Park
Chan-wooks „No Other Choice“ seziert mit schwarzem Humor
und formaler Präzision die Ideologie neoliberaler Alternativlosigkeit.
Zwischen Familienkrise, brüchiger Männlichkeit und ökonomischer
Gewalt entfaltet sich ein vielschichtiges Gesellschaftspanorama. Ein
verstörend kluger Film über den Moment, in dem Systemlogik
zur existenziellen Falle wird.
Mit
„No Other Choice“ legt Park Chan-wook einen Film vor,
der seine bekannte formale Souveränität mit einer präzisen,
bitteren Gesellschaftsdiagnose verbindet. Der am 05. Februar startende
Kinofilm tarnt sich zunächst als schwarzhumorige Genreübung,
um sich schrittweise zu einem vielschichtigen Porträt ökonomischer
Entfremdung, brüchiger Männlichkeit und neoliberaler Alternativlosigkeit
zu verdichten. Dabei beweist Park einmal mehr seine Fähigkeit,
erzählerische Volten, groteske Zuspitzungen und psychologische
Abgründe in eine ebenso elegante wie beunruhigende Gesamtkomposition
zu überführen. Im Zentrum steht You Man-su, ein Mann, dessen
Identität vollständig an seine Rolle als Ernährer geknüpft
ist. Der Verlust seines Arbeitsplatzes trifft ihn nicht nur materiell,
sondern existenziell. Park inszeniert diese Zäsur nicht als lauten
Zusammenbruch, sondern als schleichende Implosion: Die Unfähigkeit,
die eigene Kränkung sprachlich zu fassen, führt zu einem
radikalen Handlungsimpuls, der sich aus der Logik eines Systems speist,
das Verantwortung individualisiert und strukturelle Gewalt unsichtbar
macht. Man-sus mörderischer Plan erscheint dabei weniger als
Wahnsinnstat denn als monströse Konsequenz eines Denkens, das
Konkurrenz, Effizienz und Verwertbarkeit absolut setzt. Die gesellschaftskritische
Schärfe des Films liegt gerade in dieser Verschiebung. Park verweigert
die simple Lesart des Serienkillerfilms und unterläuft konsequent
die Erwartungen an narrative Stringenz und moralische Eindeutigkeit.
Der Protagonist wird nicht zum funktionierenden Vollstrecker seines
Plans, sondern bleibt stecken – in Erinnerungen, in familiären
Verwerfungen, in körperlichen Symptomen.
Das
Haus, das zugleich Heimat und Schuldenfalle ist, erweist sich als
Speicher verdrängter Traumata und macht deutlich, dass die gegenwärtige
Krise tief in die Vergangenheit zurückreicht. Ökonomische
Prekarität und psychische Verwundung sind hier unauflöslich
miteinander verschränkt. Besonders eindrucksvoll ist die Darstellung
der Familie als Resonanzraum gesellschaftlicher Zumutungen. Die Ehe
wird zum Ort unausgesprochener Machtkämpfe, der weibliche Wiedereinstieg
ins Berufsleben zum Auslöser männlicher Kränkungsfantasien.
Parks Inszenierung entlarvt dabei die Fragilität eines Männlichkeitsideals,
das sich ausschließlich über Erwerbsarbeit definiert und
jede Abweichung als Demütigung erlebt. Der
Körper des Protagonisten reagiert symptomatisch: Schmerzen, Verweigerung,
Obsession. Gesellschaftliche Verhältnisse schreiben sich buchstäblich
in ihn ein. Formal balanciert „No Other Choice“ virtuos
zwischen lakonischer Komik, surrealen Einschüben und präzise
gesetzten Bildmetaphern. Die wiederkehrenden Motive industrieller
Produktion und ökologischer Verwüstung weiten den Blick
vom individuellen Schicksal auf eine globale Perspektive: Automatisierung,
Entmenschlichung und algorithmische Rationalität erscheinen als
Kräfte, die menschliche Handlungsmacht zunehmend zur Farce degradieren.
Parks Film denkt diese Entwicklung nicht didaktisch, sondern in eindringlichen
Bildern, deren Bedeutungsüberschuss lange nachwirkt. So erweist
sich „No Other Choice“ als ein Film von großer intellektueller
Beweglichkeit und politischer Relevanz. Park Chan-wook gelingt eine
böse, komische und zugleich zutiefst beunruhigende Analyse einer
Gesellschaft, die ständig von Alternativlosigkeit spricht –
und gerade dadurch extreme Handlungen hervorbringt. Der Film ist kein
nihilistischer Abgesang, sondern eine präzise, kunstvoll inszenierte
Warnung vor den inneren und äußeren Kosten eines Systems,
das den Menschen auf seine ökonomische Funktion reduziert.
NO OTHER CHOICE
Start:
05.02.26 | FSK 16
R: Park Chan-Wook | D: Lee Byung-Hun, Ye-jin Son, Park Hee-Soon
Südkorea 2025 | Plaion Pictures