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KINO | 11.02.2026

THE MOMENT
Neon, Narzissmus und Narrative

Zwischen Stroboskop und Selbstzweifel entfaltet sich ein kluges Spiel mit der Pop-Ikone. „The Moment“ seziert die Mechanismen weiblicher Stardom-Inszenierung mit satirischer Schärfe. Ein Mockumentary-Experiment über kreative Autonomie im Würgegriff der Verwertungslogik.

von Richard-Heinrich Tarenz


© Universal Pictures

Wenn „The Moment“ am 19. Februar in den Kinos anläuft, betritt kein klassischer Konzertfilm die Leinwand, sondern eine selbstreflexive Versuchsanordnung über weibliche Autorschaft im spätkapitalistischen Popbetrieb. Aidan Zamiris Regiearbeit, entwickelt aus einer Idee von Charli xcx selbst, verabschiedet sich demonstrativ vom gängigen Format der musikdokumentarischen Hagiografie. Statt Backstage-Authentizität und triumphaler Bühnenmomente entfaltet sich ein Mockumentary-Setting, das die Zumutungen des Ruhms und die Ökonomisierung weiblicher Kreativität satirisch zuspitzt. Im Zentrum steht eine überzeichnete Version der Popkünstlerin, deren jüngste Ära von grellen Farbwelten und omnipräsenter Markenästhetik geprägt war. Der Film eröffnet mit einer visuellen Überwältigungsstrategie: pulsierende Lichter, ein Körper im Rhythmus, eine Atmosphäre permanenter Gegenwärtigkeit. Doch kaum ist der ekstatische Auftakt verklungen, setzt die Dekonstruktion ein. Der Rausch weicht Erschöpfung, die Euphorie einem Terminkalender aus Fotoshootings, Videocalls und strategischen Besprechungen. Der „Moment“, der vermeintlich endlos dauern soll, erweist sich als prekäre Konstruktion. Diese Verschiebung ist entscheidend für den erkenntnistheoretischen Zugang zu dieser Mockumentary. „The Moment“ thematisiert die Spannung zwischen Selbstinszenierung und Fremdbestimmung, zwischen künstlerischer Vision und marktwirtschaftlicher Verwertungslogik. Die Protagonistin sieht sich umgeben von einem Geflecht aus Label-Vertretern, Management, Kreativdirektion und einem Filmregisseur, der ihr Werk in ein konsumierbares Narrativ pressen möchte. Die Frage, wem ein weiblicher Popstar „gehört“ – sich selbst oder der Industrie –, durchzieht den Film wie ein subkutanes Leitmotiv. Charli xcx spielt diese Figur mit kalkulierter Ambivalenz. Ihre Darstellung oszilliert zwischen Coolness und Kontrollverlust, zwischen strategischem Kalkül und impulsiver Volatilität. Gerade diese Ambiguität unterläuft das stereotype Bild der „launischen Diva“, das der Popkultur so vertraut ist. Der Film exponiert vielmehr, wie schnell weibliche Entschiedenheit als Egozentrik codiert wird, während männliche Exzentrik als Genie firmiert. Indem die Künstlerin ihre eigene Persona karikiert, eignet sie sich die Deutungshoheit über das Bild zurück, das von ihr zirkuliert. Formästhetisch wählt Zamiri eine Pseudo-Direct-Cinema-Ästhetik, die Nähe suggeriert und zugleich ihre eigene Konstruiertheit offenlegt.


© Universal Pictures

Die Kamera ist anwesend und doch scheinbar beiläufig; sie beobachtet Meetings, Limousinenfahrten, Partys, ohne je vollständig transparent zu werden. Diese Strategie erzeugt eine produktive Irritation: Authentizität erscheint als performativer Akt, nicht als ontologischer Zustand. Gerade in der zweiten Filmhälfte, wenn die Dramaturgie sich zusehends zerfasert und der narrative Drive nachlässt, wird diese Fragmentierung selbst zum Kommentar auf die Überdehnung eines Hypes, der künstlich perpetuiert werden soll. Besonders treffsicher sind jene satirischen Elemente, die die Kommodifizierung des „Moments“ auf die Spitze treiben: Merchandising-Ideen, Markenkooperationen, absurde Werbeformate. In der Überzeichnung einer Pop-Ära, die sich in Kreditkarten-Branding und Lifestyle-Produkte übersetzt, legt der Film die enge Verzahnung von weiblicher Körperlichkeit und Konsum offen. Der weibliche Star wird zur Projektionsfläche und Verkaufsfläche zugleich – eine Doppelrolle, die „The Moment“ mit ironischer Schärfe freilegt. Zugleich positioniert sich der Film intertextuell im Spannungsfeld zwischen fingierter Dokumentation und Selbstparodie. Die Anspielungen auf frühere Mockumentaries und selbstmythologisierende Künstlerporträts sind unübersehbar, doch Zamiri und sein Team transformieren diese Referenzen in ein genuin gegenwärtiges Statement über Social-Media-Kultur und Dauerpräsenz. Cameo-Auftritte aus dem Celebrity-Kosmos verstärken den Eindruck einer Welt, in der Selbstvermarktung zur zweiten Natur geworden ist. Trotz struktureller Unebenheiten – insbesondere einer gewissen dramaturgischen Ermüdung im Mittelteil – überzeugt „The Moment“ als feministisches Meta-Pop-Statement. Der Film verweigert die simple Erfolgsgeschichte und ersetzt sie durch eine Untersuchung jener Kräfte, die Erfolg definieren und instrumentalisieren. Indem Charli xcx die Mechanismen ihrer eigenen Ikonisierung offenlegt, betreibt sie eine Form der künstlerischen Selbstermächtigung. Am Ende steht kein finaler Triumph, sondern ein Abschied von einer Ära – und die Einsicht, dass jeder „Moment“ ein Konstrukt ist, das sich nicht endlos konservieren lässt. Gerade darin liegt die emanzipatorische Geste dieses Films: Er akzeptiert die Vergänglichkeit des Hypes und behauptet die Autonomie der Künstlerin jenseits seiner Vermarktung. „The Moment“ ist somit weniger Konzertfilm als kulturkritische Intervention – ein kluger, selbstironischer Beitrag zur Frage, wie weibliche Kreativität im 21. Jahrhundert sichtbar wird und sichtbar gemacht wird.


THE MOMENT

Start: 19.02.26 | FSK 12
R: Aidan Zamiri | D: Charli xcx, Rosanna Arquette, Alexander Skarsgård
Großbritannien, USA 2026 | Universal Pictures Germany


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