Ein verschwundener
Bruder führt Prue und Curtis aus dem modernen Portland in einen
Wald voller sprechender Tiere und politischer Intrigen. Travis Knight
macht aus Carson Ellis’ und Colin Meloys Fantasyroman ein groß
angelegtes Abenteuer in handgefertigter Stop-Motion-Animation Zwischen
Stadtsatire, Märchenpolitik und coming-of-age erzählt WILDWOOD
von Angst, Mut und der Entdeckung eigener Handlungsmacht.
Travis
Knights WILDWOOD beginnt mit einem Verlust, der aus einer alltäglichen
familiären Verantwortung erwächst: Die zwölfjährige
Prue soll auf ihren kleinen Bruder Mac aufpassen, doch eine Schar
Krähen entführt das Baby und trägt es in den angrenzenden
Wildwald. Prue folgt den Tieren gemeinsam mit Curtis, einem Mitschüler,
dessen unbeholfene Zuneigung sie zunächst eher auf Abstand
hält. Aus dem Suchweg wird eine Grenzüberschreitung: Die
Kinder verlassen die vertraute Ordnung Portlands und betreten einen
Raum, in dem die gewöhnliche Wirklichkeit von einer verborgenen
politischen und mythologischen Welt überlagert wird. Dort begegnen
sie sprechenden Tieren, unterdrückten Menschen, einem unfähigen
Gouverneur und einer herrschsüchtigen Gouvernante, deren persönliche
Trauer in eine größere Bedrohung umschlägt. Der
Film folgt damit der klassischen Dramaturgie der Quest, verleiht
ihr aber einen doppelten Maßstab: Während Prue und Curtis
um Mac kämpfen, müssen sie zugleich herausfinden, welche
Kräfte in ihnen selbst liegen. Diese Verbindung von äußeren
Gefahren und innerer Reifung verankert das Fantastische in einer
emotional nachvollziehbaren Erfahrung des Erwachsenwerdens.
Eine
Miniaturwelt mit physischer Präsenz
Die
zentrale ästhetische Leistung von WILDWOOD liegt in der konsequenten
Nutzung des Stop-Motion-Verfahrens. Figuren, Oberflächen und
Räume erscheinen nicht als glatt simulierte Bildwelten, sondern
als materiell modellierte Gegenstände, die Bild für Bild
bewegt und beleuchtet wurden. Diese Herstellungsweise verleiht dem
Film eine eigentümliche körperliche Unmittelbarkeit: Das
Gefieder der Krähen, die Textur des Waldes, die Kostüme
der Kojotenarmee und die unterschiedlichen Gestalten der Tierfiguren
tragen die Spuren einer bewusst konstruierten Welt. Der Reiz liegt
dabei nicht allein in der handwerklichen Virtuosität, sondern
in der Art, wie sie Bedeutung erzeugt. Der Wald kann zugleich als
Landschaft, politischer Raum und psychische Schwelle gelesen werden,
während die Miniaturform das scheinbar Kleine ins Epische überführt.
LAIKA, das Studio hinter „Coraline“ und „Kubo
– Der tapfere Samurai“, führt hier seine ausgeprägte
Verbindung von detailreicher Figurenanimation und dunkler Märchenatmosphäre
gekonnt und konsequent weiter. Die filmische Welt gewinnt zusätzlich
durch ihre Kontraste an Profil. Das moderne Portland mit seinen
modischen Geschäften und selbstzufriedenen Selbstbildern wird
mit milder Ironie betrachtet; der Wildwald dagegen entzieht sich
dem urbanen Zugriff, ohne als unberührtes Paradies verklärt
zu werden. Seine Herrschaftsverhältnisse sind konflikthaft,
seine Bewohnerinnen und Bewohner nicht einfach in Gut und Böse
zu sortieren. Gerade diese Spannung zwischen dem scheinbar aufgeklärten
Stadtraum und dem politisch belasteten Märchenwald verleiht
dem Film eine produktive Ambivalenz: Das Fantastische ist keine
Flucht aus der Gegenwart, sondern ein Verfahren, gesellschaftliche
Ordnungen in verfremdeter Gestalt sichtbar zu machen.
