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KINO | 21.01.2026

LOST HIGHWAY

Ein Alptraum ohne Ausgang: David Lynchs „Lost Highway“ erweist sich als radikale Studie von Identitätszerfall, Schuld und Wahrnehmung jenseits linearer Erzählbarkeit. Anlässlich der Wiederaufführung in der „Best of Cinema“-Reihe wird „Lost Highway“ als sinnliche Kinoerfahrung neu erfahrbar gemacht.

von Richard-Heinrich Tarenz


© StudioCanal

Mit „Lost Highway“ schuf David Lynch 1997 ein Werk, das sich jeder konventionellen Zuschreibung entzieht und bis heute als eine der radikalsten Zumutungen des modernen Autorenkinos gilt. Der Film ist weniger ein erzähltes Geschehen als ein psychischer Zustand, weniger Kriminalgeschichte als ein albtraumhafter Bewusstseinsstrom. Dass dieser Filmklassiker am 03. Februar im Rahmen der „Best of Cinema“-Reihe erneut auf der großen Leinwand zu sehen ist, bietet eine willkommene Gelegenheit, seine ästhetische Sprengkraft und seine nachhaltige Bedeutung für die Filmgeschichte neu zu vermessen. Bereits der Titel verweist programmatisch auf einen Zustand permanenter Bewegung ohne klares Ziel: eine nächtliche Autobahn, gefilmt aus subjektiver Perspektive, hypnotisch, endlos, von Angelo Badalamentis Sounddesign durchzogen. „Lost Highway“ ist Kino als Desorientierungserfahrung. Lynch verweigert seinem Publikum bewusst die narrative Sicherheit, die klassische Genreformate versprechen, und ersetzt sie durch eine Struktur der Wiederholung, Spiegelung und Identitätsauflösung. Der Film beginnt scheinbar als düsterer Neo-Noir um den Jazzmusiker Fred Madison, der mit anonymen Videokassetten terrorisiert wird, die sein eigenes Haus zeigen – und schließlich ihn selbst. Doch diese Ausgangssituation zerfällt im Verlauf des Films und transformiert sich in eine zweite, scheinbar unabhängige Erzählung, die sich zunehmend als deformierte Spiegelung der ersten erweist. Zentral für die Analyse von „Lost Highway“ ist Lynchs radikale Infragestellung stabiler Identität. Der abrupte Identitätswechsel von Fred Madison zu dem jungen Automechaniker Pete Dayton ist kein narrativer Trick, sondern Ausdruck einer psychischen Spaltung. Der Film lässt sich als filmische Studie der dissoziativen Wahrnehmung lesen: Schuld, Begehren und Gewalt werden nicht verarbeitet, sondern verdrängt – und kehren in anderer Gestalt zurück. In dieser Hinsicht steht „Lost Highway“ in einer Linie mit Lynchs späterem „Mulholland Drive“, doch wirkt er roher, aggressiver, weniger versöhnlich. Wo „Mulholland Drive“ noch eine melancholische Elegie auf das Scheitern von Träumen ist, gleicht „Lost Highway“ einer paranoiden Endlosschleife ohne Aussicht auf Erlösung. Formal markiert der Film einen entscheidenden Punkt in der Entwicklung des postklassischen Erzählkinos. Lynch verabschiedet sich endgültig von linearer Kausalität und etabliert eine Logik des Unbewussten, die stärker von Assoziation als von Motivation bestimmt ist. Räume sind instabil, Zeit ist zyklisch, Figuren sind Projektionen innerer Zustände.


© StudioCanal

Die ikonische Figur des „Mystery Man“ fungiert dabei weniger als Antagonist denn als Manifestation eines allwissenden, unheimlichen Bewusstseins – eine filmische Verkörperung des Blicks, der alles sieht und nichts erklärt. Dass dieser Blick direkt in die Kamera gerichtet wird, gehört zu den nachhaltig verstörenden Momenten der Filmgeschichte. Auch ästhetisch erweist sich „Lost Highway“ als wegweisend. Peter Demings Kameraarbeit taucht den Film in ein kaltes, metallisches Dunkel, das den urbanen Raum in eine psychische Landschaft verwandelt. Licht wird nicht zur Aufklärung eingesetzt, sondern zur Verschleierung; Schatten dominieren, Gesichter verschwinden im Schwarz. Der Soundtrack – eine aggressive Mischung aus Badalamentis Score, Industrial, Noise und Rock – bricht bewusst mit der Idee musikalischer Untermalung und wird selbst zum Angriff auf die Sinne. Diese Verbindung von Bild und Klang hat das Kino der späten 1990er und frühen 2000er Jahre nachhaltig beeinflusst, von der Ästhetik des Musikvideos bis hin zum experimentellen Genre- und Arthousekino. Filmhistorisch markiert „Lost Highway“ einen Wendepunkt: Er ist ein Schlüsselwerk des sogenannten „Mindfuck Cinema“, lange bevor dieser Begriff populär wurde. Filme, die mit fragmentierten Identitäten, unzuverlässigem Erzählen und subjektiver Realität operieren, verdanken Lynch hier entscheidende Impulse. Zugleich behauptet der Film kompromisslos die Autonomie des Kinos als Kunstform, die nicht erklären, sondern erfahren lassen will. „Lost Highway“ fordert sein Publikum heraus, sich dem Kontrollverlust auszusetzen – ein Ansatz, der in einer zunehmend auf Verständlichkeit und Marktfähigkeit ausgerichteten Filmlandschaft heute radikaler wirkt denn je. Die Wiederaufführung am 03. Februar im Rahmen der „Best of Cinema“-Reihe ist daher mehr als nostalgische Rückschau. Sie ist eine Einladung, „Lost Highway“ erneut als das zu erleben, was er immer war: ein filmischer Ausnahmezustand, der sich der Vereinnahmung entzieht und gerade darin seine Größe entfaltet. Auf der großen Leinwand, im dunklen Kinosaal, gewinnt Lynchs Werk jene körperliche Intensität zurück, die es braucht, um seine volle Wirkung zu entfalten. „Lost Highway“ ist kein Film, den man „versteht“. Er ist ein Film, dem man sich aussetzt. Seine Bedeutung für die Filmgeschichte liegt genau in dieser radikalen Haltung: im Vertrauen darauf, dass Kino mehr sein kann als Erzählung – nämlich ein Raum, in dem das Unbewusste sichtbar wird und Gewissheiten zerfallen. In einer Zeit, in der vieles erklärt, eingeordnet und entschärft wird, wirkt dieser Film noch immer wie ein Schlag ins Dunkel. Und das ist sein bleibendes Verdienst.


LOST HIGHWAY

Wiederaufführungstermin: 03.02.26
R: David Lynch | D: Bill Pullman, Patricia Arquette, Balthazar Getty
Frankreich, USA 1997 | StudioCanal Deutschland


 


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