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KINO | 21.01.2026

Die progressiven Nostalgiker

Eine Zeitreise ins Herz patriarchaler Gewissheiten: „Die progressiven Nostalgiker“ konfrontiert das bürgerliche Familienidyll der 1950er Jahre mit den „Zumutungen“ feministischer Gegenwart. So entfaltet sich ein kluges Spiel zwischen Komödie, Gesellschaftskritik und feministischer Neubewertung historischer Normalitäten.

von Franziska Keil


© Neue Visionen Filmverleih

Mit „Die progressiven Nostalgiker“, der am 22. Januar in den Kinos startet, legt die Regisseurin Vinciane Millereau ein Spielfilmdebüt vor, das seine scheinbar leichte Prämisse – eine Zeitreise aus den 1950er Jahren in die Gegenwart – für eine vielschichtige Auseinandersetzung mit Geschlechterbildern, familiären Machtverhältnissen und der Trägheit sozialer Normen nutzt. Was zunächst als boulevardeske Komödie über den Kulturschock einer altmodischen Familie beginnt, erweist sich bei genauerer Betrachtung als feministisch grundierte Versuchsanordnung: ein Experiment darüber, wie tief patriarchale Strukturen im Alltäglichen sedimentiert sind – und wie fragil sie werden, sobald sich ihre historischen Voraussetzungen verschieben. Die Familie Dupuis verkörpert zu Beginn eine nahezu museale Form bürgerlicher Nachkriegsordnung. Der Vater als alleiniger Ernährer, die Mutter als unsichtbare Managerin des Haushalts, die Kinder als funktionale Verlängerungen gesellschaftlicher Erwartungshorizonte: Diese Konstellation ist weniger individuell als emblematisch. Der Film zeichnet sie bewusst überdeutlich, fast karikaturesk, um ihre Künstlichkeit freizulegen. Gerade in der Übererfüllung der Rollenbilder wird deren Enge sichtbar – insbesondere für Hélène, deren Existenz sich vollständig in reproduktiver und häuslicher Arbeit erschöpft. Der narrative Katalysator – eine moderne Waschmaschine als verheißungsvolles Symbol technischer Emanzipation – ist dabei alles andere als zufällig gewählt. In der feministischen Filmgeschichte gilt der Haushalt seit jeher als umkämpfter Raum zwischen Befreiung und neuer Disziplinierung. „Die progressiven Nostalgiker“ greift diese Ambivalenz auf, indem die Maschine nicht nur Arbeitserleichterung verspricht, sondern buchstäblich einen Kurzschluss im bestehenden Machtgefüge erzeugt. Der Zeitsprung in die Gegenwart wird so zur logischen Konsequenz eines inneren Konflikts: Hélènes erstmals artikulierter Weigerung, sich widerspruchslos unterzuordnen. In der Gegenwart angekommen, konfrontiert der Film seine Protagonisten nicht bloß mit technischen Neuerungen, sondern mit einer radikal veränderten symbolischen Ordnung. Die Umkehr der Erwerbsverhältnisse – Hélène als beruflich erfolgreiche Frau, Michel als irritierter Anachronismus – bildet dabei das Zentrum der feministischen Lesart. Arbeit fungiert hier nicht nur als ökonomische Kategorie, sondern als Quelle von Selbstdefinition, sozialer Sichtbarkeit und Macht.


© Neue Visionen Filmverleih

Dass Hélène diese Position mit einer Mischung aus Staunen, Skepsis und wachsendem Selbstbewusstsein einnimmt, verleiht dem Film seine leiseste, aber nachhaltigste politische Dimension. Besonders prägnant wird die feministische Perspektive in der Darstellung der Tochter Jeanne. Ihre gleichgeschlechtliche Liebesbeziehung fungiert weniger als Provokation der Gegenwart denn als Spiegel der elterlichen Begrenztheit. Die geplante Hochzeit entlarvt die Nostalgie der Eltern als selektive Verklärung: Was sie als „natürliche Ordnung“ empfinden, erscheint aus heutiger Sicht als repressives Konstrukt. Der Film verzichtet dabei klugerweise auf moralische Überhöhung. Stattdessen zeigt er, wie tief internalisierte Normen selbst dort wirken, wo individuelle Zuneigung vorhanden ist – insbesondere bei Hélène, deren Reaktion zwischen mütterlicher Fürsorge und normativer Gewalt oszilliert. Dass „Die progressiven Nostalgiker“ trotz dieser thematischen Schwere stets seine komödiantische Leichtigkeit bewahrt, ist nicht zuletzt dem Spiel von Elsa Zylberstein und Didier Bourdon zu verdanken. Ihre Figuren sind keine eindimensionalen Reaktionäre, sondern Produkte ihrer Zeit, gefangen zwischen Verlustangst und Anpassungsunfähigkeit. Gerade aus feministischer Perspektive ist diese Ambivalenz von Bedeutung: Der Film begreift Patriarchat nicht als individuelles Fehlverhalten, sondern als historisch gewachsene Struktur, die auch ihre vermeintlichen Profiteure deformiert. Formal bleibt der Film konventionell, erlaubt sich narrative Verkürzungen und verzichtet auf eine tiefere psychologische Ausarbeitung der Nebenfiguren. Doch gerade diese Vereinfachung dient der Argumentation: „Die progressiven Nostalgiker“ ist weniger an realistischer Milieuschilderung interessiert als an der Gegenüberstellung zweier symbolischer Ordnungen. Die daraus entstehenden Brüche, Missverständnisse und Abwehrreaktionen machen sichtbar, wie sehr Fortschritt nicht nur neue Möglichkeiten eröffnet, sondern alte Gewissheiten destabilisiert. So erweist sich der Film letztlich als feministische Komödie im besten Sinne: nicht belehrend, sondern entlarvend; nicht anklagend, sondern analysierend. Indem er Nostalgie als emotionales Rückzugsgefecht begreift, stellt er die entscheidende Frage, die über seinen humorvollen Rahmen hinausweist: Wer profitiert eigentlich von der Sehnsucht nach der „guten alten Zeit“ – und wer musste in ihr schweigen?


DIE PROGRESSIVEN NOSTALGIKER

Start: 22.01.26 | FSK 6
R: Vinciane Millereau | D: Elsa Zylberstein, Didier Bourdon, Mathilde Le Borgne
Frankreich, Belgien 2025 | Neue Visionen


 


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