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KINO | 07.01.2026

RENTAL FAMILY

„Rental Family“ entwirft ein sanft verstörendes Panorama moderner Einsamkeit zwischen Performance und Bedürftigkeit. Der Film verhandelt emotionale Stellvertretung als Ware – und Kino selbst als Akt des Trostes. Ein leiser, humanistischer Blick auf Nähe, die gespielt ist, und Gefühle, die dennoch wahr werden.

von Richard-Heinrich Tarenz


© 2025 Searchlight Pictures. All rights reserved.

Mit „Rental Family“, der am 08. Januar in den Kinos startet, legt Regisseurin Hikari ein ebenso zugängliches wie vielschichtiges Werk vor, das sich an der Schnittstelle von Komödie, Melodram und kultursoziologischer Beobachtung bewegt. Im Zentrum steht eine Idee, die zunächst kurios, beinahe verspielt wirkt, bei näherer Betrachtung jedoch eine bemerkenswerte analytische Tiefe entfaltet: die Vermietung von Beziehungen als professionelle Dienstleistung. Der Film nutzt dieses real existierende japanische Phänomen nicht nur als erzählerischen Motor, sondern auch als Spiegel für ein Publikum, das selbst im Kino nach emotionaler Bestätigung sucht. Brendan Fraser verkörpert Phillip, einen gescheiterten amerikanischen Schauspieler in Tokio, dessen berufliche Existenz zwischen belanglosen Castings und einem peinlich-banalen Werbeauftritt oszilliert. Fraser gestaltet diese Figur mit jener verletzlichen Offenheit, die sein spätes Schauspielwerk auszeichnet: Phillip ist weniger aktiv Handelnder als tastender Beobachter, ein Mann, der sich durch urbane Räume treiben lässt und dabei unmerklich zum Resonanzkörper fremder Bedürfnisse wird. Seine Körperlichkeit – leicht schlurfend, stets ein wenig zu spät, nie ganz verankert – fungiert als visuelle Metapher einer existenziellen Ortlosigkeit, die Hikari mit ruhigen, aufmerksam komponierten Stadtbildern Tokios einfängt. Die Welt der „Rental Families“ öffnet sich Phillip zunächst beiläufig, fast absurd: als bezahlter Trauergast bei einer fingierten Beerdigung, die sich rasch als performativer Scherz entpuppt. Diese Szene markiert programmatisch den Ton des Films. Sie etabliert eine Realität, in der Authentizität nicht länger an Wahrheit gebunden ist, sondern an Wirkung. Gefühle müssen nicht echt sein, um zu funktionieren – sie müssen nur glaubhaft inszeniert werden. „Rental Family“ entfaltet aus dieser Prämisse eine Reihe episodischer Begegnungen, die jeweils unterschiedliche Spielarten emotionaler Stellvertretung vorführen. Phillip wird zum Freund auf Zeit, zum Bewunderer eines alternden Schauspielers, zum Ehemann in einer simulierten Beziehung, schließlich sogar zur Vaterfigur. Jede dieser Rollen verweist auf eine Leerstelle, die nicht gefüllt, sondern temporär überdeckt wird.


© 2025 Searchlight Pictures. All rights reserved.

Bemerkenswert ist dabei, dass der Film diese Konstruktionen nicht zynisch demaskiert. Im Gegenteil: Hikari inszeniert sie mit großer Wärme und einem fast demonstrativen Wohlwollen gegenüber allen Beteiligten. Die gemieteten Beziehungen erscheinen als fragile, aber funktionierende Arrangements, die Einsamkeit lindern, ohne sie aufzulösen. Gerade hierin liegt die pädagogische wie filmästhetische Raffinesse des Werks. „Rental Family“ argumentiert nicht, sondern affiziert. Die Kamera verweilt auf Gesichtern, auf kleinen Gesten, auf Momenten der Verlegenheit oder des vorsichtigen Glücks. Besonders Mari Yamamoto hinterlässt als erfahrene Kollegin im Mietgeschäft einen nachhaltigen Eindruck: Ihre Auftritte, so knapp sie auch bemessen sind, öffnen einen Blick auf die geschlechtsspezifischen Zumutungen dieser emotionalen Ökonomie und verleihen dem Film eine zusätzliche soziale Dimension. Gleichzeitig reflektiert „Rental Family“ subtil seine eigene Künstlichkeit. Die episodische Struktur, die bewusst fragmentarische Erzählweise und die gelegentlich überpointierten, fast zu süßen Momente lassen sich auch als Selbstkommentar lesen: Das Werk weiß um seine Nähe zur Gefühlsmanipulation und scheut sich nicht, diese Nähe offenzulegen. Wenn der Film Phillip dabei folgt, wie er zunehmend selbst in die Logik der gespielten Nähe hineingezogen wird, richtet sich der Blick unweigerlich auf das Publikum. Auch hier wird Nähe simuliert, Trost angeboten, Identifikation erzeugt – auf Zeit. Dass „Rental Family“ Konflikte eher streift als auslotet, erweist sich weniger als Schwäche denn als bewusste ästhetische Entscheidung. Der Film interessiert sich nicht für moralische Urteile, sondern für atmosphärische Wahrheiten. Er beobachtet eine Gegenwart, in der emotionale Bedürfnisse marktförmig organisiert werden, ohne diese Entwicklung zu verdammen. Stattdessen entfaltet er ein humanistisches Plädoyer für Empathie unter prekären Bedingungen. So wird „Rental Family“ zu einem stillen, wohltuenden Film über das Spielen von Rollen – im Leben wie im Kino. Ein Werk, das nicht vorgibt, tiefer zu gehen, als es tatsächlich tut, und gerade dadurch eine ehrliche, berührende Reflexion über Nähe, Einsamkeit und die heilende Kraft der Vorstellungskraft ermöglicht.


RENTAL FAMILY

Start: 08.01.26 | FSK 0
R: Mitsuyo Miyazaki | D: Brendan Fraser, Mari Yamamoto, Takehiro Hira
USA, Japan 2025 | Walt Disney Germany


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