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KINO | 11.06.2026

DOLLY
Die Last der Vorbilder

Ein Film wie aus einer vergessenen Videothekenhölle der siebziger Jahre – roh, schmutzig und kompromisslos inszeniert. Doch hinter der sorgfältig rekonstruierten Grindhouse-Ästhetik offenbaren sich überraschende Brüche und Widersprüche. „Dolly“ beschwört die Geister des amerikanischen Horrorkinos herauf, ohne deren subversive Kraft wirklich zu erreichen.

von Richard-Heinrich Tarenz


© Dolly in the Woods LLC 2025

Mit dem am 11. Juni in die Kinos kommenden Horrorfilm „Dolly“ unternimmt Regisseur Rod Blackhurst den Versuch, an eine Tradition anzuschließen, die seit Jahrzehnten zu den mythisch aufgeladenen Ursprüngen des amerikanischen Horrorkinos gehört. Sein Film versteht sich unverkennbar als Rückgriff auf jene Periode des Genres, in der Werke wie „The Texas Chain Saw Massacre“ das Publikum weniger durch explizite Gewalt als durch atmosphärische Verwahrlosung, existenzielle Bedrohung und soziale Abgründe erschütterten. „Dolly“ präsentiert sich dabei zunächst als bewusste Gegenbewegung zu jenen zeitgenössischen Horrorproduktionen, die ihre Wirkung vor allem aus Meta-Kommentaren, narrativen Spielereien oder intellektuellen Konzepten beziehen. Blackhurst sucht stattdessen die unmittelbare physische Erfahrung des Horrors. Sein Film möchte schmutzig wirken, unangenehm, aggressiv und archaisch. Doch gerade in diesem Anspruch offenbart sich die zentrale Schwäche des Films: Er reproduziert die Oberflächen seiner Vorbilder mit großer Hingabe, ohne deren ästhetische oder gesellschaftliche Radikalität wirklich zu verstehen.

Die Ästhetik des Verfalls

Formal betrachtet ist „Dolly“ zunächst beeindruckend konsequent. Die Entscheidung, auf 16-Millimeter-Material zu drehen, verleiht dem Film eine körnige Materialität, die sofort Assoziationen an das amerikanische Exploitation-Kino der siebziger Jahre hervorruft. Das Bild besitzt jene raue Textur, die modernen digitalen Produktionen häufig fehlt. Schmutz, Kratzer, Unschärfen und die sichtbare Körnung erzeugen den Eindruck eines physischen Objekts. Die Welt von „Dolly“ wirkt nicht konstruiert, sondern verfallen. Der Wald, die verrottende viktorianische Behausung der Titelfigur und die von Puppen dominierte Innenarchitektur erscheinen wie Überreste einer längst kollabierten Zivilisation. Gerade hierin liegt zunächst eine beträchtliche Stärke des Films. Blackhurst versteht die Bedeutung filmischer Oberflächen. Er weiß, dass Horror oft weniger aus dem Gezeigten entsteht als aus der Art und Weise, wie Bilder beschaffen sind. Allerdings sabotiert der Film seine eigene ästhetische Strategie wiederholt. Moderne Luftaufnahmen und andere visuelle Mittel durchbrechen die historische Illusion. Dadurch entsteht ein merkwürdiger Schwebezustand zwischen authentischer Rekonstruktion und zeitgenössischer Stilübung. Die sorgfältig erzeugte Grindhouse-Atmosphäre wird immer wieder daran erinnert, dass sie letztlich nur ein nachträglich erzeugtes Konstrukt bleibt.

Gewalt als Spektakel und Problem

Besonders deutlich wird diese Ambivalenz in der Inszenierung der Gewalt. Die Eröffnungsphase des Films besitzt eine bemerkenswerte Wucht. Bereits früh setzt Blackhurst einen Schockmoment, der den Zuschauer in eine Welt körperlicher Zerstörung stößt. Die Effekte sind handwerklich überzeugend umgesetzt und erinnern an die Hochphase praktischer Make-up-Effekte im amerikanischen Horrorfilm. Vor allem die groteske Verletzung der von Seann William Scott gespielten Figur entwickelt eine verstörende Körperlichkeit. Das Gesicht wird zum deformierten Schauplatz des Überlebenskampfes. Hier gelingt dem Film für kurze Zeit jene Form des Body Horrors, die den Körper nicht lediglich verletzt, sondern seine Integrität grundsätzlich infrage stellt. Doch nach diesem starken Auftakt verliert „Dolly“ zunehmend an Intensität. Die Gewaltspirale steigert sich nicht, sondern erschöpft sich. Was zunächst schockiert, beginnt sich zu wiederholen. Die Inszenierung produziert keine neuen Variationen des Schreckens, sondern verwaltet lediglich den einmal etablierten Effekt. Hier zeigt sich ein grundlegender Unterschied zu den großen Vorbildern des Genres. Filme wie „Blutgericht in Texas“ lebten nicht von einer Aneinanderreihung blutiger Bilder, sondern von der permanenten Eskalation psychischer Belastung. „Dolly“ verwechselt häufig Brutalität mit Bedrohung.