Der
Film greift auf vertraute Motive der Kinder- und Jugendliteratur zurück
– das entführte Geschwisterkind, den verbotenen Wald, die
tyrannische Herrscherin und den widerständigen Außenseiter
–, gewinnt daraus jedoch eine eigenständige Dynamik, indem
er die politischen Konflikte mit persönlichem Verlust verschränkt.
Die Gouvernante ist nicht nur eine Antagonistin, sondern eine Figur,
deren Handeln aus einer schmerzhaften Vergangenheit hervorgeht; die
Anführer des Widerstands wiederum bringen eine weitere Vorstellung
von Macht und Befreiung in die Erzählung ein. Prues Weg wird
dadurch zu mehr als einer Rettungsmission: Sie muss lernen, Furcht
nicht mit Ohnmacht gleichzusetzen und Verantwortung nicht bloß
als Last zu begreifen. Curtis’ Entwicklung ergänzt diese
Bewegung um eine andere Form des Mutes, die nicht aus Stärke
oder Coolness, sondern aus der Überwindung eigener Unsicherheit
entsteht. Die Erzählung gewinnt ihre größte emotionale
Kraft dort, wo sie diese Veränderungen in konkrete Entscheidungen
übersetzt und die Kinder nicht nur durch die fantastische Welt
führt, sondern sie zu deren aktiven Mitgestaltern macht.
Zugleich entfaltet WILDWOOD seine Märchenlogik mit einem Überschuss
an Figuren, Schauplätzen und Konflikten, der die Handlung stellenweise
weniger klar wirken lässt als ihre Bildwelt. Die Beweggründe
der Gouvernante und die politischen Zusammenhänge werden nicht
immer mit derselben Präzision entfaltet wie die visuelle Gestaltung.
Doch gerade die Spannung zwischen erzählerischer Fülle und
formaler Kontrolle gehört zum Charakter dieses Werks: Der Film
wagt die große, unübersichtliche Reise, statt sein Abenteuer
auf eine funktionale Handlung zu reduzieren. Seine Länge und
sein episodischer Reichtum eröffnen Raum für Begegnungen,
Milieus und wechselnde Tonlagen; gelegentliche narrative Unebenheiten
treten dabei neben eine bemerkenswerte Souveränität im Weltenbau.
Dass die Geschichte ihre emotionalen und politischen Linien nicht
in jedem Moment bündelt, schmälert ihre Wirkung, aber hebt
den besonderen Reiz der Reise nicht auf.
Ein
traditionsbewusstes Abenteuer mit eigener Handschrift
Als
Regisseur und zugleich führender Kopf des Animationsstudios LAIKA
verbindet Travis Knight in WILDWOOD die Erzählfreude des klassischen
Märchenabenteuers mit einer unverkennbar zeitgenössischen
Sensibilität für Außenseitertum, Macht und ökologische
Räume. Die Verfilmung des gleichnamigen Romans von Colin Meloy
und Carson Ellis bewahrt die Anlage einer kindlichen Expedition in
eine verborgene Welt, übersetzt sie aber in eine filmische Sprache,
deren handwerkliche Materialität selbst zum Teil der Aussage
wird. Das Ergebnis erinnert an die große Tradition fantastischer
Jugendabenteuer, ohne in bloßer Nostalgie aufzugehen: Es nimmt
die Angst seiner jungen Figuren ernst, erlaubt ihnen aber auch die
euphorische Erfahrung, einer Erwachsenenwelt etwas entgegensetzen
zu können. WILDWOOD ist deshalb nicht nur ein Schaufenster für
die Kunstfertigkeit des Stop-Motion-Kinos, sondern ein mit Wärme
und erzählerischem Mut gestalteter Film über das Überschreiten
von Grenzen. Seine größte Stärke liegt darin, dass
er die Magie nicht als fertiges Wunder präsentiert, sondern als
eine Welt, die durch Vorstellungskraft, Handarbeit und die Bereitschaft
zum Aufbruch erst Gestalt annimmt.
WILDWOOD
Start:
05.11.26 | FSK 12
R: Travis Knight | Animationsfilm
USA, Kanada, Großbritannien 2026 | capelight pictures