Was wäre,
wenn der Staat nicht nur über Gesetze, sondern über das
Begehren selbst verfügte? „One Night Only“ macht
aus dieser beunruhigenden Vorstellung eine glänzende Dating-Komödie
– und verschenkt dabei einen Teil ihrer politischen Sprengkraft.
Zwischen sexueller Selbstbestimmung, Überwachung und romantischer
Selbstfindung oszilliert Will Glucks Film mit beträchtlichem
Tempo, aber begrenzter Konsequenz. Gerade seine Widersprüche
machen ihn interessant: als Gesellschaftssatire, die sich ihrer eigenen
Zumutung nicht ganz zu stellen wagt.
Es
gibt Filmideen, die schon in ihrer Kurzfassung nach einer Dystopie
verlangen. „One Night Only“ gehört dazu. In der Welt
von Will Glucks neuer Romcom ist vorehelicher Sex verboten; nur eine
einzige Nacht im Jahr erklärt der Staat die Sexualität gewissermaßen
zur vorübergehenden Ausnahmezone. Der Körper wird überwacht,
Intimität technisch registriert, Begehren bürokratisch gerahmt.
Man könnte daraus einen düsteren Film über staatliche
Körperpolitik, sexuelle Selbstbestimmung und die Wiederkehr autoritärer
Moralvorstellungen machen. Gluck aber entscheidet sich für das
Gegenteil: für sommerliche Leichtigkeit, poppige Musik und die
vertraute Dramaturgie des romantischen Zufalls. Das ist zunächst
ein reizvoller Widerspruch. Je länger der Film dauert, desto
stärker allerdings drängt sich die Frage auf, ob „One
Night Only“ seine eigene Prämisse überhaupt ernst
nehmen möchte.
Sex
als Ausnahmezustand
Die
gesellschaftliche Konstruktion ist dabei durchaus hübsch absurd.
Weil Sexualität fast vollständig verboten wurde, wird jene
eine erlaubte Nacht zum kollektiven Ausnahmezustand. Was einst private
Angelegenheit war, wird zum gesellschaftlichen Großereignis.
Die Menschen suchen Partner, organisieren sich, kalkulieren ihre Möglichkeiten
– und stehen unter dem grotesken Druck, innerhalb weniger Stunden
all das nachzuholen, was ihnen das restliche Jahr untersagt ist. Darin
steckt eine hübsche Satire auf eine Gesellschaft, die Lust zugleich
kommerzialisiert und moralisch diszipliniert. Nur müsste der
Film diese Idee weiterdenken. Denn sobald der Staat über den
Körper verfügt, stellen sich unweigerlich Fragen nach Kontrolle,
Widerstand und sozialer Ungleichheit. Wer überwacht die Überwacher?
Was geschieht mit Menschen, die sich nicht an die Norm der Paarbildung
halten? Und wie verändert sich eine Gesellschaft, wenn Intimität
zum staatlich terminierten Konsumereignis wird? „One Night Only“
öffnet diese Türen – und geht dann meist lieber weiter
zur nächsten Pointe.
Der
Körper als politischer Ort
Gerade
aus feministischer Perspektive ist das bedauerlich. Denn die Prämisse
berührt einen Kernbereich moderner Körperpolitik: die Frage,
wem der Körper gehört. Der Staat, der Sexualität reguliert,
greift unmittelbar in eine Sphäre ein, die traditionell als privat
gilt. Dass ausgerechnet sexuelle Selbstbestimmung zum Gegenstand gesetzlicher
Kontrolle wird, verweist auf eine lange Geschichte patriarchaler Ordnungssysteme,
in denen insbesondere weibliche Körper moralisch, religiös
und juristisch diszipliniert wurden. „One Night Only“
aktualisiert dieses Motiv technisch: Sensoren registrieren biologische
Vorgänge, die intime Handlung wird zum Datensatz. Das besitzt
eine beunruhigende Gegenwartsnähe. Doch der Film behandelt die
Konsequenzen eher als Ausstattung seiner Welt denn als deren politische
Substanz. Seine Dystopie ist dekorativ, wo sie analytisch werden müsste.
