Mit GREENLAND
2 findet das zeitgenössische Katastrophenkino zu einer selten
gewordenen Erdung zurück. Ric Roman Waugh verbindet apokalyptisches
Spektakel mit humanistischer Ernsthaftigkeit und narrativer Disziplin.
Ein Film über das Weiterleben nach dem Untergang und über
die fragile Hoffnung auf einen Neuanfang.
Wenn
GREENLAND 2 am 08. Januar in den Kinos startet, setzt Ric Roman Waugh
seine leise bemerkenswerte Karriere als Chronist eines bodenständigen
Genrekinos fort, das sich dem Spektakel nicht verweigert, es jedoch
konsequent in den Dienst seiner Figuren stellt. In einer Zeit, in
der das Katastrophengenre häufig zur bloßen Reizüberflutung
verkommt, behauptet dieser Film eine andere Haltung: eine des handwerklich
präzisen Erzählens, der emotionalen Verankerung und eines
fast altmodischen Glaubens an moralische Integrität. Waughs filmische
Handschrift ist geprägt von einer Biografie, die das Kino nicht
als intellektuelles Distinktionsobjekt, sondern als physische Arbeit
und kollektive Erfahrung begreift. Seine Herkunft aus der Welt der
Stuntarbeit und des zweiten Drehteams ist GREENLAND 2 in jeder Einstellung
anzumerken: Die Action ist funktional, klar lesbar und stets aus der
Perspektive der Beteiligten gedacht. Zerstörung wird nicht ausgestellt,
sondern erlebt. Damit reiht sich der Film in eine Tradition des amerikanischen
Genrekino-Handwerks ein, das weniger an auteuristische Selbstvergewisserung
als an erzählerische Verlässlichkeit glaubt. Im Zentrum
steht erneut John Garrity, verkörpert von Gerard Butler mit jener
Mischung aus stoischer Erdung und verletzlicher Entschlossenheit,
die den Schauspieler seit Jahren zum idealen Protagonisten dieses
Kinos macht. Fünf Jahre nach dem kosmischen Einschlag lebt Garrity
mit seiner Familie in einem unterirdischen Bunker in Grönland
– ein Ort, der gleichermaßen Schutzraum und Gefängnis
ist. Bereits in den ersten Minuten etabliert der Film, dass Überleben
allein kein Ziel sein kann. Der Alltag im Bunker, das provisorische
Reparieren, das beiläufige Gespräch über Musikgeschmack,
markieren den menschlichen Rest, der selbst unter extremen Bedingungen
Bestand hat. Diese beiläufige Menschlichkeit ist programmatisch.
Das Drehbuch entscheidet sich bewusst gegen die Eskalation um ihrer
selbst willen und setzt stattdessen auf eine narrative Bewegung, die
man fast als existentielle Heldenreise bezeichnen könnte. Der
Aufbruch Richtung Europa – hin zu einem vage mythisierten Ort
des Neubeginns – verleiht dem Film eine klare teleologische
Struktur. GREENLAND 2 erzählt nicht vom Ende der Welt, sondern
von der Frage, was danach kommen könnte.
Damit
verschiebt sich der Fokus des Katastrophengenres: Weg vom apokalyptischen
Ereignis, hin zur moralischen Bewährungsprobe. Formal beeindruckt
der Film durch seine Ökonomie. In einer Laufzeit von unter hundert
Minuten entfaltet sich eine globale Odyssee, die verschiedene Landschaften,
Gefahrenzonen und Überlebensszenarien durchquert, ohne jemals
den Kontakt zu ihren Figuren zu verlieren. Die Kamera bleibt auf Augenhöhe,
selbst wenn die Bedrohung kosmische Dimensionen annimmt. Diese bewusste
Verweigerung des „bigger than life“ unterscheidet Greenland
2 von vielen genreverwandten Produktionen und verleiht ihm eine eigentümliche
Intimität. Besonders bemerkenswert ist dabei die unterschwellige
politische Lesbarkeit des Films. Die Reise der Garritys durch eine
fragmentierte Welt lässt sich als Allegorie auf Flucht, Migration
und die Suche nach Schutz lesen, ohne je ins Parabolische abzurutschen.
Der Film vertraut darauf, dass seine Bilder sprechen: improvisierte
Gemeinschaften, fragile Allianzen, das Nebeneinander unterschiedlicher
Weltanschauungen als Überlebensnotwendigkeit. Europa erscheint
weniger als geografischer Raum denn als kulturelle Idee – als
Hoffnung auf Ordnung, Solidarität und Wiederaufbau. Dass GREENLAND
2 dabei niemals belehrend wirkt, ist eine seiner größten
Stärken. Der Film ist zutiefst unprätentiös und gerade
darin subversiv. Er glaubt an das Gute im Menschen, ohne dessen Zerbrechlichkeit
zu leugnen. Ric Roman Waugh inszeniert keinen zynischen Abgesang auf
die Zivilisation, sondern ein aufrichtiges Plädoyer für
Zusammenhalt, Verantwortung und die Möglichkeit moralischer Entscheidungen
selbst im Angesicht totaler Zerstörung. So erweist sich GREENLAND
2 als ein Werk, das das Katastrophenkino nicht neu erfindet, es aber
auf bemerkenswerte Weise verfeinert. Es ist ein Film, der sein Publikum
ernst nimmt, der Spannung aus Charakteren gewinnt und Spektakel als
erzählerisches Werkzeug begreift. Ein kleiner, konzentrierter
Schritt für das Genre – und ein großer für einen
Regisseur, der still und beharrlich daran arbeitet, das populäre
Kino wieder mit Haltung und Herz zu versehen.
GREENLAND 2
Start:
08.01.26 | FSK 12
R: Ric Roman Waugh | D: Gerard Butler, Morena Baccarin, William
Abadie
USA 2025 | Tobis Film