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KINO | 27.08.2026

ONE NIGHT ONLY
Die staatlich verordnete Lust

Was wäre, wenn der Staat nicht nur über Gesetze, sondern über das Begehren selbst verfügte? „One Night Only“ macht aus dieser beunruhigenden Vorstellung eine glänzende Dating-Komödie – und verschenkt dabei einen Teil ihrer politischen Sprengkraft. Zwischen sexueller Selbstbestimmung, Überwachung und romantischer Selbstfindung oszilliert Will Glucks Film mit beträchtlichem Tempo, aber begrenzter Konsequenz. Gerade seine Widersprüche machen ihn interessant: als Gesellschaftssatire, die sich ihrer eigenen Zumutung nicht ganz zu stellen wagt.

von Richard-Heinrich Tarenz


© Universal Studios

Die Nacht gehört dem Staat

Es gibt Filmideen, die schon in ihrer Kurzfassung nach einer Dystopie verlangen. „One Night Only“ gehört dazu. In der Welt von Will Glucks neuer Romcom ist vorehelicher Sex verboten; nur eine einzige Nacht im Jahr erklärt der Staat die Sexualität gewissermaßen zur vorübergehenden Ausnahmezone. Der Körper wird überwacht, Intimität technisch registriert, Begehren bürokratisch gerahmt. Man könnte daraus einen düsteren Film über staatliche Körperpolitik, sexuelle Selbstbestimmung und die Wiederkehr autoritärer Moralvorstellungen machen. Gluck aber entscheidet sich für das Gegenteil: für sommerliche Leichtigkeit, poppige Musik und die vertraute Dramaturgie des romantischen Zufalls. Das ist zunächst ein reizvoller Widerspruch. Je länger der Film dauert, desto stärker allerdings drängt sich die Frage auf, ob „One Night Only“ seine eigene Prämisse überhaupt ernst nehmen möchte.

Sex als Ausnahmezustand

Die gesellschaftliche Konstruktion ist dabei durchaus hübsch absurd. Weil Sexualität fast vollständig verboten wurde, wird jene eine erlaubte Nacht zum kollektiven Ausnahmezustand. Was einst private Angelegenheit war, wird zum gesellschaftlichen Großereignis. Die Menschen suchen Partner, organisieren sich, kalkulieren ihre Möglichkeiten – und stehen unter dem grotesken Druck, innerhalb weniger Stunden all das nachzuholen, was ihnen das restliche Jahr untersagt ist. Darin steckt eine hübsche Satire auf eine Gesellschaft, die Lust zugleich kommerzialisiert und moralisch diszipliniert. Nur müsste der Film diese Idee weiterdenken. Denn sobald der Staat über den Körper verfügt, stellen sich unweigerlich Fragen nach Kontrolle, Widerstand und sozialer Ungleichheit. Wer überwacht die Überwacher? Was geschieht mit Menschen, die sich nicht an die Norm der Paarbildung halten? Und wie verändert sich eine Gesellschaft, wenn Intimität zum staatlich terminierten Konsumereignis wird? „One Night Only“ öffnet diese Türen – und geht dann meist lieber weiter zur nächsten Pointe.

Der Körper als politischer Ort

Gerade aus feministischer Perspektive ist das bedauerlich. Denn die Prämisse berührt einen Kernbereich moderner Körperpolitik: die Frage, wem der Körper gehört. Der Staat, der Sexualität reguliert, greift unmittelbar in eine Sphäre ein, die traditionell als privat gilt. Dass ausgerechnet sexuelle Selbstbestimmung zum Gegenstand gesetzlicher Kontrolle wird, verweist auf eine lange Geschichte patriarchaler Ordnungssysteme, in denen insbesondere weibliche Körper moralisch, religiös und juristisch diszipliniert wurden. „One Night Only“ aktualisiert dieses Motiv technisch: Sensoren registrieren biologische Vorgänge, die intime Handlung wird zum Datensatz. Das besitzt eine beunruhigende Gegenwartsnähe. Doch der Film behandelt die Konsequenzen eher als Ausstattung seiner Welt denn als deren politische Substanz. Seine Dystopie ist dekorativ, wo sie analytisch werden müsste.

