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KINO | 05.11.2026

WILDWOOD
Im Wald der Möglichkeiten

Ein verschwundener Bruder führt Prue und Curtis aus dem modernen Portland in einen Wald voller sprechender Tiere und politischer Intrigen. Travis Knight macht aus Carson Ellis’ und Colin Meloys Fantasyroman ein groß angelegtes Abenteuer in handgefertigter Stop-Motion-Animation Zwischen Stadtsatire, Märchenpolitik und coming-of-age erzählt WILDWOOD von Angst, Mut und der Entdeckung eigener Handlungsmacht.

von Richard-Heinrich Tarenz


© LAIKA

Der Aufbruch ins Unbekannte

Travis Knights WILDWOOD beginnt mit einem Verlust, der aus einer alltäglichen familiären Verantwortung erwächst: Die zwölfjährige Prue soll auf ihren kleinen Bruder Mac aufpassen, doch eine Schar Krähen entführt das Baby und trägt es in den angrenzenden Wildwald. Prue folgt den Tieren gemeinsam mit Curtis, einem Mitschüler, dessen unbeholfene Zuneigung sie zunächst eher auf Abstand hält. Aus dem Suchweg wird eine Grenzüberschreitung: Die Kinder verlassen die vertraute Ordnung Portlands und betreten einen Raum, in dem die gewöhnliche Wirklichkeit von einer verborgenen politischen und mythologischen Welt überlagert wird. Dort begegnen sie sprechenden Tieren, unterdrückten Menschen, einem unfähigen Gouverneur und einer herrschsüchtigen Gouvernante, deren persönliche Trauer in eine größere Bedrohung umschlägt. Der Film folgt damit der klassischen Dramaturgie der Quest, verleiht ihr aber einen doppelten Maßstab: Während Prue und Curtis um Mac kämpfen, müssen sie zugleich herausfinden, welche Kräfte in ihnen selbst liegen. Diese Verbindung von äußeren Gefahren und innerer Reifung verankert das Fantastische in einer emotional nachvollziehbaren Erfahrung des Erwachsenwerdens.

Eine Miniaturwelt mit physischer Präsenz

Die zentrale ästhetische Leistung von WILDWOOD liegt in der konsequenten Nutzung des Stop-Motion-Verfahrens. Figuren, Oberflächen und Räume erscheinen nicht als glatt simulierte Bildwelten, sondern als materiell modellierte Gegenstände, die Bild für Bild bewegt und beleuchtet wurden. Diese Herstellungsweise verleiht dem Film eine eigentümliche körperliche Unmittelbarkeit: Das Gefieder der Krähen, die Textur des Waldes, die Kostüme der Kojotenarmee und die unterschiedlichen Gestalten der Tierfiguren tragen die Spuren einer bewusst konstruierten Welt. Der Reiz liegt dabei nicht allein in der handwerklichen Virtuosität, sondern in der Art, wie sie Bedeutung erzeugt. Der Wald kann zugleich als Landschaft, politischer Raum und psychische Schwelle gelesen werden, während die Miniaturform das scheinbar Kleine ins Epische überführt. LAIKA, das Studio hinter „Coraline“ und „Kubo – Der tapfere Samurai“, führt hier seine ausgeprägte Verbindung von detailreicher Figurenanimation und dunkler Märchenatmosphäre gekonnt und konsequent weiter. Die filmische Welt gewinnt zusätzlich durch ihre Kontraste an Profil. Das moderne Portland mit seinen modischen Geschäften und selbstzufriedenen Selbstbildern wird mit milder Ironie betrachtet; der Wildwald dagegen entzieht sich dem urbanen Zugriff, ohne als unberührtes Paradies verklärt zu werden. Seine Herrschaftsverhältnisse sind konflikthaft, seine Bewohnerinnen und Bewohner nicht einfach in Gut und Böse zu sortieren. Gerade diese Spannung zwischen dem scheinbar aufgeklärten Stadtraum und dem politisch belasteten Märchenwald verleiht dem Film eine produktive Ambivalenz: Das Fantastische ist keine Flucht aus der Gegenwart, sondern ein Verfahren, gesellschaftliche Ordnungen in verfremdeter Gestalt sichtbar zu machen.


