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KINO | 07.01.2026

SONG SUNG BLUE

Zwischen Tribute-Show und Existenzdrama entfaltet „Song Sung Blue“ ein präzises Porträt populärer Kultur jenseits von Ironie und Glamour. Der Film liest sich als humanistische Studie über Würde, Beharrlichkeit und die fragile Ökonomie des Erfolgs in den kulturellen Randzonen. Ein einfühlsames Kinoereignis, das Authentizität nicht im Original, sondern im leidenschaftlichen Wiederholen verortet.

von Richard-Heinrich Tarenz


© 2025 Focus Features, LLC. All Rights Reserved.

Mit „Song Sung Blue“ gelingt Regisseur Craig Brewer ein ebenso warmherziges wie überraschend vielschichtiges Porträt amerikanischer Unterhaltungskultur jenseits des Glamours – ein Film, der am 08. Januar in den Kinos startet und seine Kraft gerade aus der liebevollen Aufmerksamkeit für das vermeintlich Kleine, Randständige und Belächelte bezieht. Was auf den ersten Blick wie ein klassisches Feelgood-Biopic über eine schrullige Tribute-Band anmutet, entfaltet sich rasch als präzise Beobachtung von Hoffnung, Verletzlichkeit und der existenziellen Sehnsucht nach Anerkennung. Im Zentrum stehen Mike und Claire Sardina, ein Ehepaar aus Milwaukee, das in den 1990er-Jahren mit einem Neil-Diamond-Tribute-Act lokale Berühmtheit erlangte. Hugh Jackman und Kate Hudson verkörpern diese Figuren nicht als ironische Karikaturen, sondern als Menschen, deren Lebensentwürfe von Brüchen, Umwegen und wiederholten Rückschlägen geprägt sind. Brewer interessiert sich weniger für den skurrilen Oberflächenreiz dieser Geschichte als für die emotionale Ökonomie dahinter: für das fragile Gleichgewicht zwischen Selbstbehauptung und Selbsttäuschung, zwischen Bühnenlicht und privater Ernüchterung. Damit verschiebt der Film den Blick konsequent vom belächelten Spektakel hin zur empathischen Teilhabe. Formal bewegt sich „Song Sung Blue“ souverän zwischen Musikfilm, Beziehungsdrama und Milieustudie. Die Inszenierung verzichtet auf satirische Brechungen und entscheidet sich stattdessen für einen Ton der Aufrichtigkeit, der bemerkenswert risikofreudig ist. Gerade weil Ironie und Distanz fehlen, entsteht eine emotionale Direktheit, die den Film angreifbar, aber auch ungewöhnlich berührend macht. Brewer inszeniert die Auftritte der Tribute-Künstler nicht als bloße Showeinlagen, sondern als fragile Momente der Selbstvergewisserung: Bühne wird hier zum Schutzraum, zur Projektionsfläche für Würde und Durchhaltewillen. Hugh Jackman beeindruckt in der Rolle des Mike durch eine kontrollierte Gratwanderung zwischen Überzeichnung und innerer Zerrissenheit. Seine Performance macht glaubhaft, dass dieser Mann musikalisches Talent besitzt, ohne je den Anspruch zu erheben, im Zentrum der Popgeschichte zu stehen.


© 2025 Focus Features, LLC. All Rights Reserved.

Die Figur ist geprägt von biografischen Lasten – Kriegserfahrungen, Sucht, soziale Marginalisierung –, die der Film nicht melodramatisch ausstellt, sondern behutsam in Gesten und Zwischentönen sichtbar macht. Kate Hudson wiederum verleiht Claire eine kraftvolle Ambivalenz: Sie ist zugleich Stütze, Mitstreiterin und eigenständige Künstlerin, deren Identität nicht vollständig im gemeinsamen Projekt aufgeht. Besonders bemerkenswert ist, dass der Film weibliche Ambitionen nicht dem romantischen Narrativ unterordnet, sondern als gleichwertige, oft widersprüchliche Energie anerkennt. Auch in der Figurenzeichnung des erweiterten Ensembles zeigt sich die Stärke der Inszenierung. Die Welt der Tribute-Künstler erscheint als eigenes, in sich geschlossenes Ökosystem – ein Paralleluniversum der Popgeschichte, in dem Aneignung nicht als Betrug, sondern als leidenschaftliche Praxis verstanden wird. Hier wird kulturelles Erbe nicht museal verwaltet, sondern performativ weitergetragen. In diesem Sinne lässt sich „Song Sung Blue“ auch als Reflexion über Authentizität lesen: Der Film behauptet nicht, dass Originalität zwingend an Innovation gebunden ist, sondern zeigt, wie sehr auch Wiederholung, Hingabe und Präzision Formen künstlerischer Wahrhaftigkeit sein können. Narrativ überrascht der Film durch eine Struktur, die wiederholt Erwartungen unterläuft. Auf Aufstiege folgen abrupte Abstürze, auf Euphorie Momente existenzieller Erschöpfung. Diese Volatilität verleiht dem Film eine emotionale Dynamik, die weit über das übliche Wohlfühlkino hinausgeht. Dass Song Sung Blue dennoch nicht zynisch wird, liegt an seinem humanistischen Grundton: Die Geschichte glaubt an die Würde des Scheiterns und an die Möglichkeit, im Weitermachen selbst Sinn zu finden. So erweist sich „Song Sung Blue“ als ein Film, der leise, aber nachhaltig wirkt. Er feiert nicht den großen Erfolg, sondern die Beharrlichkeit; nicht den Mythos des Stars, sondern die Realität derjenigen, die im Schatten der Ikonen leben. In seiner respektvollen, empathischen Perspektive auf diese Lebensentwürfe liegt seine größte Stärke. Ein Film, der unterhält, berührt und zugleich eine kluge Analyse populärer Kultur liefert – und damit weit mehr ist als eine nostalgische Musikgeschichte.


SONG SUNG BLUE

Start: 08.01.26 | FSK 12
R: Craig Brewer | D: Hugh Jackman, Kate Hudson, Ella Anderson
USA 2025 | Universal Pictures Germany


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