Ein Monster
unter dem Bett, ein namenloser Krieger im Flur, ein New York zwischen
Märchenbuch und Alptraum. Bryan Fuller verdichtet seine barocke
Fernsehästhetik erstmals zum Kinofilm – und findet darin
eine neue Präzision. Dust Bunny“ ist Genrekino als Allegorie
auf Angst, Gewalt und kindliche Imagination.
Mit
„Dust Bunny“, der am 19. Februar in den Kinos startet,
betritt Bryan Fuller erstmals das Terrain des abendfüllenden
Spielfilms. Wer sein Werk bislang vor allem über Serien wie „Pushing
Daisies“, „Hannibal“ oder „American Gods“
rezipiert hat, erkennt sofort die Handschrift: eine barocke Bildgestaltung,
eine Lust an Symbolismus und eine narrative Struktur, die weniger
psychologischer Kausalität als traumlogischer Verschiebung verpflichtet
ist. Und doch offenbart gerade das begrenzte Format des Kinos hier
eine unerwartete Stärke: Konzentration. Fuller, dessen Serien
wiederholt an ökonomischen und strukturellen Zwängen des
Fernsehens zerschellten, findet im Spielfilm eine Form, die seine
Exzentrik nicht einhegt, sondern schärft. Die begrenzte Laufzeit
zwingt zur Verdichtung; Motive müssen nicht über Staffeln
hinweg zirkulieren, sondern können sich in klar komponierten
Tableaus und rhythmisch präzisen Sequenzen entfalten. „Dust
Bunny“ profitiert von dieser strukturellen Kompression –
und wird gerade dadurch zu einem Werk, das metaphorische Überformung
und Genre-Vergnügen produktiv verschränkt. Die Handlung
siedelt Fuller in einem New York an, das gleichermaßen Fabelraum
wie urbaner Albtraum ist. Die Stadt erscheint nicht als realistischer
Schauplatz, sondern als stilisierte Projektionsfläche: pastellfarbene
Dekadenz, symmetrische Kadrierungen, extreme Weitwinkeloptiken und
eine Kamera, die kippt und stürzt. Die visuelle Grammatik erinnert
an die artifizielle Märchenhaftigkeit von „The Royal Tenenbaums“,
die morbide Groteske von „Delicatessen“ oder die Puppenhaus-Ästhetik
von „The Addams Family“, ohne je in bloße Imitation
zu verfallen. Im Zentrum steht Aurora, ein Mädchen, das überzeugt
ist, unter ihrem Bett lauere ein Monster. Ihre Eltern nehmen sie nicht
ernst – eine klassische Ausgangssituation des fantastischen
Kinos. Doch Fuller unterläuft das Motiv sofort doppelt: Zum einen
zeigt er dem Publikum früh die Geburt der Kreatur. Zum anderen
führt er mit dem namenlosen Nachbarn – gespielt von Mads
Mikkelsen – eine Figur ein, deren moralischer Status permanent
oszilliert. Er nennt sich „5B“, nach seiner Wohnung, während
der Abspann ihn als „Intriguing Neighbor“ führt –
ein semantischer Schwebezustand zwischen Anonymität und Mythos.
Das Monster ist real, aber zugleich Allegorie. Der Titel verweist
auf Staubflusen – banale Haushaltsreste –, die hier zur
dämonischen Manifestation anwachsen. Fuller interessiert weniger
die ontologische Frage nach dem „Gibt es das?“ als die
diskursive Verschiebung von kindlicher Angst in konkrete Bedrohung.
Die Kreatur ist visuell grotesk – eine Art höllischer Muppet
–, zugleich komisch und verstörend. In dieser Ambivalenz
liegt ihre Stärke: Sie materialisiert das Unsichtbare, ohne es
vollständig zu erklären.
