Ein Alptraum
ohne Ausgang: David Lynchs „Lost Highway“ erweist sich
als radikale Studie von Identitätszerfall, Schuld und Wahrnehmung
jenseits linearer Erzählbarkeit. Anlässlich der Wiederaufführung
in der „Best of Cinema“-Reihe wird „Lost Highway“
als sinnliche Kinoerfahrung neu erfahrbar gemacht.
Mit
„Lost Highway“ schuf David Lynch 1997 ein Werk, das sich
jeder konventionellen Zuschreibung entzieht und bis heute als eine
der radikalsten Zumutungen des modernen Autorenkinos gilt. Der Film
ist weniger ein erzähltes Geschehen als ein psychischer Zustand,
weniger Kriminalgeschichte als ein albtraumhafter Bewusstseinsstrom.
Dass dieser Filmklassiker am 03. Februar im Rahmen der „Best
of Cinema“-Reihe erneut auf der großen Leinwand zu sehen
ist, bietet eine willkommene Gelegenheit, seine ästhetische Sprengkraft
und seine nachhaltige Bedeutung für die Filmgeschichte neu zu
vermessen. Bereits der Titel verweist programmatisch auf einen Zustand
permanenter Bewegung ohne klares Ziel: eine nächtliche Autobahn,
gefilmt aus subjektiver Perspektive, hypnotisch, endlos, von Angelo
Badalamentis Sounddesign durchzogen. „Lost Highway“ ist
Kino als Desorientierungserfahrung. Lynch verweigert seinem Publikum
bewusst die narrative Sicherheit, die klassische Genreformate versprechen,
und ersetzt sie durch eine Struktur der Wiederholung, Spiegelung und
Identitätsauflösung. Der Film beginnt scheinbar als düsterer
Neo-Noir um den Jazzmusiker Fred Madison, der mit anonymen Videokassetten
terrorisiert wird, die sein eigenes Haus zeigen – und schließlich
ihn selbst. Doch diese Ausgangssituation zerfällt im Verlauf
des Films und transformiert sich in eine zweite, scheinbar unabhängige
Erzählung, die sich zunehmend als deformierte Spiegelung der
ersten erweist. Zentral für die Analyse von „Lost Highway“
ist Lynchs radikale Infragestellung stabiler Identität. Der abrupte
Identitätswechsel von Fred Madison zu dem jungen Automechaniker
Pete Dayton ist kein narrativer Trick, sondern Ausdruck einer psychischen
Spaltung. Der Film lässt sich als filmische Studie der dissoziativen
Wahrnehmung lesen: Schuld, Begehren und Gewalt werden nicht verarbeitet,
sondern verdrängt – und kehren in anderer Gestalt zurück.
In dieser Hinsicht steht „Lost Highway“ in einer Linie
mit Lynchs späterem „Mulholland Drive“, doch wirkt
er roher, aggressiver, weniger versöhnlich. Wo „Mulholland
Drive“ noch eine melancholische Elegie auf das Scheitern von
Träumen ist, gleicht „Lost Highway“ einer paranoiden
Endlosschleife ohne Aussicht auf Erlösung. Formal markiert der
Film einen entscheidenden Punkt in der Entwicklung des postklassischen
Erzählkinos. Lynch verabschiedet sich endgültig von linearer
Kausalität und etabliert eine Logik des Unbewussten, die stärker
von Assoziation als von Motivation bestimmt ist. Räume sind instabil,
Zeit ist zyklisch, Figuren sind Projektionen innerer Zustände.
Die
ikonische Figur des „Mystery Man“ fungiert dabei weniger
als Antagonist denn als Manifestation eines allwissenden, unheimlichen
Bewusstseins – eine filmische Verkörperung des Blicks,
der alles sieht und nichts erklärt. Dass dieser Blick direkt
in die Kamera gerichtet wird, gehört zu den nachhaltig verstörenden
Momenten der Filmgeschichte. Auch ästhetisch erweist sich „Lost
Highway“ als wegweisend. Peter Demings Kameraarbeit taucht den
Film in ein kaltes, metallisches Dunkel, das den urbanen Raum in eine
psychische Landschaft verwandelt. Licht wird nicht zur Aufklärung
eingesetzt, sondern zur Verschleierung; Schatten dominieren, Gesichter
verschwinden im Schwarz. Der Soundtrack – eine aggressive Mischung
aus Badalamentis Score, Industrial, Noise und Rock – bricht
bewusst mit der Idee musikalischer Untermalung und wird selbst zum
Angriff auf die Sinne. Diese Verbindung von Bild und Klang hat das
Kino der späten 1990er und frühen 2000er Jahre nachhaltig
beeinflusst, von der Ästhetik des Musikvideos bis hin zum experimentellen
Genre- und Arthousekino. Filmhistorisch markiert „Lost Highway“
einen Wendepunkt: Er ist ein Schlüsselwerk des sogenannten „Mindfuck
Cinema“, lange bevor dieser Begriff populär wurde. Filme,
die mit fragmentierten Identitäten, unzuverlässigem Erzählen
und subjektiver Realität operieren, verdanken Lynch hier entscheidende
Impulse. Zugleich behauptet der Film kompromisslos die Autonomie des
Kinos als Kunstform, die nicht erklären, sondern erfahren lassen
will. „Lost Highway“ fordert sein Publikum heraus, sich
dem Kontrollverlust auszusetzen – ein Ansatz, der in einer zunehmend
auf Verständlichkeit und Marktfähigkeit ausgerichteten Filmlandschaft
heute radikaler wirkt denn je. Die Wiederaufführung am 03. Februar
im Rahmen der „Best of Cinema“-Reihe ist daher mehr als
nostalgische Rückschau. Sie ist eine Einladung, „Lost Highway“
erneut als das zu erleben, was er immer war: ein filmischer Ausnahmezustand,
der sich der Vereinnahmung entzieht und gerade darin seine Größe
entfaltet. Auf der großen Leinwand, im dunklen Kinosaal, gewinnt
Lynchs Werk jene körperliche Intensität zurück, die
es braucht, um seine volle Wirkung zu entfalten. „Lost Highway“
ist kein Film, den man „versteht“. Er ist ein Film, dem
man sich aussetzt. Seine Bedeutung für die Filmgeschichte liegt
genau in dieser radikalen Haltung: im Vertrauen darauf, dass Kino
mehr sein kann als Erzählung – nämlich ein Raum, in
dem das Unbewusste sichtbar wird und Gewissheiten zerfallen. In einer
Zeit, in der vieles erklärt, eingeordnet und entschärft
wird, wirkt dieser Film noch immer wie ein Schlag ins Dunkel. Und
das ist sein bleibendes Verdienst.
LOST HIGHWAY
Wiederaufführungstermin:
03.02.26
R: David Lynch | D: Bill Pullman, Patricia Arquette, Balthazar Getty
Frankreich, USA 1997 | StudioCanal Deutschland