© LAIKA

Märchenpolitik, Verlust und Reifung

Der Film greift auf vertraute Motive der Kinder- und Jugendliteratur zurück – das entführte Geschwisterkind, den verbotenen Wald, die tyrannische Herrscherin und den widerständigen Außenseiter –, gewinnt daraus jedoch eine eigenständige Dynamik, indem er die politischen Konflikte mit persönlichem Verlust verschränkt. Die Gouvernante ist nicht nur eine Antagonistin, sondern eine Figur, deren Handeln aus einer schmerzhaften Vergangenheit hervorgeht; die Anführer des Widerstands wiederum bringen eine weitere Vorstellung von Macht und Befreiung in die Erzählung ein. Prues Weg wird dadurch zu mehr als einer Rettungsmission: Sie muss lernen, Furcht nicht mit Ohnmacht gleichzusetzen und Verantwortung nicht bloß als Last zu begreifen. Curtis’ Entwicklung ergänzt diese Bewegung um eine andere Form des Mutes, die nicht aus Stärke oder Coolness, sondern aus der Überwindung eigener Unsicherheit entsteht. Die Erzählung gewinnt ihre größte emotionale Kraft dort, wo sie diese Veränderungen in konkrete Entscheidungen übersetzt und die Kinder nicht nur durch die fantastische Welt führt, sondern sie zu deren aktiven Mitgestaltern macht.
Zugleich entfaltet WILDWOOD seine Märchenlogik mit einem Überschuss an Figuren, Schauplätzen und Konflikten, der die Handlung stellenweise weniger klar wirken lässt als ihre Bildwelt. Die Beweggründe der Gouvernante und die politischen Zusammenhänge werden nicht immer mit derselben Präzision entfaltet wie die visuelle Gestaltung. Doch gerade die Spannung zwischen erzählerischer Fülle und formaler Kontrolle gehört zum Charakter dieses Werks: Der Film wagt die große, unübersichtliche Reise, statt sein Abenteuer auf eine funktionale Handlung zu reduzieren. Seine Länge und sein episodischer Reichtum eröffnen Raum für Begegnungen, Milieus und wechselnde Tonlagen; gelegentliche narrative Unebenheiten treten dabei neben eine bemerkenswerte Souveränität im Weltenbau. Dass die Geschichte ihre emotionalen und politischen Linien nicht in jedem Moment bündelt, schmälert ihre Wirkung, aber hebt den besonderen Reiz der Reise nicht auf.

Ein traditionsbewusstes Abenteuer mit eigener Handschrift

Als Regisseur und zugleich führender Kopf des Animationsstudios LAIKA verbindet Travis Knight in WILDWOOD die Erzählfreude des klassischen Märchenabenteuers mit einer unverkennbar zeitgenössischen Sensibilität für Außenseitertum, Macht und ökologische Räume. Die Verfilmung des gleichnamigen Romans von Colin Meloy und Carson Ellis bewahrt die Anlage einer kindlichen Expedition in eine verborgene Welt, übersetzt sie aber in eine filmische Sprache, deren handwerkliche Materialität selbst zum Teil der Aussage wird. Das Ergebnis erinnert an die große Tradition fantastischer Jugendabenteuer, ohne in bloßer Nostalgie aufzugehen: Es nimmt die Angst seiner jungen Figuren ernst, erlaubt ihnen aber auch die euphorische Erfahrung, einer Erwachsenenwelt etwas entgegensetzen zu können. WILDWOOD ist deshalb nicht nur ein Schaufenster für die Kunstfertigkeit des Stop-Motion-Kinos, sondern ein mit Wärme und erzählerischem Mut gestalteter Film über das Überschreiten von Grenzen. Seine größte Stärke liegt darin, dass er die Magie nicht als fertiges Wunder präsentiert, sondern als eine Welt, die durch Vorstellungskraft, Handarbeit und die Bereitschaft zum Aufbruch erst Gestalt annimmt.


WILDWOOD

Start: 05.11.26 | FSK 12
R: Travis Knight | Animationsfilm
USA, Kanada, Großbritannien 2026 | capelight pictures

 

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