Ein scheinbar
konventioneller Vorstadtthriller entpuppt sich als präzise Studie
weiblicher Machtverhältnisse und sozialer Asymmetrien. „The
Housemaid – Wenn sie wüsste“ legt unter der Oberfläche
von Camp und Suspense eine feministische Analyse von Care-Arbeit,
Klassenabhängigkeit und performativer Weiblichkeit frei. Ein
Film, der Rivalität nicht individualisiert, sondern als Symptom
eines patriarchal organisierten Systems lesbar macht.
Mit
„The Housemaid – Wenn sie wüsste“, der am 15.
Januar in den Kinos startet, legt Paul Feig einen elegant kalkulierten
Thriller vor, der sich bei aller Genreaffinität als bemerkenswert
fruchtbarer Text für eine feministische Filmanalyse erweist.
Die Verfilmung des Romans von Freida McFadden bewegt sich bewusst
im Spannungsfeld zwischen psychologischem Drama, suburbanem Horror
und satirischer Gesellschaftsstudie – und gewinnt gerade dort
an Schärfe, wo sie weibliche Macht, ökonomische Abhängigkeit
und performative Rollenbilder gegeneinander ausspielt. Im Zentrum
steht Millie, eine junge Frau in prekärer Lebenslage, deren soziale
Verwundbarkeit von Beginn an klar markiert ist. Ihre Suche nach Arbeit
ist nicht Ausdruck von Selbstverwirklichung, sondern existenzielle
Notwendigkeit – ein Umstand, der sie strukturell erpressbar
macht. Die Anstellung im wohlhabenden Haushalt der Winchesters erscheint
zunächst als Rettung, entpuppt sich jedoch rasch als Eintritt
in ein asymmetrisches Machtgefüge, in dem Klassenunterschiede,
Geschlechterrollen und emotionale Kontrolle eng miteinander verwoben
sind. Aus feministischer Perspektive ist Millies Position paradigmatisch
für jene unsichtbare Care-Arbeit, die häufig von sozial
benachteiligten Frauen geleistet wird und zugleich ihre Abhängigkeit
zementiert. Amanda Seyfrieds Nina fungiert als ambivalente Gegenfigur:
äußerlich Inbild der privilegierten Vorstadtfrau, innerlich
jedoch ein brodelndes Konglomerat aus Kontrollverlust, performativer
Weiblichkeit und internalisiertem Patriarchat. Seyfried spielt diese
Figur mit einer bewussten Überzeichnung, die ihre hysterischen
Ausbrüche nicht als individuelles Versagen, sondern als Symptom
eines repressiven Rollenmodells lesbar macht. Nina ist nicht bloß
Antagonistin, sondern zugleich Produkt eines Systems, das Frauen auf
Repräsentation, Emotionalität und häusliche Perfektion
reduziert – und sie im selben Atemzug pathologisiert, wenn sie
an diesen Anforderungen zerbrechen. Feigs Inszenierung arbeitet hier
mit gezielten Brüchen. Das makellos weiße Interieur des
Hauses wird zum visuellen Symbol einer normierten Weiblichkeit, die
keinen Raum für Ambivalenz lässt.
Die
eskalierenden Konflikte zwischen Millie und Nina sind weniger als
persönlicher Konkurrenzkampf zu verstehen denn als Ausdruck einer
strukturellen Spaltung, die Frauen entlang von Klasse und ökonomischem
Status gegeneinander ausspielt. Gerade darin liegt die feministische
Schärfe des Films: Er zeigt, wie Solidarität systematisch
unterminiert wird, solange patriarchale Machtverhältnisse unangetastet
bleiben. Die männliche Figur des Ehemanns Andrew ist bewusst
konturlos gehalten – ein dramaturgischer Zug, der ihn weniger
als individuelle Bedrohung denn als Funktionsträger patriarchaler
Normalität erscheinen lässt. Seine scheinbare Freundlichkeit,
gepaart mit subtiler Grenzüberschreitung, verweist auf jene Formen
männlicher Macht, die sich hinter Höflichkeit und Liberalität
verbergen. Der Film verweigert ihm bewusst psychologische Tiefe und
rückt stattdessen die weiblichen Perspektiven ins Zentrum, was
seine feministische Ausrichtung zusätzlich unterstreicht. Im
letzten Drittel vollzieht „The Housemaid – Wenn sie wüsste“
eine deutliche Tonverschiebung, die auch ästhetisch als Emanzipationsbewegung
gelesen werden kann. Sydney Sweeney nutzt diesen Bruch, um Millie
aus der passiven Opferrolle herauszuführen und ihr eine neue,
selbstbestimmtere Präsenz zu verleihen. Die zuvor zurückgenommene
Darstellung kippt in eine performative Zuspitzung, die nicht nur narrativ,
sondern auch politisch lesbar ist: als Aneignung von Handlungsmacht
innerhalb eines Systems, das Frauen systematisch entmündigt.
Auch wenn der Film nicht konsequent den Weg in die völlige Camp-Überzeichnung
geht, liegt seine Stärke gerade in dieser kontrollierten Balance.
Feig interessiert sich weniger für den maximalen Tabubruch als
für die präzise Freilegung sozialer Dynamiken. Die feministischen
Implikationen ergeben sich dabei nicht aus programmatischen Statements,
sondern aus der konsequenten Fokussierung auf weibliche Erfahrung,
Rivalität und mögliche Allianzen. So erweist sich „The
Housemaid – Wenn sie wüsste“ als intelligenter, unterhaltsamer
und überraschend vielschichtiger Thriller, der das Subgenre des
Vorstadt-Dramas nutzt, um Fragen nach weiblicher Selbstbestimmung,
Klassenmacht und emotionaler Arbeit zu verhandeln. In seiner besten
Form ist der Film weniger eine Geschichte über böse Individuen
als eine über strukturelle Gewalt – und gerade darin liegt
seine nachhaltige, feministische Relevanz.
THE HOUSEMAID - WENN SIE WÜSSTE
Start:
15.01.26 | FSK 12
R: Paul Feig | D: Sydney Sweeney, Amanda Seyfried, Brandon Sklenar
USA 2025 | LEONINE