Ein Film
über den leisen Zerfall einer bürgerlichen Komfortzone –
präzise beobachtet, aber selten riskant. „Die Ältern“
seziert männliche Selbstgewissheiten im Spätstadium der
Familienidylle. Zwischen feiner Alltagsbeobachtung und erzählerischer
Glätte bleibt die Krise merkwürdig folgenlos. Ein Film,
das mehr Fragen aufwirft, als es sich zu stellen traut.
Mit
„Die Ältern“, der am 12. Februar in den Kinos startet,
widmet sich der Film einem Sujet, das im deutschen Gegenwartskino
immer wiederkehrt: der Krise des saturierten Mannes in der zweiten
Lebenshälfte. Im Zentrum steht Hannes, ein Erfolgsautor, Familienvater
und Inbegriff liberaler Selbstzufriedenheit, dessen sorgfältig
eingerichtetes Leben nicht durch äußere Katastrophen, sondern
durch schleichende Verschiebungen ins Wanken gerät. Der Film
entscheidet sich bewusst gegen das Drama des großen Knalls –
und genau darin liegen sowohl seine Stärke als auch seine Begrenzung.
Die Inszenierung entwirft zunächst ein Bild vorbildlicher Harmonie:
beruflicher Erfolg, ökonomische Sicherheit, eine architektonisch
makellose Wohnwelt und ein Vater, der sich moderner Fürsorge
verschrieben hat. Hannes’ Nähe zur Küche, seine pädagogische
Geduld und sein demonstrativ ironischer Umgang mit Autorität
markieren ihn als Gegenentwurf zum patriarchalen Vatermodell. Filmisch
wird diese Ordnung durch eine glatte, wohltemperierte Bildsprache
gestützt, in der Konflikte eher angedeutet als ausgestellt werden.
Der Zerfall dieser Ordnung vollzieht sich folgerichtig nicht als Bruch,
sondern als Entzug: der Sohn gerät schulisch ins Schlingern,
die Tochter grenzt sich ab, die Ehefrau artikuliert ihre Unzufriedenheit,
ohne sie zu dramatisieren. Der Film beschreibt diese Entwicklungen
mit psychologischem Realismus, verweigert ihnen jedoch eine strukturelle
Zuspitzung. Die Krise erscheint weniger als existenzielles Problem
denn als Irritation einer bislang reibungslos funktionierenden Selbstwahrnehmung.
Filmwissenschaftlich interessant ist dabei, dass „Die Ältern“
seine Hauptfigur konsequent im Zentrum hält und die Perspektive
kaum verlässt. Alles wird durch Hannes’ Blick gefiltert
– auch die vermeintlichen Zumutungen der anderen.
Diese
formale Entscheidung verstärkt den Eindruck, dass der Film weniger
an der Familie als System interessiert ist als an der narzisstischen
Erschütterung eines Mannes, der nicht bemerkt hat, wie sehr sich
sein Leben bereits von selbst verändert hat. Die Umgebung bleibt
dabei auffallend wohlwollend: Probleme lösen sich schnell, neue
Optionen stehen bereit, Verluste sind stets reversibel. Gerade hierin
liegt der ambivalente Kern des Films. Einerseits überzeugt „Die
Ältern“ durch seine präzise Beobachtung kleinbürgerlicher
Rituale, durch das Gespür für Situationen, die vielen Zuschauenden
vertraut sein dürften, und durch ein ruhiges Erzähltempo,
das auf Überzeichnung verzichtet. Andererseits scheut der Film
die Konsequenz. Die Trennung der Ehe wird nicht vertieft, die berufliche
Krise bleibt episodisch, und neue Beziehungsmöglichkeiten erscheinen
beinahe zu reibungslos, um wirklich als Herausforderung zu funktionieren.
Auch die Dialogführung trägt zu dieser Glättung bei.
Während frühere Ensemblefilme des Regisseurs von sprachlicher
Schärfe und pointierter Eskalation lebten, bleiben die Gespräche
hier auffallend spannungsarm. Konflikte werden benannt, aber selten
ausgefochten. Dadurch entsteht ein Film, der in der Summe weniger
über gesellschaftliche Verwerfungen spricht als über das
Unbehagen eines Milieus, das sich existenziell bedroht fühlt,
ohne es tatsächlich zu sein. Der symbolische Ausbruch der Hauptfigur
in eine exotische Landschaft am Ende des Films unterstreicht diese
Problematik. Was als Metapher für Selbstsuche und Neuanfang gedacht
ist, wirkt eher wie eine narrative Ausweichbewegung, die die zuvor
etablierten Konflikte nicht vertieft, sondern ästhetisch entschärft.
Die Krise wird externalisiert, statt in den sozialen Beziehungen verhandelt
zu werden. „Die Ältern“ ist damit ein sorgfältig
gemachter, gut gespielter und angenehm unaufgeregter Film, der jedoch
genau dort zögert, wo er schärfer werden könnte. Er
beobachtet die Erosion männlicher Selbstgewissheit, ohne sie
wirklich infrage zu stellen. Als Spiegel einer wohlhabenden, alternden
Generation ist das aufschlussreich – als filmische Krisenerzählung
bleibt es kontrolliert, komfortabel und letztlich folgenarm.
DIE ÄLTERN
Start:
12.02.26 | FSK 6
R: Sönke Wortmann | D: Sebastian Bezzel, Anna Schudt, Kya-Celina
Barucki
Deutschland 2026 | Constantin Film Verleih