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KINO | 04.02.2026

ACH, DIESE LÜCKE,
DIESE ENTSETZLICHE LÜCKE

Zwischen Trauerarbeit und ironischer Selbstvergewisserung tastet sich dieser Film durch die Abgründe eines empfindsamen Lebens. „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ erzählt vom Verlust als ästhetischem und gesellschaftlichem Erfahrungsraum. Leichtfüßig, doch nicht frei von Blindstellen, verhandelt er Erinnerung, Herkunft und Selbstbeobachtung.

von Richard-Heinrich Tarenz


© Warner Bros. Pictures

Mit „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“, der am 29. Januar im Kino gestartet ist, setzt Regisseur und Drehbuchautor Simon Verhoeven Joachim Meyerhoffs autobiografischen Romanzyklus fort und wagt sich an einen Stoff, der gleichermaßen von existenzieller Leichtigkeit wie von tiefer Verunsicherung lebt. Der Film bewegt sich dabei bewusst auf dem schmalen Grat zwischen humorvoller Anekdote und melancholischer Selbstbefragung – ein Balanceakt, der nicht immer aufgeht, aber gerade in seiner Unvollkommenheit aufschlussreich ist. Im Zentrum steht der junge Joachim, der nach dem plötzlichen Tod seines Bruders einen biografischen Bruch erlebt, den der Film weniger psychologisch ausbuchstabiert als atmosphärisch umkreist. Die Entscheidung, sich an einer renommierten Schauspielschule zu bewerben und bei den exzentrischen Großeltern in München zu leben, wirkt weniger wie ein zielgerichteter Lebensentwurf denn als tastender Versuch, dem Verlust eine Form zu geben. Der Film macht daraus kein klassisches Trauernarrativ, sondern eine episodische Bewegung zwischen Ritualen, Erinnerungen und sozialen Milieus. Gesellschaftskritisch interessant ist dabei vor allem die Konstellation der Großeltern, die als Repräsentanten eines bildungsbürgerlichen, kultivierten Lebensentwurfs erscheinen. Ihr Alltag, geprägt von festen Abläufen, kultivierter Exzentrik und einer selbstverständlichen Nähe zur Kunst, steht in deutlichem Kontrast zu der Unsicherheit der jüngeren Generation, für die Zugehörigkeit, Selbstverwirklichung und ökonomische wie emotionale Stabilität längst keine Gewissheiten mehr sind. Der Film feiert diese Welt mit sichtbarer Zuneigung, ohne sie jedoch grundsätzlich infrage zu stellen – und genau hier beginnt seine Ambivalenz.


© Warner Bros. Pictures

Während die Schauspielschule als Ort normierter Kreativität und institutionalisierter Selbstoptimierung durchaus satirisch gebrochen wird, bleibt die privilegierte Ausgangsposition des Protagonisten weitgehend unhinterfragt. Trauer, Selbstzweifel und Beobachterhaltung erscheinen als ästhetisch veredeltes Lebensproblem, weniger als soziale Zumutung. In dieser Hinsicht ist der Film, ähnlich wie seine literarische Vorlage, eine Form der autobiografischen Nabelschau, die ihre gesellschaftlichen Voraussetzungen eher voraussetzt als reflektiert. Filmisch überzeugt Verhoeven durch eine elegante, fast beiläufige Inszenierung. Wiederkehrende Bildkompositionen, eine betont nahe Kamera und eine warme, farbintensive Gestaltung verleihen selbst schmerzhaften Momenten eine gewisse Heiterkeit. Diese ästhetische Entscheidung unterstützt den Ton der Vorlage, birgt jedoch auch die Gefahr, Brüche zu glätten und Konflikte zu harmonisieren, die eigentlich nach Schärfe verlangen würden. Getragen wird der Film maßgeblich von Bruno Alexander, der Joachim mit feiner Zurückhaltung und präziser Beobachtungsgabe verkörpert. Seine Darstellung vermeidet große Gesten und verleiht der Figur eine stille Komplexität, die den episodischen Charakter des Films zusammenhält. Die prominenten Nebenrollen fügen sich nahtlos in dieses Ensemble ein und verstärken den Eindruck eines liebevoll ausgestatteten, fast schon theatralischen filmischen Kosmos. So ist „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ ein Film, der mehr über eine bestimmte Haltung zur Welt erzählt als über die Welt selbst. Er reflektiert Trauer, Erinnerung und künstlerische Selbstfindung mit Charme und Sensibilität, bleibt dabei jedoch oft auf der Ebene des Persönlichen verhaftet. Gerade darin liegt seine Stärke – und zugleich seine Begrenzung. Als gesellschaftskritisches Werk ist er eher implizit als offensiv, als filmisches Erlebnis jedoch berührend, unterhaltsam und von einer eigentümlichen, melancholischen Schönheit.


ACH, DIESE LÜCKE, DIESE ENTSETZLICHE LÜCKE

Start: 29.01.26 | FSK 6
R: Simon Verhoeven | D: Bruno Alexander, Senta Berger, Michael Wittenborn
Deutschland 2025 | Warner Bros. GmbH


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