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KINO | 22.05.2026

Bewegung als kultureller Widerstand
Die Premieren- und Kinotour von „Germaine Acogny – Die Essenz des Tanzes“ bringt
eine der bedeutendsten Stimmen des zeitgenössischen Tanzes auf deutsche Leinwände

Zwischen filmischer Reflexion, kultureller Erinnerung und politischer Körperpraxis entfaltet sich eine außergewöhnliche Kinotour. „Germaine Acogny – Die Essenz des Tanzes“ würdigt nicht nur eine Ikone des afrikanischen Contemporary Dance, sondern eröffnet neue Perspektiven auf die Geschichte des Tanzfilms. Regisseurin Greta-Marie Becker begleitet die Deutschlandpremieren persönlich und macht jede Vorführung zu einem Raum kulturellen Austauschs. So wird Kino selbst zur Bühne einer transnationalen Diskussion über Kunst, Identität und Dekolonisierung.

von Richard-Heinrich Tarenz


© CALA FILM

Mit Germaine Acogny – Die Essenz des Tanzes startet am 28. Mai ein Dokumentarfilm in den deutschen Kinos, der weit über das klassische Format einer Künstlerinnenbiografie hinausweist. Regisseurin Greta-Marie Becker widmet sich darin einer der prägendsten Figuren des zeitgenössischen afrikanischen Tanzes: Germaine Acogny, deren Werk seit Jahrzehnten maßgeblich dazu beiträgt, afrikanische Bewegungstraditionen innerhalb des internationalen Tanzdiskurses sichtbar zu machen. Die begleitende Premieren- und Kinotour entwickelt sich dabei selbst zu einem kulturellen Ereignis von bemerkenswerter Tragweite. In einer Zeit, in der Tanzfilm und Dokumentarkino zunehmend als Räume gesellschaftlicher Selbstverständigung fungieren, eröffnet „Germaine Acogny – Die Essenz des Tanzes“ eine Diskussion über Körper, Erinnerung und kulturelle Identität, die weit über cineastische Fragestellungen hinausreicht.

Tanz als gelebtes kulturelles Gedächtnis

Der Film nähert sich Acogny nicht im Modus musealer Verehrung, sondern als lebendiger künstlerischer Kraft. Geboren in Benin, aufgewachsen im Senegal und ausgebildet in Paris, entwickelte Acogny über Jahrzehnte hinweg eine eigene Bewegungssprache, die westafrikanische Tanztraditionen mit europäischen Formen des Contemporary Dance verbindet. Ihre sogenannte Acogny-Technik gilt bis heute als die erste und einzige afrikanische Tanztechnik, die Eingang in den internationalen Kanon moderner Tanzformen gefunden hat. Gerade darin liegt die kulturhistorische Bedeutung des Films. Die Dokumentation zeigt Tanz nicht als dekoratives Spektakel, sondern als Form verkörperten Wissens. Bewegung erscheint als Archiv historischer Erfahrung, als Medium spiritueller Kontinuität und als Ausdruck kultureller Selbstbehauptung. Besonders eindrucksvoll gelingt Becker die filmische Übersetzung jener choreografischen Prinzipien, die Acognys Werk prägen: Erdung, rhythmische Präzision und die starke Zentrierung des Körpers werden nicht abstrahiert, sondern stets im Zusammenhang ihrer kulturellen Herkunft gezeigt. So entsteht eine Dokumentation, die sich bewusst gegen exotisierende Perspektiven westlicher Tanzgeschichte positioniert. Der Film macht deutlich, dass zeitgenössischer afrikanischer Tanz keine Randerscheinung globaler Moderne darstellt, sondern eine eigenständige ästhetische und theoretische Position innerhalb internationaler Tanzkulturen einnimmt.