Allie
und die Freiheit des Begehrens
Monica
Barbaro gibt Allie eine erfreulich eigenständige Präsenz.
Ihre Figur ist keine Frau, die lediglich darauf wartet, vom romantischen
Helden entdeckt zu werden. Sie weiß, was sie will, weiß
aber ebenso, was sie nicht will. Gerade in einer Gesellschaft, die
sexuelle Aktivität gleichzeitig verbietet und zur sozialen Pflicht
dieser einen Nacht macht, besitzt diese Entscheidung Gewicht. Allie
verweigert sich beiden Imperativen: dem staatlichen und dem sozialen.
Doch das Drehbuch schöpft diese Spannung nicht vollständig
aus. Aus der potenziell interessanten Untersuchung weiblicher Autonomie
wird schließlich doch vor allem eine Liebesgeschichte. Allie
darf selbstbestimmt sein – aber der Film interessiert sich letztlich
stärker dafür, wen sie lieben wird, als dafür, was
Selbstbestimmung unter diesen Bedingungen bedeutet.
Eine
Nacht, zwei Einsame
Callum
Turner spielt Owen als Mann, dessen Kontrollbedürfnis zunehmend
mit der absurden Logik dieser Gesellschaft kollidiert. Er plant, kalkuliert,
organisiert – und wird von einer Welt überrascht, in der
Planung plötzlich nichts mehr garantiert. Gemeinsam mit Allie
bildet er ein Paar, das gerade deshalb funktioniert, weil beide den
sexuellen Imperativ der Nacht zunächst unterlaufen. Das ist die
bessere romantische Idee des Films: Nicht die staatlich erlaubte Gelegenheit
führt zur Intimität, sondern deren Verweigerung. Zwei Menschen
finden zueinander, weil sie sich nicht wie Konsumenten eines einmal
jährlich freigegebenen Marktes verhalten. Nur fehlt es dem Drehbuch
an jener sprachlichen und psychologischen Genauigkeit, die aus diesem
hübschen Gedanken eine wirklich überzeugende Liebesgeschichte
machen könnte.
New
York, glänzend und lebendig
Wo
die Figurenzeichnung schwächelt, gewinnt der Film durch seine
Inszenierung. Gluck filmt New York mit sichtbarer Lust an Bewegung,
Oberfläche und urbanem Chaos. Die Stadt wird zur nächtlichen
Bühne eines kollektiven Ausnahmezustands: Menschen strömen
durch Straßen, Bars und Wohnungen, Werbung und Gesetzgebung
haben sich längst gegenseitig durchdrungen. Die Kamera bleibt
dicht an den Figuren, die Montage beschleunigt ihre Odyssee, und die
Ausstattung erzählt beiläufig von den Konsequenzen des Sexualverbots.
Hier ist „One Night Only“ präziser als in seinen
Dialogen. Die Welt wird nicht nur erklärt, sondern zumindest
teilweise sichtbar gemacht. Gluck versteht die Grammatik des kommerziellen
Kinos ausgesprochen gut – nur leider auch dessen Versuchung,
jede unbequeme Pause sofort mit dem nächsten Gag zu füllen.
Das
eigentliche Problem liegt deshalb weniger darin, dass „One Night
Only“ lustig sein möchte. Es liegt darin, dass seine Komik
die politische Zumutung seiner Ausgangslage zunehmend neutralisiert.
Die Dystopie wird zur Kulisse, vor der eine Reihe romantischer und
sexueller Missverständnisse stattfinden kann. Aus der Frage nach
staatlicher Kontrolle wird die Frage, ob Owen und Allie zusammenfinden.
Das ist eine enorme Verkleinerung des ursprünglichen Gedankens.
Eine gute politische Komödie darf ihre Gegenstände selbstverständlich
trivialisieren, um sie sichtbar zu machen. Hier geschieht jedoch häufig
das Gegenteil: Die politische Dimension wird trivialisiert, damit
die Komödie funktionieren kann.
