„Rental
Family“ entwirft ein sanft verstörendes Panorama moderner
Einsamkeit zwischen Performance und Bedürftigkeit. Der Film verhandelt
emotionale Stellvertretung als Ware – und Kino selbst als Akt
des Trostes. Ein leiser, humanistischer Blick auf Nähe, die gespielt
ist, und Gefühle, die dennoch wahr werden.
Mit
„Rental Family“, der am 08. Januar in den Kinos startet,
legt Regisseurin Hikari ein ebenso zugängliches wie vielschichtiges
Werk vor, das sich an der Schnittstelle von Komödie, Melodram
und kultursoziologischer Beobachtung bewegt. Im Zentrum steht eine
Idee, die zunächst kurios, beinahe verspielt wirkt, bei näherer
Betrachtung jedoch eine bemerkenswerte analytische Tiefe entfaltet:
die Vermietung von Beziehungen als professionelle Dienstleistung.
Der Film nutzt dieses real existierende japanische Phänomen nicht
nur als erzählerischen Motor, sondern auch als Spiegel für
ein Publikum, das selbst im Kino nach emotionaler Bestätigung
sucht. Brendan Fraser verkörpert Phillip, einen gescheiterten
amerikanischen Schauspieler in Tokio, dessen berufliche Existenz zwischen
belanglosen Castings und einem peinlich-banalen Werbeauftritt oszilliert.
Fraser gestaltet diese Figur mit jener verletzlichen Offenheit, die
sein spätes Schauspielwerk auszeichnet: Phillip ist weniger aktiv
Handelnder als tastender Beobachter, ein Mann, der sich durch urbane
Räume treiben lässt und dabei unmerklich zum Resonanzkörper
fremder Bedürfnisse wird. Seine Körperlichkeit – leicht
schlurfend, stets ein wenig zu spät, nie ganz verankert –
fungiert als visuelle Metapher einer existenziellen Ortlosigkeit,
die Hikari mit ruhigen, aufmerksam komponierten Stadtbildern Tokios
einfängt. Die Welt der „Rental Families“ öffnet
sich Phillip zunächst beiläufig, fast absurd: als bezahlter
Trauergast bei einer fingierten Beerdigung, die sich rasch als performativer
Scherz entpuppt. Diese Szene markiert programmatisch den Ton des Films.
Sie etabliert eine Realität, in der Authentizität nicht
länger an Wahrheit gebunden ist, sondern an Wirkung. Gefühle
müssen nicht echt sein, um zu funktionieren – sie müssen
nur glaubhaft inszeniert werden. „Rental Family“ entfaltet
aus dieser Prämisse eine Reihe episodischer Begegnungen, die
jeweils unterschiedliche Spielarten emotionaler Stellvertretung vorführen.
Phillip wird zum Freund auf Zeit, zum Bewunderer eines alternden Schauspielers,
zum Ehemann in einer simulierten Beziehung, schließlich sogar
zur Vaterfigur. Jede dieser Rollen verweist auf eine Leerstelle, die
nicht gefüllt, sondern temporär überdeckt wird.
Bemerkenswert
ist dabei, dass der Film diese Konstruktionen nicht zynisch demaskiert.
Im Gegenteil: Hikari inszeniert sie mit großer Wärme und
einem fast demonstrativen Wohlwollen gegenüber allen Beteiligten.
Die gemieteten Beziehungen erscheinen als fragile, aber funktionierende
Arrangements, die Einsamkeit lindern, ohne sie aufzulösen. Gerade
hierin liegt die pädagogische wie filmästhetische Raffinesse
des Werks. „Rental Family“ argumentiert nicht, sondern
affiziert. Die Kamera verweilt auf Gesichtern, auf kleinen Gesten,
auf Momenten der Verlegenheit oder des vorsichtigen Glücks. Besonders
Mari Yamamoto hinterlässt als erfahrene Kollegin im Mietgeschäft
einen nachhaltigen Eindruck: Ihre Auftritte, so knapp sie auch bemessen
sind, öffnen einen Blick auf die geschlechtsspezifischen Zumutungen
dieser emotionalen Ökonomie und verleihen dem Film eine zusätzliche
soziale Dimension. Gleichzeitig reflektiert „Rental Family“
subtil seine eigene Künstlichkeit. Die episodische Struktur,
die bewusst fragmentarische Erzählweise und die gelegentlich
überpointierten, fast zu süßen Momente lassen sich
auch als Selbstkommentar lesen: Das Werk
weiß um seine Nähe zur Gefühlsmanipulation und scheut
sich nicht, diese Nähe offenzulegen. Wenn der Film Phillip dabei
folgt, wie er zunehmend selbst in die Logik der gespielten Nähe
hineingezogen wird, richtet sich der Blick unweigerlich auf das Publikum.
Auch hier wird Nähe simuliert, Trost angeboten, Identifikation
erzeugt – auf Zeit. Dass „Rental Family“ Konflikte
eher streift als auslotet, erweist sich weniger als Schwäche
denn als bewusste ästhetische Entscheidung. Der Film interessiert
sich nicht für moralische Urteile, sondern für atmosphärische
Wahrheiten. Er beobachtet eine Gegenwart, in der emotionale Bedürfnisse
marktförmig organisiert werden, ohne diese Entwicklung zu verdammen.
Stattdessen entfaltet er ein humanistisches Plädoyer für
Empathie unter prekären Bedingungen. So wird „Rental Family“
zu einem stillen, wohltuenden Film über das Spielen von Rollen
– im Leben wie im Kino. Ein Werk, das nicht vorgibt, tiefer
zu gehen, als es tatsächlich tut, und gerade dadurch eine ehrliche,
berührende Reflexion über Nähe, Einsamkeit und die
heilende Kraft der Vorstellungskraft ermöglicht.
RENTAL FAMILY
Start:
08.01.26 | FSK 0
R: Mitsuyo Miyazaki | D: Brendan Fraser, Mari Yamamoto, Takehiro
Hira
USA, Japan 2025 | Walt Disney Germany