Allie und die Freiheit des Begehrens

Monica Barbaro gibt Allie eine erfreulich eigenständige Präsenz. Ihre Figur ist keine Frau, die lediglich darauf wartet, vom romantischen Helden entdeckt zu werden. Sie weiß, was sie will, weiß aber ebenso, was sie nicht will. Gerade in einer Gesellschaft, die sexuelle Aktivität gleichzeitig verbietet und zur sozialen Pflicht dieser einen Nacht macht, besitzt diese Entscheidung Gewicht. Allie verweigert sich beiden Imperativen: dem staatlichen und dem sozialen. Doch das Drehbuch schöpft diese Spannung nicht vollständig aus. Aus der potenziell interessanten Untersuchung weiblicher Autonomie wird schließlich doch vor allem eine Liebesgeschichte. Allie darf selbstbestimmt sein – aber der Film interessiert sich letztlich stärker dafür, wen sie lieben wird, als dafür, was Selbstbestimmung unter diesen Bedingungen bedeutet.

Eine Nacht, zwei Einsame

Callum Turner spielt Owen als Mann, dessen Kontrollbedürfnis zunehmend mit der absurden Logik dieser Gesellschaft kollidiert. Er plant, kalkuliert, organisiert – und wird von einer Welt überrascht, in der Planung plötzlich nichts mehr garantiert. Gemeinsam mit Allie bildet er ein Paar, das gerade deshalb funktioniert, weil beide den sexuellen Imperativ der Nacht zunächst unterlaufen. Das ist die bessere romantische Idee des Films: Nicht die staatlich erlaubte Gelegenheit führt zur Intimität, sondern deren Verweigerung. Zwei Menschen finden zueinander, weil sie sich nicht wie Konsumenten eines einmal jährlich freigegebenen Marktes verhalten. Nur fehlt es dem Drehbuch an jener sprachlichen und psychologischen Genauigkeit, die aus diesem hübschen Gedanken eine wirklich überzeugende Liebesgeschichte machen könnte.

New York, glänzend und lebendig

Wo die Figurenzeichnung schwächelt, gewinnt der Film durch seine Inszenierung. Gluck filmt New York mit sichtbarer Lust an Bewegung, Oberfläche und urbanem Chaos. Die Stadt wird zur nächtlichen Bühne eines kollektiven Ausnahmezustands: Menschen strömen durch Straßen, Bars und Wohnungen, Werbung und Gesetzgebung haben sich längst gegenseitig durchdrungen. Die Kamera bleibt dicht an den Figuren, die Montage beschleunigt ihre Odyssee, und die Ausstattung erzählt beiläufig von den Konsequenzen des Sexualverbots. Hier ist „One Night Only“ präziser als in seinen Dialogen. Die Welt wird nicht nur erklärt, sondern zumindest teilweise sichtbar gemacht. Gluck versteht die Grammatik des kommerziellen Kinos ausgesprochen gut – nur leider auch dessen Versuchung, jede unbequeme Pause sofort mit dem nächsten Gag zu füllen.


© Universal Studios

Die Romcom als politische Tarnung

Das eigentliche Problem liegt deshalb weniger darin, dass „One Night Only“ lustig sein möchte. Es liegt darin, dass seine Komik die politische Zumutung seiner Ausgangslage zunehmend neutralisiert. Die Dystopie wird zur Kulisse, vor der eine Reihe romantischer und sexueller Missverständnisse stattfinden kann. Aus der Frage nach staatlicher Kontrolle wird die Frage, ob Owen und Allie zusammenfinden. Das ist eine enorme Verkleinerung des ursprünglichen Gedankens. Eine gute politische Komödie darf ihre Gegenstände selbstverständlich trivialisieren, um sie sichtbar zu machen. Hier geschieht jedoch häufig das Gegenteil: Die politische Dimension wird trivialisiert, damit die Komödie funktionieren kann.

