Ein Thriller
über Schuld im Zeitalter der Algorithmen: MERCY verhandelt Gerechtigkeit
als Datenproblem. Zwischen Action und Satire entwirft der Film ein
beunruhigendes Bild freiwilliger Selbstüberwachung. Seit dem
22. Januar im Kino – als Spiegel einer Zukunft, die längst
begonnen hat.
Mit
MERCY, das am 22. Januar seinen Kinostart feierte, entwirft Timur
Bekmambetov ein dystopisches Zukunftsszenario, das weniger als ferne
Science-Fiction denn als zugespitzte Fortschreibung gegenwärtiger
Tendenzen lesbar ist. Der Film siedelt seine Handlung im Los Angeles
des Jahres 2029 an, einer Gesellschaft, die die Rechtsprechung vollständig
an ein algorithmisches System delegiert hat. Schuld und Unschuld sind
nicht länger Ergebnis menschlicher Abwägung, sondern Resultat
datenbasierter Berechnung. In diesem Setting entfaltet MERCY einen
spannungsreichen Thriller, der zwischen Satire, Actionkino und gesellschaftlicher
Diagnose changiert – und gerade aus dieser Vielschichtigkeit
seine Stärken wie auch seine Widersprüche bezieht. Im Zentrum
steht Detective Chris Raven, verkörpert von Chris Pratt, der
als Aushängeschild einer neuen, vermeintlich effizienten Justiz
gilt. Ausgerechnet er wird Opfer jenes Systems, das er zuvor legitimiert
hat: Ohne Erinnerung an die Tat findet er sich als Angeklagter im
Mordfall seiner eigenen Ehefrau wieder. Innerhalb eines strikt limitierten
Zeitfensters muss er mithilfe allgegenwärtiger Überwachungsdaten,
digitaler Spuren und institutioneller Kontakte seine Unschuld beweisen
– vor einem Gericht, das keinen menschlichen Richter mehr kennt.
Die holografische Instanz Judge Maddox, kühl und scheinbar unbestechlich,
verkörpert die Verheißung einer objektiven Gerechtigkeit
ebenso wie deren unheimliche Kehrseite. Gesellschaftskritisch zielt
MERCY auf eine Kultur, die Verantwortung an technologische Systeme
auslagert und sich zugleich ihrer eigenen Ohnmacht versichert. Der
Film stellt die beunruhigende Frage, was geschieht, wenn Effizienz,
Geschwindigkeit und statistische Wahrscheinlichkeit über ethische
Reflexion triumphieren. Dabei wird deutlich: Die algorithmische Justiz
erscheint weniger als autoritäres Instrument denn als bequem
akzeptierter Konsens. Niemand im Film stellt das System grundsätzlich
infrage; selbst seine Kritiker operieren innerhalb der vorgegebenen
Logik.
Diese
Normalisierung der totalen Überwachung bildet den eigentlichen
dystopischen Kern von MERCY. Formal überzeugt der Film durch
seine stringente Echtzeitstruktur, die dem Zuschauer kaum Atempausen
lässt und die existentielle Bedrängnis der Hauptfigur unmittelbar
erfahrbar macht. Bekmambetov inszeniert die Suche nach Wahrheit als
Wettlauf gegen die Zeit, in dem Erkenntnis stets fragmentarisch bleibt.
Zugleich greift der Film auf bekannte Versatzstücke des paranoiden
Thrillers zurück, aktualisiert sie jedoch für ein Zeitalter
digitaler Totalprotokollierung. Das klassische Motiv des unschuldig
Verfolgten wird hier nicht durch staatliche Willkür, sondern
durch algorithmische Plausibilität in Gang gesetzt. Allerdings
bleibt MERCY in seiner Analyse nicht durchgängig konsequent.
Während der Film die strukturellen Gefahren einer automatisierten
Rechtsprechung eindrucksvoll visualisiert, zeigt er sich in seiner
Haltung gegenüber künstlicher Intelligenz bemerkenswert
nachsichtig. Fehler werden als universelle Eigenschaft – menschlich
wie maschinell – relativiert, wodurch sich die Kritik entschärft.
Die Eskalation im letzten Akt, die in
spektakuläres Actionkino mündet, verschiebt den Fokus zusätzlich
von der systemischen Problematik hin zur individuellen Bewährung
des Helden. Hier unterläuft der Film ein Stück weit seine
eigene gesellschaftliche Schärfe. Dennoch liegt die nachhaltige
Wirkung von MERCY weniger in seinen Antworten als in den Fragen, die
er aufwirft. Der Film hält seiner Gegenwart einen Spiegel vor,
in dem sich die beunruhigende Bereitschaft zur Selbstentmündigung
erkennen lässt. Gerechtigkeit erscheint nicht mehr als moralischer
Aushandlungsprozess, sondern als Dienstleistung, deren Legitimität
aus ihrer technischen Präzision abgeleitet wird. In dieser Hinsicht
ist MERCY ein ambivalentes, aber relevantes Werk: ein Thriller, der
unterhält, ohne seine Zeitdiagnose vollständig aufzulösen,
und gerade darin die Widersprüche einer technologisch gesättigten
Gesellschaft sichtbar macht.
DIE PROGRESSIVEN NOSTALGIKER
Start:
22.01.26 | FSK 12
R: Timur Bekmambetov | D: Chris Pratt, Rebecca Ferguson
USA 2025 | Sony Pictures Germany