Der
Film speist sich aus dem Genrekino der 1980er- und frühen 1990er-Jahre
– jenen Produktionen, die mit begrenzten Budgets, aber enormer
Fantasie arbeiteten. Man spürt die Energie von „Gremlins“,
die ironische Selbstreflexivität von „Fright Night“
und die spielerische Kreaturenlust von „Tremors“. Fuller
greift diese Tradition nicht nostalgisch auf, sondern transformiert
sie. Gewalt und Komik stehen nicht im Widerspruch, sondern bilden
ein dialektisches Paar: Das Lachen entsteht im Moment der Bedrohung.
In der ersten Filmhälfte oszilliert der Ton noch zwischen übersteigerter
Verspieltheit und grotesker Überzeichnung. Einzelne digitale
Effekte wirken bewusst oder unbewusst artifiziell, die nächtliche
Stadtkulisse trägt Züge des überproduzierten Blockbuster-Kinos.
Doch sobald sich die Handlung räumlich im Apartmenthaus verdichtet,
gewinnt der Film an struktureller Kohärenz. Das Gebäude
wird zur Bühne, zum Kammerspielraum, zur moralischen Arena. Neben
Mikkelsen agieren Sigourney Weaver, David Dastmalchian und Sheila
Atim in Rollen, deren institutionelle Zugehörigkeit stets in
Frage steht. Ist Weaver eine ehemalige Auftraggeberin? Dastmalchian
ein selbstüberschätzter Killer? Atim tatsächlich vom
Jugendamt – oder Teil eines verdeckten Apparats? Fuller verweigert
eindeutige Zuschreibungen. Institutionen erscheinen hier als Masken,
Identitäten als funktionale Konstruktionen. Gerade in dieser
Unbestimmtheit artikuliert sich eine politische Substruktur. Das Monster
ist nicht nur Kreatur, sondern Symptom – eines Systems, das
Gewalt externalisiert und zugleich produziert. Wenn 5B behauptet,
es gebe keine Monster, nur monströse Menschen, formuliert der
Film seine zentrale These: Das Dämonische ist gesellschaftlich
generiert. Der finale Kampf ist choreographisch und montagetechnisch
virtuos gestaltet. Schnitt und Raumdramaturgie erzeugen eine Dynamik,
die klassische „Man-versus-Beast“-Konstellationen zitiert
und zugleich ironisch bricht. Die Kreatur wird zunächst fragmentiert
gezeigt – als Andeutung, Schatten, Bewegung –, bevor sie
sich vollständig offenbart. Dieses Prinzip der Verzögerung
steigert nicht nur die Spannung, sondern reflektiert das epistemologische
Moment des Films: Erkenntnis ist immer zeitlich versetzt. Und dann
das Schlussbild: eine Einstellung, die sich nicht als Pointe, sondern
als Nachhall versteht. Fuller entscheidet sich gegen eine definitive
Auflösung und für eine visuelle Geste, die das Märchenhafte
ins Offene verlängert. Es ist ein Ende, das den Film nicht schließt,
sondern nach innen verlängert.
Fazit
„Dust
Bunny“ ist kein Film der großen Thesen, sondern der großen
Imagination. Bryan Fuller gelingt mit seinem Kinodebüt eine bemerkenswerte
Transformation seiner seriellen Exzentrik in eine konzentrierte, formal
durchkomponierte Erzählung. Am 19. Februar startet dieser Film
in den deutschen Kinos – und er markiert nicht weniger als die
Selbstvergewisserung eines Autors, der im Kino jene Präzision
findet, die ihm das Fernsehen oft verwehrte. Ein Werk, das Monster
nicht bekämpft, sondern dechiffriert – und uns daran erinnert,
dass jedes Bett, jede Wohnung, jede Stadt ihre eigenen Schatten wirft.
DUST BUNNY
Start:
19.02.26 | FSK 16
R: Bryan Fuller | D: Mads Mikkelsen, Sophie Sloan, Sigourney Weaver
USA 2025| DCM Filmdistribution