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KINO | 07.01.2026

THE HOUSEMAID - WENN SIE WÜSSTE

Ein scheinbar konventioneller Vorstadtthriller entpuppt sich als präzise Studie weiblicher Machtverhältnisse und sozialer Asymmetrien. „The Housemaid – Wenn sie wüsste“ legt unter der Oberfläche von Camp und Suspense eine feministische Analyse von Care-Arbeit, Klassenabhängigkeit und performativer Weiblichkeit frei. Ein Film, der Rivalität nicht individualisiert, sondern als Symptom eines patriarchal organisierten Systems lesbar macht.

von Richard-Heinrich Tarenz


© LIONSGATE

Mit „The Housemaid – Wenn sie wüsste“, der am 15. Januar in den Kinos startet, legt Paul Feig einen elegant kalkulierten Thriller vor, der sich bei aller Genreaffinität als bemerkenswert fruchtbarer Text für eine feministische Filmanalyse erweist. Die Verfilmung des Romans von Freida McFadden bewegt sich bewusst im Spannungsfeld zwischen psychologischem Drama, suburbanem Horror und satirischer Gesellschaftsstudie – und gewinnt gerade dort an Schärfe, wo sie weibliche Macht, ökonomische Abhängigkeit und performative Rollenbilder gegeneinander ausspielt. Im Zentrum steht Millie, eine junge Frau in prekärer Lebenslage, deren soziale Verwundbarkeit von Beginn an klar markiert ist. Ihre Suche nach Arbeit ist nicht Ausdruck von Selbstverwirklichung, sondern existenzielle Notwendigkeit – ein Umstand, der sie strukturell erpressbar macht. Die Anstellung im wohlhabenden Haushalt der Winchesters erscheint zunächst als Rettung, entpuppt sich jedoch rasch als Eintritt in ein asymmetrisches Machtgefüge, in dem Klassenunterschiede, Geschlechterrollen und emotionale Kontrolle eng miteinander verwoben sind. Aus feministischer Perspektive ist Millies Position paradigmatisch für jene unsichtbare Care-Arbeit, die häufig von sozial benachteiligten Frauen geleistet wird und zugleich ihre Abhängigkeit zementiert. Amanda Seyfrieds Nina fungiert als ambivalente Gegenfigur: äußerlich Inbild der privilegierten Vorstadtfrau, innerlich jedoch ein brodelndes Konglomerat aus Kontrollverlust, performativer Weiblichkeit und internalisiertem Patriarchat. Seyfried spielt diese Figur mit einer bewussten Überzeichnung, die ihre hysterischen Ausbrüche nicht als individuelles Versagen, sondern als Symptom eines repressiven Rollenmodells lesbar macht. Nina ist nicht bloß Antagonistin, sondern zugleich Produkt eines Systems, das Frauen auf Repräsentation, Emotionalität und häusliche Perfektion reduziert – und sie im selben Atemzug pathologisiert, wenn sie an diesen Anforderungen zerbrechen. Feigs Inszenierung arbeitet hier mit gezielten Brüchen. Das makellos weiße Interieur des Hauses wird zum visuellen Symbol einer normierten Weiblichkeit, die keinen Raum für Ambivalenz lässt.


© LIONSGATE

Die eskalierenden Konflikte zwischen Millie und Nina sind weniger als persönlicher Konkurrenzkampf zu verstehen denn als Ausdruck einer strukturellen Spaltung, die Frauen entlang von Klasse und ökonomischem Status gegeneinander ausspielt. Gerade darin liegt die feministische Schärfe des Films: Er zeigt, wie Solidarität systematisch unterminiert wird, solange patriarchale Machtverhältnisse unangetastet bleiben. Die männliche Figur des Ehemanns Andrew ist bewusst konturlos gehalten – ein dramaturgischer Zug, der ihn weniger als individuelle Bedrohung denn als Funktionsträger patriarchaler Normalität erscheinen lässt. Seine scheinbare Freundlichkeit, gepaart mit subtiler Grenzüberschreitung, verweist auf jene Formen männlicher Macht, die sich hinter Höflichkeit und Liberalität verbergen. Der Film verweigert ihm bewusst psychologische Tiefe und rückt stattdessen die weiblichen Perspektiven ins Zentrum, was seine feministische Ausrichtung zusätzlich unterstreicht. Im letzten Drittel vollzieht „The Housemaid – Wenn sie wüsste“ eine deutliche Tonverschiebung, die auch ästhetisch als Emanzipationsbewegung gelesen werden kann. Sydney Sweeney nutzt diesen Bruch, um Millie aus der passiven Opferrolle herauszuführen und ihr eine neue, selbstbestimmtere Präsenz zu verleihen. Die zuvor zurückgenommene Darstellung kippt in eine performative Zuspitzung, die nicht nur narrativ, sondern auch politisch lesbar ist: als Aneignung von Handlungsmacht innerhalb eines Systems, das Frauen systematisch entmündigt. Auch wenn der Film nicht konsequent den Weg in die völlige Camp-Überzeichnung geht, liegt seine Stärke gerade in dieser kontrollierten Balance. Feig interessiert sich weniger für den maximalen Tabubruch als für die präzise Freilegung sozialer Dynamiken. Die feministischen Implikationen ergeben sich dabei nicht aus programmatischen Statements, sondern aus der konsequenten Fokussierung auf weibliche Erfahrung, Rivalität und mögliche Allianzen. So erweist sich „The Housemaid – Wenn sie wüsste“ als intelligenter, unterhaltsamer und überraschend vielschichtiger Thriller, der das Subgenre des Vorstadt-Dramas nutzt, um Fragen nach weiblicher Selbstbestimmung, Klassenmacht und emotionaler Arbeit zu verhandeln. In seiner besten Form ist der Film weniger eine Geschichte über böse Individuen als eine über strukturelle Gewalt – und gerade darin liegt seine nachhaltige, feministische Relevanz.


THE HOUSEMAID - WENN SIE WÜSSTE

Start: 15.01.26 | FSK 12
R: Paul Feig | D: Sydney Sweeney, Amanda Seyfried, Brandon Sklenar
USA 2025 | LEONINE


 


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