Judith
Angerbauer seziert in SABBATICAL die feinen Risse einer Familie im
Zustand der Auszeit. Vor winterlicher Mittelmeerkulisse entfaltet
sich ein präzises Psychogramm über Nähe, Rollenbilder
und verpasste Möglichkeiten. Ein leiser, eindringlicher Debütfilm,
der Melancholie in Erkenntnis verwandelt.
Mit
SABBATICAL legt Judith Angerbauer ein bemerkenswert reifes Spielfilmdebüt
vor, das sich der leisen Erosion familiärer Bindungen widmet
und dabei eine seltene formale und emotionale Präzision entfaltet.
Der Film, der am 05. Februar im Kino startet, verweigert sich demonstrativ
den schnellen Wahrheiten des Beziehungskinos und entwirft stattdessen
ein sensibles, vielschichtiges Psychogramm einer Familie, die sich
in einer Auszeit verliert, statt in ihr zueinanderzufinden. Bereits
die Eröffnungsszene bündelt das zentrale Spannungsfeld des
Films: Nähe und Ausschluss, Fürsorge und Entfremdung existieren
gleichzeitig und doch unvereinbar nebeneinander. Während Mutter
und Tochter in einer fast arkadischen Intimität aufgehen, bleibt
der Vater am Rand dieses familiären Mikrokosmos gefangen –
körperlich anwesend, geistig jedoch bereits von ökonomischen
Verpflichtungen okkupiert. Angerbauer inszeniert diese Konstellation
ohne erklärenden Gestus, sondern vertraut auf Blicke, Pausen
und räumliche Anordnungen, die mehr über Machtverhältnisse
und emotionale Dispositionen verraten als jedes ausgesprochene Wort.
Die Entscheidung, die Handlung an die winterliche griechische Mittelmeerküste
zu verlegen, erweist sich als ästhetisch wie dramaturgisch hochgradig
produktiv. Die Landschaft ist kein eskapistischer Gegenentwurf zum
Berliner Alltag, sondern eine Resonanzfläche innerer Kälte.
Wind, Felsen und brandende Wellen spiegeln die brüchige Statik
der Beziehungen, während das Steinhaus als vermeintlicher Rückzugsort
eine Atmosphäre der Enge und Erstarrung erzeugt. Angerbauer nutzt
die Topografie nicht illustrativ, sondern als integralen Bestandteil
ihrer Figurenzeichnung. Im Zentrum steht ein Paar, dessen Konflikt
weniger aus einzelnen Verfehlungen als aus strukturellen Unvereinbarkeiten
erwächst.
Der
unablässig arbeitende Vater verkörpert eine Form von Leistungsidentität,
die selbst im Ausnahmezustand keine Unterbrechung zulässt. Die
Mutter hingegen ringt um eine kreative Selbstverortung, die nach einem
frühen Erfolg ins Stocken geraten ist. Der Film beschreibt diesen
Konflikt nicht als Schuldfrage, sondern als tragische Parallelität
zweier Lebensentwürfe, die einander nicht mehr erreichen. Besonders
eindrucksvoll ist dabei, wie Angerbauer kreative Arbeit und emotionale
Arbeit miteinander verschränkt und deren ungleiche gesellschaftliche
Wertschätzung sichtbar macht. Die Erweiterung des Figurenensembles
– durch den unkonventionellen Bruder sowie später durch
die Eltern des Protagonisten – öffnet den Blick auf transgenerationale
Muster. Rollenbilder, Opferhaltungen und unterdrückte Wünsche
werden nicht erklärt, sondern in beiläufigen Gesten und
Dialogfragmenten freigelegt. Der Film zeigt, wie familiäre Prägungen
fortwirken, sich verfestigen und in neuen Konstellationen wiederholen,
ohne dabei deterministisch zu argumentieren. Jede Figur bleibt in
ihrer Ambivalenz ernst genommen. Formal zeichnet sich SABBATICAL durch
eine ruhige, kontrollierte Inszenierung aus, die den Zuschauerinnen
und Zuschauern Raum zur eigenen Beobachtung lässt. Angerbauer
vermeidet dramaturgische Zuspitzungen zugunsten einer melancholischen
Offenheit, in der Vorhersehbares und Überraschendes gleichberechtigt
nebeneinanderstehen. Gerade diese Zurückhaltung verleiht dem
Film seine emotionale Durchschlagskraft. Das trostvolle Moment, das
sich am Ende einstellt, ist kein Auflösen der Konflikte, sondern
das Anerkennen von Verletzlichkeit als gemeinsamer Nenner. SABBATICAL
ist ein stiller, kluger Film über die Zumutungen von Nähe,
die Last unausgesprochener Erwartungen und die Schwierigkeit, sich
aus zugeschriebenen Rollen zu lösen. Judith Angerbauer gelingt
ein Debüt von großer Sensibilität und formaler Klarheit,
das lange nachhallt und seine Figuren mit einer seltenen moralischen
Großzügigkeit betrachtet.
SABBATICAL
Start:
05.02.26 | FSK 12
R: Judith Angerbauer | D: Seyneb Saleh, Trystan Pütter, Sebastian
Urzendowsky
Deutschland 2024 | Farbfilm