Die Krise des Final Girls

Im Zentrum der Handlung steht Macy, gespielt von Fabianne Therese. Zu Beginn erscheint sie als moderne Variante des klassischen Final Girls. Sie wirkt selbstbestimmt, intelligent und emotional glaubwürdig. Doch je weiter die Handlung voranschreitet, desto stärker untergräbt das Drehbuch die innere Logik ihrer Figur. Ihre Entscheidungen werden zunehmend irrational. Handlungen, die der Dramaturgie dienen sollen, wirken konstruiert und widersprechen dem zuvor etablierten Charakterprofil. Dadurch verliert der Film einen wesentlichen Teil seiner Spannung. Denn Horror entsteht nicht allein aus der Existenz einer Bedrohung. Er entsteht aus der Glaubwürdigkeit jener Figuren, die dieser Bedrohung ausgesetzt sind. Wenn das Publikum die Handlungen der Protagonistin nicht mehr nachvollziehen kann, verwandelt sich Angst in Distanz. Genau dieser Prozess vollzieht sich im letzten Drittel von „Dolly“.


© Dolly in the Woods LLC 2025

Das Erbe von „Blutgericht in Texas"

Die vielleicht interessanteste Dimension des Films besteht in seinem Verhältnis zum Klassiker von Tobe Hooper. „Dolly“ ist weniger von „Blutgericht in Texas“ inspiriert als von ihm besessen. Die narrative Struktur, die Bewegung aus der Zivilisation in einen Raum des Wahnsinns, die Konzeption der monströsen Täterfigur und selbst einzelne visuelle Motive erinnern unverkennbar an Hoopers Meisterwerk. Filmhistorisch betrachtet bewegt sich Blackhurst damit in einer langen Tradition des Horrorfilms, die von Zitat, Variation und Wiederholung lebt. Das Problem besteht jedoch darin, dass „Dolly“ kaum eigene Akzente setzt. Während Hoopers Film eine verstörende Allegorie auf gesellschaftlichen Zerfall, ökonomische Krisen und familiäre Dysfunktion darstellte, bleibt Blackhursts Werk weitgehend auf der Ebene der Nachahmung stehen. Der Film rekonstruiert die Form seines Vorbildes, ohne dessen gesellschaftliche Tiefenschichten neu zu interpretieren.

Weiblichkeit als Horrorbild

Die problematischste Ebene von „Dolly“ liegt jedoch in seiner Darstellung von Weiblichkeit. Die Titelfigur erscheint als groteske Karikatur eines deformierten Mutter- und Familienwunsches. Während Macy als konventionell attraktive, unabhängige Frau inszeniert wird, verkörpert Dolly deren scheinbar monströses Gegenbild. Hier entsteht eine symbolische Struktur, die weit über die eigentliche Handlung hinausweist. Der Film verbindet körperliche Abweichung, soziale Isolation und den Wunsch nach familiärer Zugehörigkeit mit Monstrosität. Zwar lässt sich argumentieren, dass Horrorfilme traditionell mit Überzeichnungen arbeiten. Dennoch bleibt auffällig, wie konsequent „Dolly“ bestimmte Vorstellungen von Weiblichkeit ästhetisch kodiert. Besonders problematisch wird dies dadurch, dass der Film diese Implikationen offenbar nicht reflektiert. Die Inszenierung reproduziert Bilder und Wertungen, ohne sie kritisch zu hinterfragen. Was möglicherweise als Hommage an die transgressiven Grenzüberschreitungen des Exploitation-Kinos gedacht ist, wirkt dadurch häufig unfreiwillig entlarvend.

Zwischen Hommage und Regression

Viele zeitgenössische Genrefilme arbeiten mit Nostalgie. Doch die interessantesten Vertreter dieser Entwicklung nutzen historische Vorbilder als Ausgangspunkt für neue Perspektiven. „Dolly“ hingegen bleibt zu oft im Modus der Rekonstruktion gefangen. Der Film kennt die Bilder des klassischen Horrorkinos. Er kennt dessen Oberflächen, dessen Ikonografie und dessen visuelle Sprache. Was ihm weitgehend fehlt, ist das Verständnis dafür, weshalb diese Bilder einst eine solche Wirkung entfalten konnten. So entsteht ein Werk, das technisch kompetent, atmosphärisch stellenweise wirkungsvoll und gelegentlich durchaus verstörend ist, dessen ästhetische Ambitionen jedoch immer wieder durch narrative Schwächen und ideologische Blindstellen unterlaufen werden.

Fazit

„Dolly“ ist kein misslungener Film. Seine kompromisslose Schmutzigkeit, die überzeugende analoge Bildästhetik und einzelne Momente körperlichen Horrors besitzen durchaus Reiz. Rod Blackhurst beweist Gespür für Atmosphäre und die visuelle Tradition des amerikanischen Genrekinos. Als eigenständiges Werk bleibt der Film jedoch hinter seinen Ambitionen zurück. Zu offensichtlich orientiert er sich an seinen Vorbildern, zu wenig entwickelt er daraus eine eigene Handschrift. Hinzu kommt eine problematische Geschlechterdarstellung, die unbeabsichtigt mehr über die Perspektive des Films verrät als über seine Figuren. So hinterlässt „Dolly“ letztlich einen widersprüchlichen Eindruck: ein technisch versierter und atmosphärisch dichter Horrorfilm, der seine Inspirationsquellen leidenschaftlich verehrt, deren kreative Radikalität jedoch kaum erreicht. Gerade deshalb ist er weniger als Wiedergeburt des siebzigerjährigen Horrorkinos interessant als vielmehr als Symptom einer Gegenwart, die sich zunehmend in den Geistern ihrer filmischen Vergangenheit verliert.


DOLLY

Start: 11.06.26 | FSK 18
R: Rod Blackhurst | D: Fabianne Therese, Seann William Scott
USA 2025 | Tiberius Film


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