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KINO | 04.02.2026

SEND HELP

Ein Überlebensfilm als bitterböse Arbeitsparabel: „Send Help“ verlegt Machtkämpfe dorthin, wo keine Hierarchien mehr gelten. Sam Raimi verbindet Groteske, Körperkomik und Sozialkritik zu einem kalkulierten Grenzgang. Zwischen Katharsis und Unbehagen entfaltet sich ein präzises Spiel über Arbeit, Geschlecht und Kontrolle.

von Richard-Heinrich Tarenz


© 2025 20th Century Studios. All Rights Reserved.

Mit „Send Help“, der am 29. Januar im Kino gestartet ist, meldet sich Sam Raimi eindrucksvoll in jenem Grenzbereich zurück, den er wie kaum ein anderer Filmemacher beherrscht: dort, wo Horror, Komödie und moralische Zumutung ineinander greifen. Was auf den ersten Blick wie eine reduzierte Survival-Groteske erscheint, entpuppt sich als überraschend präzise Allegorie auf spätkapitalistische Arbeitsverhältnisse, Geschlechterhierarchien und die fragile Natur gesellschaftlicher Macht. Der narrative Kern ist denkbar einfach: Zwei Menschen überleben einen Flugzeugabsturz auf einer einsamen Insel. Doch schon diese Reduktion wirkt wie ein ideologisches Experiment. Linda, eine seit Jahren übersehene Angestellte, und Bradley, ihr frisch gekürter Vorgesetzter, werden aus der vertrauten Ordnung des Konzerns herausgerissen und in einen Raum versetzt, in dem Titel, Status und institutionelle Absicherung keine Gültigkeit mehr besitzen. Raimi nutzt dieses Setting nicht für ein klassisches Heldennarrativ, sondern für eine radikale Umwertung sozialer Kompetenzen. Gesellschaftskritisch besonders aufschlussreich ist, wie der Film Arbeit sichtbar macht. Linda verkörpert jene unsichtbare, oft weiblich konnotierte Kompetenz des Funktionierens: Organisation, Improvisation, Fürsorge, Pragmatismus. Fähigkeiten, die im Büroalltag als selbstverständlich konsumiert werden, werden auf der Insel plötzlich existenziell. Bradley hingegen, der sich zuvor über Autorität, Sprache und Kontrolle definiert hat, kollabiert in dem Moment, in dem Kapitalismus, Delegation und Mikromanagement nicht mehr greifen. „Send Help“ zeigt damit, wie sehr Macht an Systeme gebunden ist – und wie schnell sie sich entleert, wenn diese Systeme verschwinden. Raimi inszeniert diese Umkehrung bewusst als groteskes Schauspiel. Körperlicher Verfall, Erniedrigung und slapstickhafte Qualen sind keine bloßen Effekte, sondern dramaturgische Mittel, um soziale Rollen zu dekonstruieren. Der Film bewegt sich dabei stets auf einem schmalen Grat zwischen gerecht empfundener Katharsis und potenzieller Grausamkeit.


© 2025 20th Century Studios. All Rights Reserved.

Dass er nicht ins Zynische kippt, liegt an der präzisen Figurenführung: Bradley bleibt kein dämonisches Monster, sondern ein unangenehm realistischer Typus – selbstgerecht, passiv-aggressiv, emotional parasitär. Gerade diese Alltäglichkeit macht ihn zum gesellschaftlichen Problemfall. Rachel McAdams’ Starpersona spielt dabei eine zentrale Rolle. Ihre Präsenz widerspricht der traditionellen Vorstellung von der gedemütigten Untergebenen und erzeugt eine produktive Spannung zwischen äußerer Wahrnehmung und innerer Zuschreibung. „Send Help“ reflektiert damit implizit, wie sehr gesellschaftliche Urteile über Kompetenz, Attraktivität und Wert an Bildern hängen – und wie systematisch Frauen unterschätzt werden, gerade wenn sie Anpassungsfähigkeit zeigen. Lindas Transformation ist weniger eine Rachefantasie als eine Korrektur eines lang verzerrten Blicks. Formal bleibt Raimi seinem Stil treu: Die Inszenierung ist präzise, rhythmisch und von einer Lust an physischer Komik getragen, die das Leiden nie ganz naturalistisch werden lässt. Gleichzeitig sorgt die glatte Ästhetik stellenweise für Distanz – das Körperliche wirkt manchmal kalkuliert statt roh. Auch einige narrative Zuspitzungen erscheinen bewusst konstruiert, fast fabelhaft. Doch gerade diese Künstlichkeit unterstreicht den parabolischen Charakter des Films. In seiner gesellschaftlichen Dimension ist „Send Help“ erstaunlich zeitgenössisch. Der Film spiegelt eine Arbeitswelt, in der Loyalität einseitig eingefordert wird, emotionale Arbeit entwertet bleibt und Macht sich hinter Höflichkeit tarnt. Dass Raimi daraus kein didaktisches Lehrstück, sondern ein genüsslich ambivalentes Genreexperiment formt, ist seine größte Stärke. So bleibt „Send Help“ ein Film, der zugleich befreit und irritiert. Er lädt zur Identifikation ein, verweigert aber einfache moralische Absolution. In dieser Spannung liegt seine filmwissenschaftliche Relevanz: als bitterkomische Studie über Arbeit, Macht und das fragile Fundament gesellschaftlicher Ordnung – verpackt in ein Survival-Szenario, das mehr über unsere Gegenwart erzählt, als es auf den ersten Blick preisgibt.


SEND HELP

Start: 29.01.26 | FSK 16
R: Sam Raimi | D: Rachel McAdams, Dylan O'Brien, Edyll Ismail
USA 2025 | Walt Disney Germany


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