Die merkwürdige Moral des Begehrens

Noch irritierender ist, dass der Film mit zunehmender Laufzeit selbst eine Moral des Sexuellen entwickelt. Wer unbedingt Sex haben möchte, gerät zum Gegenstand des Spotts; wer sich verweigert, erscheint vernünftiger, kontrollierter, beinahe überlegen. Damit entsteht eine eigentümliche Verschiebung. Der Film kritisiert zwar ein System, das den Menschen Sexualität vorschreibt und verbietet, entwickelt aber gleichzeitig Sympathie für jene Figuren, die sich von Sexualität möglichst weit entfernen. Ausgerechnet eine Geschichte über sexuelle Befreiung scheint dadurch stellenweise sexuell konservativ zu werden. Feministisch betrachtet ist das besonders unerquicklich: Selbstbestimmung bedeutet eben nicht Enthaltsamkeit, ebenso wenig wie sie sexuelle Verfügbarkeit bedeutet. Sie bedeutet zunächst die Möglichkeit, selbst zu entscheiden.

Die Dystopie bleibt eine Kulisse

Auch das Worldbuilding kann diesen Widerspruch nicht auflösen. Der Film beantwortet gerade genug Fragen, um seine Prämisse zu etablieren, und wirft dadurch umso mehr neue auf. Die Überwachungstechnologie, die Strafmechanismen und die gesellschaftliche Normalisierung des Verbots sind interessant genug, um einen weitaus düstereren Film zu tragen. Stattdessen bleiben sie Versatzstücke. Man sieht die Folgen des Systems, aber kaum seine Geschichte; man erkennt seine Macht, versteht aber nicht seine gesellschaftliche Stabilität. Das ist mehr als ein Detailproblem. Eine Dystopie lebt davon, dass ihre Welt zwingend erscheint. „One Night Only“ hingegen lässt seine Ordnung häufig wie eine Drehbuchidee wirken, die von Szene zu Szene neu erfunden wurde.

Glanz statt Konsequenz

Will Gluck beherrscht die Oberfläche dieses Films. Er hat Rhythmus, Farbe, urbane Energie und ein Gespür für das Timing des populären Kinos. Doch je glatter „One Night Only“ wird, desto deutlicher tritt seine konzeptionelle Unentschlossenheit hervor. Der Film möchte gleichzeitig Satire, Liebeskomödie, Sexfarce und politische Dystopie sein. Er möchte das System kritisieren, ohne seine Figuren zu dessen entschlossenen Gegnern zu machen. Er möchte sexuelle Freiheit feiern und zugleich sexuelle Enthaltsamkeit als besonders vernünftig erscheinen lassen. Er möchte provozieren und trösten. Das kann funktionieren – aber nur, wenn ein Film seine Widersprüche bewusst organisiert. Hier wirken sie eher wie ungelöste Drehbuchprobleme.

Eine verpasste Provokation

„One Night Only“ ist deshalb ein interessanterer Film, als er ein guter ist. Seine Prämisse besitzt jene irritierende Einfachheit, aus der große Satire entstehen könnte: Was geschieht, wenn ein Staat das Begehren reguliert? Seine Inszenierung besitzt Witz und Tempo, Monica Barbaro und Callum Turner genügend Charme, um die Liebesgeschichte nicht vollständig kollabieren zu lassen. Doch das politische Potenzial bleibt weitgehend ungenutzt. Besonders die feministische Frage nach der Verfügung über den Körper wird angerissen, aber nicht vertieft. Am Ende steht eine erstaunliche Ironie: Ein Film über eine Gesellschaft, die Sexualität staatlich kontrolliert, ist selbst auffallend kontrolliert in dem, was er über Sexualität zu sagen wagt. „One Night Only“ hätte eine bissige Satire über Begehren, Macht und Körperpolitik werden können. Stattdessen begnügt er sich mit einer glänzenden romantischen Oberfläche. Man verlässt den Film deshalb nicht empört, sondern vor allem mit dem Gefühl einer verpassten Gelegenheit – und mit der leisen Erkenntnis, dass die radikalste Idee dieser Nacht nie wirklich auf die Leinwand durfte.


ONE NIGHT ONLY

Start: 27.08.26 | FSK 12
R: Will Gluck | D: Monica Barbaro, Callum Turner, Maya Hawke
USA 2026 | Universal Pictures Germany


 

 

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