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KINO | 07.01.2026

EIN EINFACHER UNFALL

Ein Thriller als moralisches Gedankenexperiment: Jafar Panahis „Ein einfacher Unfall“ verhandelt Rache, Schuld und Vergebung im Schatten gesellschaftlicher Zerrissenheit. Daraus entsteht ein Film von ethischer Schärfe, der weniger Antworten gibt als unbequeme Fragen stellt. Ein diskursives Kino der Ambivalenz, das die Zukunft einer Gesellschaft im Übergang reflektiert.

von Richard-Heinrich Tarenz


© LES FILMS PELLEAS

Mit „Ein einfacher Unfall“, der am 08. Januar in den Kinos startet, legt Jafar Panahi einen Film vor, der sich weniger durch formale Radikalität als durch seine politische und moralische Schwere präsentiert – und zugleich irritiert. Nach fast zwei Jahrzehnten der Repression, des Arbeitsverbots, der Haft und der erzwungenen Selbstinszenierung vor der Kamera kehrt Panahi erstmals wieder in jene Position zurück, die ihm lange verwehrt war: ausschließlich hinter die Kamera. Diese Abwesenheit ist keine bloße biografische Fußnote, sondern bildet das strukturelle Zentrum des Films. „Ein einfacher Unfall“ ist ein Werk, das aus der wiedergewonnenen Freiheit geboren wurde – und gerade darin seine größten Stärken, aber auch seine auffälligsten Schwächen offenbart. Formal präsentiert sich der Film als Thriller, dessen Ausgangspunkt ebenso banal wie folgenreich ist. Ein nächtlicher Verkehrsunfall, ein totes Tier auf der Straße, ein beschädigtes Auto – und aus diesem Alltäglichen entfaltet sich eine Eskalation, die rasch in existenzielle Bereiche vordringt. Panahi nutzt das Auto erneut als zentralen Handlungsraum, ein Motiv, das im iranischen Kino traditionell für Bewegung, Selbstbestimmung und flüchtige Freiheit steht. Hier jedoch wird das Fahrzeug weniger zum Ort der Emanzipation als zum mobilen Tribunal: ein geschlossener Raum, in dem Vergangenheit, Schuld und moralische Verantwortung unentrinnbar aufeinanderprallen. Die narrative Konstruktion folgt einem klaren, beinahe mechanischen Prinzip. Ein Mann glaubt, in einem Familienvater seinen früheren Peiniger zu erkennen, der ihn im Gefängnis misshandelt hat. Aus dieser vermeintlichen Wiedererkennung entwickelt sich eine kollektive Entscheidungsfindung unter ehemaligen Opfern. Panahi inszeniert diesen Prozess als eine Abfolge von Diskussionen, Zweifeln und moralischen Abwägungen, die sich zunehmend zuspitzen. Der Thriller speist seine Spannung weniger aus physischer Bedrohung als aus der Ungewissheit: Was, wenn der Verdacht falsch ist? Und was, wenn er richtig ist? Gerade hier zeigt sich Panahis analytische Stärke.


© LES FILMS PELLEAS

„Ein einfacher Unfall“ ist kein Film der schnellen Antworten, sondern einer der konkurrierenden Positionen. Rache und Vergebung stehen nicht als abstrakte Konzepte nebeneinander, sondern als existenzielle Optionen, die jede Figur anders gewichtet. Panahi vermeidet eindeutige moralische Hierarchien und lässt sichtbar werden, wie brüchig Solidarität unter den Opfern sein kann, sobald sie mit realer Macht konfrontiert wird – selbst in der minimalen Form, die eine mögliche Entscheidung über Leben und Tod darstellt. Gleichzeitig jedoch gerät diese moralische Offenheit stellenweise zur dramaturgischen Last. Der Film neigt dazu, seine zentralen Fragen mehrfach zu umkreisen, ohne sie narrativ weiterzuentwickeln. Besonders in den absurd-komödiantischen Einschüben – etwa bei Begegnungen mit Sicherheitskräften oder in einem ausgedehnten Nebenstrang rund um einen Krankenhausaufenthalt – droht die erzählerische Konzentration zu zerfasern. Diese Szenen sind formal präzise inszeniert und tragen zweifellos zur Tonvielfalt des Films bei, doch sie wirken nicht immer organisch in den ethischen Kern integriert. Statt Spannung zu verdichten, unterbrechen sie diese bisweilen unnötig. Am eindrücklichsten ist „Ein einfacher Unfall“ dort, wo Panahi auf visuelle Ausgestaltung verzichtet. Die Schilderungen der erlittenen Qualen – rein verbal, ohne Rückblenden oder illustrative Bilder – gehören zu den stärksten Momenten des Films. Hier vertraut Panahi konsequent auf die Vorstellungskraft des Publikums und erreicht eine Intensität, die jede explizite Darstellung übertreffen würde. Diese Zurückhaltung verleiht dem Film eine moralische Gravitas, die weit über seine Genrezuordnung hinausgeht. Ästhetisch bleibt Panahi bewusst unspektakulär. Die Kamera arbeitet funktional, oft zurückhaltend, gelegentlich fast dokumentarisch. Diese Nüchternheit unterstreicht den Anspruch des Films, weniger emotional zu überwältigen als intellektuell herauszufordern. Doch genau darin liegt auch eine gewisse Trockenheit. „Ein einfacher Unfall“ ist weniger ein sinnlich erfahrbares Kinoerlebnis als ein diskursiver Raum, ein filmisches Gedankenexperiment. Wer emotionale Identifikation sucht, wird hier bewusst auf Distanz gehalten.


EIN EINFACHER UNFALL

Start: 08.01.26 | FSK 16
R: Jafar Panahi | D: Vahid Mobasseri, Mariam Afshari, Ebrahim Azizi
Frankreich, Luxemburg, Iran 2025 | MUBI


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