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KINO | 28.01.2026

NO OTHER CHOICE

Park Chan-wooks „No Other Choice“ seziert mit schwarzem Humor und formaler Präzision die Ideologie neoliberaler Alternativlosigkeit. Zwischen Familienkrise, brüchiger Männlichkeit und ökonomischer Gewalt entfaltet sich ein vielschichtiges Gesellschaftspanorama. Ein verstörend kluger Film über den Moment, in dem Systemlogik zur existenziellen Falle wird.

von Richard-Heinrich Tarenz


© PLAION PICTURES

Mit „No Other Choice“ legt Park Chan-wook einen Film vor, der seine bekannte formale Souveränität mit einer präzisen, bitteren Gesellschaftsdiagnose verbindet. Der am 05. Februar startende Kinofilm tarnt sich zunächst als schwarzhumorige Genreübung, um sich schrittweise zu einem vielschichtigen Porträt ökonomischer Entfremdung, brüchiger Männlichkeit und neoliberaler Alternativlosigkeit zu verdichten. Dabei beweist Park einmal mehr seine Fähigkeit, erzählerische Volten, groteske Zuspitzungen und psychologische Abgründe in eine ebenso elegante wie beunruhigende Gesamtkomposition zu überführen. Im Zentrum steht You Man-su, ein Mann, dessen Identität vollständig an seine Rolle als Ernährer geknüpft ist. Der Verlust seines Arbeitsplatzes trifft ihn nicht nur materiell, sondern existenziell. Park inszeniert diese Zäsur nicht als lauten Zusammenbruch, sondern als schleichende Implosion: Die Unfähigkeit, die eigene Kränkung sprachlich zu fassen, führt zu einem radikalen Handlungsimpuls, der sich aus der Logik eines Systems speist, das Verantwortung individualisiert und strukturelle Gewalt unsichtbar macht. Man-sus mörderischer Plan erscheint dabei weniger als Wahnsinnstat denn als monströse Konsequenz eines Denkens, das Konkurrenz, Effizienz und Verwertbarkeit absolut setzt. Die gesellschaftskritische Schärfe des Films liegt gerade in dieser Verschiebung. Park verweigert die simple Lesart des Serienkillerfilms und unterläuft konsequent die Erwartungen an narrative Stringenz und moralische Eindeutigkeit. Der Protagonist wird nicht zum funktionierenden Vollstrecker seines Plans, sondern bleibt stecken – in Erinnerungen, in familiären Verwerfungen, in körperlichen Symptomen.


© PLAION PICTURES

Das Haus, das zugleich Heimat und Schuldenfalle ist, erweist sich als Speicher verdrängter Traumata und macht deutlich, dass die gegenwärtige Krise tief in die Vergangenheit zurückreicht. Ökonomische Prekarität und psychische Verwundung sind hier unauflöslich miteinander verschränkt. Besonders eindrucksvoll ist die Darstellung der Familie als Resonanzraum gesellschaftlicher Zumutungen. Die Ehe wird zum Ort unausgesprochener Machtkämpfe, der weibliche Wiedereinstieg ins Berufsleben zum Auslöser männlicher Kränkungsfantasien. Parks Inszenierung entlarvt dabei die Fragilität eines Männlichkeitsideals, das sich ausschließlich über Erwerbsarbeit definiert und jede Abweichung als Demütigung erlebt. Der Körper des Protagonisten reagiert symptomatisch: Schmerzen, Verweigerung, Obsession. Gesellschaftliche Verhältnisse schreiben sich buchstäblich in ihn ein. Formal balanciert „No Other Choice“ virtuos zwischen lakonischer Komik, surrealen Einschüben und präzise gesetzten Bildmetaphern. Die wiederkehrenden Motive industrieller Produktion und ökologischer Verwüstung weiten den Blick vom individuellen Schicksal auf eine globale Perspektive: Automatisierung, Entmenschlichung und algorithmische Rationalität erscheinen als Kräfte, die menschliche Handlungsmacht zunehmend zur Farce degradieren. Parks Film denkt diese Entwicklung nicht didaktisch, sondern in eindringlichen Bildern, deren Bedeutungsüberschuss lange nachwirkt. So erweist sich „No Other Choice“ als ein Film von großer intellektueller Beweglichkeit und politischer Relevanz. Park Chan-wook gelingt eine böse, komische und zugleich zutiefst beunruhigende Analyse einer Gesellschaft, die ständig von Alternativlosigkeit spricht – und gerade dadurch extreme Handlungen hervorbringt. Der Film ist kein nihilistischer Abgesang, sondern eine präzise, kunstvoll inszenierte Warnung vor den inneren und äußeren Kosten eines Systems, das den Menschen auf seine ökonomische Funktion reduziert.


NO OTHER CHOICE

Start: 05.02.26 | FSK 16
R: Park Chan-Wook | D: Lee Byung-Hun, Ye-jin Son, Park Hee-Soon
Südkorea 2025 | Plaion Pictures


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