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KINO | 23.01.2026

MERCY

Ein Thriller über Schuld im Zeitalter der Algorithmen: MERCY verhandelt Gerechtigkeit als Datenproblem. Zwischen Action und Satire entwirft der Film ein beunruhigendes Bild freiwilliger Selbstüberwachung. Seit dem 22. Januar im Kino – als Spiegel einer Zukunft, die längst begonnen hat.

von Richard-Heinrich Tarenz


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Mit MERCY, das am 22. Januar seinen Kinostart feierte, entwirft Timur Bekmambetov ein dystopisches Zukunftsszenario, das weniger als ferne Science-Fiction denn als zugespitzte Fortschreibung gegenwärtiger Tendenzen lesbar ist. Der Film siedelt seine Handlung im Los Angeles des Jahres 2029 an, einer Gesellschaft, die die Rechtsprechung vollständig an ein algorithmisches System delegiert hat. Schuld und Unschuld sind nicht länger Ergebnis menschlicher Abwägung, sondern Resultat datenbasierter Berechnung. In diesem Setting entfaltet MERCY einen spannungsreichen Thriller, der zwischen Satire, Actionkino und gesellschaftlicher Diagnose changiert – und gerade aus dieser Vielschichtigkeit seine Stärken wie auch seine Widersprüche bezieht. Im Zentrum steht Detective Chris Raven, verkörpert von Chris Pratt, der als Aushängeschild einer neuen, vermeintlich effizienten Justiz gilt. Ausgerechnet er wird Opfer jenes Systems, das er zuvor legitimiert hat: Ohne Erinnerung an die Tat findet er sich als Angeklagter im Mordfall seiner eigenen Ehefrau wieder. Innerhalb eines strikt limitierten Zeitfensters muss er mithilfe allgegenwärtiger Überwachungsdaten, digitaler Spuren und institutioneller Kontakte seine Unschuld beweisen – vor einem Gericht, das keinen menschlichen Richter mehr kennt. Die holografische Instanz Judge Maddox, kühl und scheinbar unbestechlich, verkörpert die Verheißung einer objektiven Gerechtigkeit ebenso wie deren unheimliche Kehrseite. Gesellschaftskritisch zielt MERCY auf eine Kultur, die Verantwortung an technologische Systeme auslagert und sich zugleich ihrer eigenen Ohnmacht versichert. Der Film stellt die beunruhigende Frage, was geschieht, wenn Effizienz, Geschwindigkeit und statistische Wahrscheinlichkeit über ethische Reflexion triumphieren. Dabei wird deutlich: Die algorithmische Justiz erscheint weniger als autoritäres Instrument denn als bequem akzeptierter Konsens. Niemand im Film stellt das System grundsätzlich infrage; selbst seine Kritiker operieren innerhalb der vorgegebenen Logik.


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Diese Normalisierung der totalen Überwachung bildet den eigentlichen dystopischen Kern von MERCY. Formal überzeugt der Film durch seine stringente Echtzeitstruktur, die dem Zuschauer kaum Atempausen lässt und die existentielle Bedrängnis der Hauptfigur unmittelbar erfahrbar macht. Bekmambetov inszeniert die Suche nach Wahrheit als Wettlauf gegen die Zeit, in dem Erkenntnis stets fragmentarisch bleibt. Zugleich greift der Film auf bekannte Versatzstücke des paranoiden Thrillers zurück, aktualisiert sie jedoch für ein Zeitalter digitaler Totalprotokollierung. Das klassische Motiv des unschuldig Verfolgten wird hier nicht durch staatliche Willkür, sondern durch algorithmische Plausibilität in Gang gesetzt. Allerdings bleibt MERCY in seiner Analyse nicht durchgängig konsequent. Während der Film die strukturellen Gefahren einer automatisierten Rechtsprechung eindrucksvoll visualisiert, zeigt er sich in seiner Haltung gegenüber künstlicher Intelligenz bemerkenswert nachsichtig. Fehler werden als universelle Eigenschaft – menschlich wie maschinell – relativiert, wodurch sich die Kritik entschärft. Die Eskalation im letzten Akt, die in spektakuläres Actionkino mündet, verschiebt den Fokus zusätzlich von der systemischen Problematik hin zur individuellen Bewährung des Helden. Hier unterläuft der Film ein Stück weit seine eigene gesellschaftliche Schärfe. Dennoch liegt die nachhaltige Wirkung von MERCY weniger in seinen Antworten als in den Fragen, die er aufwirft. Der Film hält seiner Gegenwart einen Spiegel vor, in dem sich die beunruhigende Bereitschaft zur Selbstentmündigung erkennen lässt. Gerechtigkeit erscheint nicht mehr als moralischer Aushandlungsprozess, sondern als Dienstleistung, deren Legitimität aus ihrer technischen Präzision abgeleitet wird. In dieser Hinsicht ist MERCY ein ambivalentes, aber relevantes Werk: ein Thriller, der unterhält, ohne seine Zeitdiagnose vollständig aufzulösen, und gerade darin die Widersprüche einer technologisch gesättigten Gesellschaft sichtbar macht.


DIE PROGRESSIVEN NOSTALGIKER

Start: 22.01.26 | FSK 12
R: Timur Bekmambetov | D: Chris Pratt, Rebecca Ferguson
USA 2025 | Sony Pictures Germany


 


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