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KINO | 28.01.2026

SABBATICAL

Judith Angerbauer seziert in SABBATICAL die feinen Risse einer Familie im Zustand der Auszeit. Vor winterlicher Mittelmeerkulisse entfaltet sich ein präzises Psychogramm über Nähe, Rollenbilder und verpasste Möglichkeiten. Ein leiser, eindringlicher Debütfilm, der Melancholie in Erkenntnis verwandelt.

von Franziska Keil


© Farbfilm Verleih

Mit SABBATICAL legt Judith Angerbauer ein bemerkenswert reifes Spielfilmdebüt vor, das sich der leisen Erosion familiärer Bindungen widmet und dabei eine seltene formale und emotionale Präzision entfaltet. Der Film, der am 05. Februar im Kino startet, verweigert sich demonstrativ den schnellen Wahrheiten des Beziehungskinos und entwirft stattdessen ein sensibles, vielschichtiges Psychogramm einer Familie, die sich in einer Auszeit verliert, statt in ihr zueinanderzufinden. Bereits die Eröffnungsszene bündelt das zentrale Spannungsfeld des Films: Nähe und Ausschluss, Fürsorge und Entfremdung existieren gleichzeitig und doch unvereinbar nebeneinander. Während Mutter und Tochter in einer fast arkadischen Intimität aufgehen, bleibt der Vater am Rand dieses familiären Mikrokosmos gefangen – körperlich anwesend, geistig jedoch bereits von ökonomischen Verpflichtungen okkupiert. Angerbauer inszeniert diese Konstellation ohne erklärenden Gestus, sondern vertraut auf Blicke, Pausen und räumliche Anordnungen, die mehr über Machtverhältnisse und emotionale Dispositionen verraten als jedes ausgesprochene Wort. Die Entscheidung, die Handlung an die winterliche griechische Mittelmeerküste zu verlegen, erweist sich als ästhetisch wie dramaturgisch hochgradig produktiv. Die Landschaft ist kein eskapistischer Gegenentwurf zum Berliner Alltag, sondern eine Resonanzfläche innerer Kälte. Wind, Felsen und brandende Wellen spiegeln die brüchige Statik der Beziehungen, während das Steinhaus als vermeintlicher Rückzugsort eine Atmosphäre der Enge und Erstarrung erzeugt. Angerbauer nutzt die Topografie nicht illustrativ, sondern als integralen Bestandteil ihrer Figurenzeichnung. Im Zentrum steht ein Paar, dessen Konflikt weniger aus einzelnen Verfehlungen als aus strukturellen Unvereinbarkeiten erwächst.


© Farbfilm Verleih

Der unablässig arbeitende Vater verkörpert eine Form von Leistungsidentität, die selbst im Ausnahmezustand keine Unterbrechung zulässt. Die Mutter hingegen ringt um eine kreative Selbstverortung, die nach einem frühen Erfolg ins Stocken geraten ist. Der Film beschreibt diesen Konflikt nicht als Schuldfrage, sondern als tragische Parallelität zweier Lebensentwürfe, die einander nicht mehr erreichen. Besonders eindrucksvoll ist dabei, wie Angerbauer kreative Arbeit und emotionale Arbeit miteinander verschränkt und deren ungleiche gesellschaftliche Wertschätzung sichtbar macht. Die Erweiterung des Figurenensembles – durch den unkonventionellen Bruder sowie später durch die Eltern des Protagonisten – öffnet den Blick auf transgenerationale Muster. Rollenbilder, Opferhaltungen und unterdrückte Wünsche werden nicht erklärt, sondern in beiläufigen Gesten und Dialogfragmenten freigelegt. Der Film zeigt, wie familiäre Prägungen fortwirken, sich verfestigen und in neuen Konstellationen wiederholen, ohne dabei deterministisch zu argumentieren. Jede Figur bleibt in ihrer Ambivalenz ernst genommen. Formal zeichnet sich SABBATICAL durch eine ruhige, kontrollierte Inszenierung aus, die den Zuschauerinnen und Zuschauern Raum zur eigenen Beobachtung lässt. Angerbauer vermeidet dramaturgische Zuspitzungen zugunsten einer melancholischen Offenheit, in der Vorhersehbares und Überraschendes gleichberechtigt nebeneinanderstehen. Gerade diese Zurückhaltung verleiht dem Film seine emotionale Durchschlagskraft. Das trostvolle Moment, das sich am Ende einstellt, ist kein Auflösen der Konflikte, sondern das Anerkennen von Verletzlichkeit als gemeinsamer Nenner. SABBATICAL ist ein stiller, kluger Film über die Zumutungen von Nähe, die Last unausgesprochener Erwartungen und die Schwierigkeit, sich aus zugeschriebenen Rollen zu lösen. Judith Angerbauer gelingt ein Debüt von großer Sensibilität und formaler Klarheit, das lange nachhallt und seine Figuren mit einer seltenen moralischen Großzügigkeit betrachtet.


SABBATICAL

Start: 05.02.26 | FSK 12
R: Judith Angerbauer | D: Seyneb Saleh, Trystan Pütter, Sebastian Urzendowsky
Deutschland 2024 | Farbfilm


 


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