Die Kinotour als kulturelle Intervention

Dass Regisseurin Greta-Marie Becker die Deutschlandtour persönlich begleitet, verleiht den Vorführungen eine zusätzliche Bedeutungsebene. Die Veranstaltungen fungieren nicht bloß als klassische Filmpräsentationen, sondern als öffentliche Räume kultureller Auseinandersetzung. Die Tour beginnt am 25. Mai im Radialsystem in Berlin, wo neben Becker auch Germaine Acogny selbst anwesend sein wird. Weitere Stationen führen unter anderem in die Filmpalette in Köln, das Kino am Raschplatz sowie in die Hamburger Programmkinos Alabama Kino und Abaton Kino. Gerade diese bewusste Verankerung in Programm- und Kulturkinos verweist auf die inhaltliche Ausrichtung des Films. „Germaine Acogny – Die Essenz des Tanzes“ versteht sich nicht als massenkompatibles Unterhaltungskino, sondern als kulturelle Intervention innerhalb eines zunehmend globalisierten Diskurses über Kunst, Repräsentation und Identität. Die Anwesenheit der Regisseurin eröffnet dabei die Möglichkeit, Fragen nach Dekolonisierung, kultureller Aneignung und der politischen Dimension von Körperlichkeit unmittelbar zu diskutieren. In einer Zeit, in der westliche Kulturinstitutionen verstärkt über Diversität und Repräsentation verhandeln, gewinnt ein Film wie dieser besondere Aktualität.


© CALA FILM

Die politische Dimension des Körpers

Bemerkenswert ist vor allem die politische Kraft, die der Film aus der Darstellung des Körpers entwickelt. Acognys choreografische Arbeit erscheint nicht als abstrakte Ästhetik, sondern als Ausdruck historischer Erfahrung und kultureller Widerständigkeit. Tanz wird zum Medium einer Dekolonisierung des Blicks. Während große Teile der westlichen Tanzgeschichte lange von europäischen Normen geprägt waren, eröffnet die Dokumentation eine alternative Perspektive auf Körper und Bewegung. Die Kamera betrachtet Acognys Tanz nicht ethnografisch distanziert, sondern mit einer spürbaren Sensibilität für kulturelle Kontexte und historische Kontinuitäten. Gerade hierin liegt die gesellschaftliche Relevanz des Films. „Germaine Acogny – Die Essenz des Tanzes“ macht sichtbar, dass kulturelles Erbe kein statisches Archiv darstellt, sondern ein lebendiger Prozess permanenter Transformation. Tradition und Moderne erscheinen nicht als Gegensätze, sondern als miteinander verflochtene Bewegungen kultureller Entwicklung.

Kino als Raum transnationaler Erinnerung

Letztlich gelingt Greta-Marie Becker mit ihrer Dokumentation weit mehr als das Porträt einer außergewöhnlichen Tänzerin. Der Film entwickelt sich zu einer Reflexion über die Rolle von Kunst innerhalb globaler Erinnerungskulturen. Tanz erscheint hier als universelle Sprache menschlicher Erfahrung – als Verbindung von Körper, Geschichte und gesellschaftlicher Selbstverortung. Gerade deshalb besitzt die Kinotour eine Bedeutung, die über den einzelnen Film hinausweist. Sie macht sichtbar, wie Kino heute wieder verstärkt zu einem Ort kultureller Begegnung werden kann: als Raum des Austauschs, der politischen Reflexion und der ästhetischen Erfahrung. So erweist sich „Germaine Acogny – Die Essenz des Tanzes“ nicht nur als herausragender Beitrag zum zeitgenössischen Tanzfilm, sondern auch als seltene kulturpolitische Intervention, die den Horizont filmischer Dokumentation erweitert und den Körper selbst zum Träger historischer Wahrheit erklärt.


PREMIEREN UND KINOTOURTERMINE

BERLIN

In Anwesenheit von Germaine Acogny
und Regisseurin Greta-Marie Becker
Montag, 25. Mai um 20:30 Uhr
Radialsystem, Berlin

KÖLN

In Anwesenheit von Regisseurin Greta-Marie Becker
Donnerstag, 28. Mai um 18:30 Uhr
Filmpalette, Köln

HANNOVER

In Anwesenheit von Regisseurin Greta-Marie Becker
Sonntag, 31. Mai um 11:00 Uhr
Kino am Raschplatz, Hannover

HAMBURG

In Anwesenheit von Regisseurin Greta-Marie Becker
Donnerstag, 4. Juni um 20:00 Uhr
Alabama, Hamburg

HAMBURG

In Anwesenheit von Regisseurin Greta-Marie Becker
Freitag, 5. Juni um 18:00 Uhr
Abaton, Hamburg


GERMAINE ACOGNY - DIE ESSENZ DES TANZES

Start: 28.05.26 | FSK 0
R: Greta-Marie Becker | Dokumentation
Deutschland, Frankreich, Senegal 2025 | Farbfilm


 


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