der eine wird von einem wiederkehrenden Traum heimgesucht,
in dem er als Frau erkannt wird – eine Irritation, die seine
Männlichkeit und sein Selbstverständnis erschüttert.
Der andere berichtet von einer unerwarteten sexuellen Begegnung, die
er weder als Betrug noch als Ausdruck einer neuen Identität empfindet.
Beide Episoden loten Grenzbereiche zwischen Gewissheit und Ambivalenz
aus. Nicht die endgültige Antwort ist das Ziel, sondern das Anerkennen
von Unschärfen, Brüchen und Widersprüchen, die das
menschliche Begehren durchziehen. Die Kameraarbeit bleibt zurückhaltend,
fast unscheinbar – und doch formt sie Oslo zu einem vibrierenden
Resonanzraum. Lange, beinahe kontemplative Einstellungen verweilen
auf urbanen Räumen, in denen die Figuren gleichsam zu sich selbst
und zueinander in Beziehung treten. Stadtarchitektur und Seelenarchitektur
überblenden sich: Plätze, Straßen und Innenräume
werden zu Bühnen für die stillen Dramen des Alltags. Dieses
visuelle Understatement verleiht dem Film eine poetische Klarheit.
Er
vertraut auf die Kraft der Worte und die Präsenz der Schauspielenden,
ohne sich in ästhetischer Selbstgefälligkeit zu verlieren.
Der Untertitel „Sehnsucht“ ist mehr als ein programmatischer
Hinweis. Er fungiert als Leitmotiv, das sich durch alle Episoden zieht:
die Sehnsucht nach Anerkennung, nach Freiheit von normativen Zuschreibungen,
nach einer Sprache für das Unaussprechliche. In diesem Sinne
verhandelt Haugerud zentrale Fragen unserer Zeit: Wie stabil sind
Kategorien von Geschlecht und Sexualität, wenn sie von innerer
Erfahrung und äußerem Blick gleichermaßen geprägt
werden? Wie viel Freiheit gewährt eine Gesellschaft, die an traditionellen
Bildern von Partnerschaft und Identität festhält? Und wie
können Dialoge Räume eröffnen, in denen diese Fragen
ohne moralische Vereinnahmung gestellt werden? Die große Stärke
des Films liegt in seiner behutsamen Radikalität: Er leistet
Widerstand gegen die schnelle Pointe, gegen die Versuchung, Komplexität
in Eindeutigkeit zu übersetzen. Schauspiel und Regie entwickeln
eine atmosphärische Dichte, die ohne große Gesten auskommt.
Gleichwohl verlangt diese Form von Kino Geduld. Wer dramaturgische
Zuspitzung oder klare narrative Bögen sucht, wird bisweilen enttäuscht.
Haugeruds Werk fordert Aufmerksamkeit und Hingabe – Qualitäten,
die im hektischen Rhythmus des gegenwärtigen Medienkonsums nicht
selbstverständlich sind. Doch gerade darin liegt seine Qualität:
Es ist ein Kino der Langsamkeit, das sich Zeit nimmt für Zwischentöne
und Nuancen.
OSLO-STORIES: SEHNSUCHT
ET:
21.08.25: DVD & digital | FSK 12
R: Dag Johan Haugerud | D: Jan Gunnar Røise, Thorbjørn
Harr, Siri Forberg
Norwegen 2024 | Alamode Filmdistribution