Die
merkwürdige Moral des Begehrens
Noch
irritierender ist, dass der Film mit zunehmender Laufzeit selbst eine
Moral des Sexuellen entwickelt. Wer unbedingt Sex haben möchte,
gerät zum Gegenstand des Spotts; wer sich verweigert, erscheint
vernünftiger, kontrollierter, beinahe überlegen. Damit entsteht
eine eigentümliche Verschiebung. Der Film kritisiert zwar ein
System, das den Menschen Sexualität vorschreibt und verbietet,
entwickelt aber gleichzeitig Sympathie für jene Figuren, die
sich von Sexualität möglichst weit entfernen. Ausgerechnet
eine Geschichte über sexuelle Befreiung scheint dadurch stellenweise
sexuell konservativ zu werden. Feministisch betrachtet ist das besonders
unerquicklich: Selbstbestimmung bedeutet eben nicht Enthaltsamkeit,
ebenso wenig wie sie sexuelle Verfügbarkeit bedeutet. Sie bedeutet
zunächst die Möglichkeit, selbst zu entscheiden.
Die
Dystopie bleibt eine Kulisse
Auch
das Worldbuilding kann diesen Widerspruch nicht auflösen. Der
Film beantwortet gerade genug Fragen, um seine Prämisse zu etablieren,
und wirft dadurch umso mehr neue auf. Die Überwachungstechnologie,
die Strafmechanismen und die gesellschaftliche Normalisierung des
Verbots sind interessant genug, um einen weitaus düstereren Film
zu tragen. Stattdessen bleiben sie Versatzstücke. Man sieht die
Folgen des Systems, aber kaum seine Geschichte; man erkennt seine
Macht, versteht aber nicht seine gesellschaftliche Stabilität.
Das ist mehr als ein Detailproblem. Eine Dystopie lebt davon, dass
ihre Welt zwingend erscheint. „One Night Only“ hingegen
lässt seine Ordnung häufig wie eine Drehbuchidee wirken,
die von Szene zu Szene neu erfunden wurde.
Glanz
statt Konsequenz
Will
Gluck beherrscht die Oberfläche dieses Films. Er hat Rhythmus,
Farbe, urbane Energie und ein Gespür für das Timing des
populären Kinos. Doch je glatter „One Night Only“
wird, desto deutlicher tritt seine konzeptionelle Unentschlossenheit
hervor. Der Film möchte gleichzeitig Satire, Liebeskomödie,
Sexfarce und politische Dystopie sein. Er möchte das System kritisieren,
ohne seine Figuren zu dessen entschlossenen Gegnern zu machen. Er
möchte sexuelle Freiheit feiern und zugleich sexuelle Enthaltsamkeit
als besonders vernünftig erscheinen lassen. Er möchte provozieren
und trösten. Das kann funktionieren – aber nur, wenn ein
Film seine Widersprüche bewusst organisiert. Hier wirken sie
eher wie ungelöste Drehbuchprobleme.
Eine
verpasste Provokation
„One
Night Only“ ist deshalb ein interessanterer Film, als er ein
guter ist. Seine Prämisse besitzt jene irritierende Einfachheit,
aus der große Satire entstehen könnte: Was geschieht, wenn
ein Staat das Begehren reguliert? Seine Inszenierung besitzt Witz
und Tempo, Monica Barbaro und Callum Turner genügend Charme,
um die Liebesgeschichte nicht vollständig kollabieren zu lassen.
Doch das politische Potenzial bleibt weitgehend ungenutzt. Besonders
die feministische Frage nach der Verfügung über den Körper
wird angerissen, aber nicht vertieft. Am Ende steht eine erstaunliche
Ironie: Ein Film über eine Gesellschaft, die Sexualität
staatlich kontrolliert, ist selbst auffallend kontrolliert in dem,
was er über Sexualität zu sagen wagt. „One Night Only“
hätte eine bissige Satire über Begehren, Macht und Körperpolitik
werden können. Stattdessen begnügt er sich mit einer glänzenden
romantischen Oberfläche. Man verlässt den Film deshalb nicht
empört, sondern vor allem mit dem Gefühl einer verpassten
Gelegenheit – und mit der leisen Erkenntnis, dass die radikalste
Idee dieser Nacht nie wirklich auf die Leinwand durfte.