Ein grantiger
Außenseiter, eine unbeirrbare Optimistin und ein Haus voller
Dämonen. Zwischen poetischem Surrealismus und sozialrealistischer
Parabel oszilliert Nicolas Steiners Film. Visuell von bestechender
Kraft, dramaturgisch nicht ohne Brüche.
Mit
„Sie glauben an Engel, Herr Drowak?“, der am 19. Februar
in den Kinos startet, legen Autorin Bettina Gundermann, Regisseur
Nicolas Steiner und Kameramann Markus Nestroy ein Werk vor, das sich
bewusst zwischen Märchenparabel, Sozialdrama und surrealer Groteske
positioniert. Der Film erzählt von einem isolierten alten Mann
und einer jungen Frau, die sich im Rahmen eines behördlich initiierten
Integrationsprojekts begegnen – eine Konstellation, die auf
dem Papier vertraut wirkt, in der konkreten Ausgestaltung jedoch ästhetisch
ambitionierte Wege beschreitet. Hugo Drowak, verkörpert von Karl
Markovics mit stoischer Verbitterung, lebt in einer Welt aus Leergut
und Selbstverachtung. Sein Wohnraum erscheint weniger als Ort denn
als sedimentierte Biografie: Flaschen türmen sich wie Chroniken
verfehlter Versuche, die Einsamkeit zu betäuben. Ratten –
reale wie imaginiere – bevölkern diesen Kosmos, fungieren
als Chiffren innerer Zersetzung. Die Figur ist zunächst als karikaturhafte
Variante des „grantigen Alten“ eingeführt, ein Typus,
der Unmut physisch und verbal in die Umwelt schleudert. Doch der Film
unterläuft diese Typisierung, indem er Drowaks Innenwelt schrittweise
freilegt. Die narrative Gegenkraft bildet die Studentin Lena Jakobi
(Luna Wedler), die im Rahmen eines Programms zur Reintegration sozial
isolierter Menschen einen Schreibkurs anbietet. Ihr Optimismus wirkt
beinahe überzeichnet, eine Inszenierung von Heiterkeit als Widerstandsform
gegen die umgebende Tristesse. Dramaturgisch erfüllt sie die
Funktion der Katalysatorfigur: Sie soll Bewegung in ein erstarrtes
Leben bringen. Diese Konstellation folgt einem klassischen Transformationsnarrativ,
bleibt jedoch nicht frei von Klischees. Lenas Beharrlichkeit gerät
mitunter zur dramaturgischen Notwendigkeit, weniger zur psychologischen
Plausibilität. Was den Film jedoch deutlich über konventionelle
Sozialdramen hinaushebt, ist seine visuelle Konzeption. Markus Nestroys
Kamera entwirft einen Bildraum, der von Brutalismus und Poesie zugleich
geprägt ist. Die Architektur – massive Betonkomplexe, enge
Treppenhäuser – wird in strengen, oft statischen Kompositionen
gefasst. Spiegelungen, ungewöhnliche Perspektiven und visuelle
Brechungen eröffnen Zwischenräume des Sehens. Besonders
eindrücklich ist eine Szene, in der eine Menschenansammlung vor
Drowaks Haus lediglich über ein kleines, am Fenster angebrachtes
Spiegelobjekt sichtbar wird – ein subtiles Spiel mit Blickregimen
und sozialer Unsichtbarkeit. Die Farbdramaturgie fungiert als zentrales
semantisches Instrument. Während die Gegenwart in kühlen,
nahezu monochromen Bildern gehalten ist, erscheinen Erinnerungen an
eine verlorene Liebe in gesättigten, warmen Tönen.
Diese
ästhetische Dichotomie schreibt sich als visuelle Metapher in
die Narration ein: Farbe steht für emotionale Intensität,
Entsättigung für Entfremdung. Bemerkenswert ist die graduelle
Veränderung der Rückblenden: Je stärker sich die einstige
Beziehung als brüchig erweist, desto mehr verlieren auch diese
Bilder ihre Leuchtkraft. Hier verbindet sich psychologische Entwicklung
mit filmischer Form auf überzeugende Weise. Gleichzeitig riskiert
der Film in seinen surrealen Elementen eine gewisse Inkonsistenz.
Die halluzinatorischen Erscheinungen humanoider Rattenwesen oszillieren
zwischen grotesker Überhöhung und unfreiwilliger Komik.
Ihre symbolische Funktion – Verkörperung innerer Dämonen
– ist zwar evident, doch die konkrete Umsetzung wirkt stellenweise
zu plakativ, um die angestrebte existenzielle Tiefe vollständig
einzulösen. Hier zeigt sich eine der zentralen Ambivalenzen des
Films: Sein Mut zur ästhetischen Exzentrik ist bewundernswert,
führt jedoch nicht immer zu narrativer Stringenz. Auch auf der
Figurenebene bleibt nicht alles eingelöst. Nebenfiguren –
etwa der exzentrisch angelegte Amtsleiter oder Lenas kurz angedeutete
Liebesbeziehung – erscheinen eher als episodische Einsprengsel
denn als integrale Bestandteile des Erzählgefüges. Der Fokus
liegt konsequent auf Drowak, was dessen psychologischer Ausleuchtung
zugutekommt, zugleich aber das soziale Umfeld unterkomplex erscheinen
lässt. Die strukturelle Kritik an gesellschaftlicher Vereinzelung
wird zwar benannt, jedoch nicht in ihrer institutionellen Tiefe durchdrungen.
Dennoch
entfaltet „Sie glauben an Engel, Herr Drowak?“ eine beachtliche
emotionale Resonanz. Indem der Film die Frage nach „Engeln“
nicht religiös, sondern metaphorisch versteht – als Möglichkeit
von Zuwendung, von Glauben an Veränderbarkeit –, formuliert
er eine zeitlose Botschaft über Solidarität mit den Unsichtbaren.
Die Schreibübungen fungieren dabei als poetologisches Motiv:
Schreiben wird zum Akt der Selbstvergewisserung, zum Medium der Reartikulation
eines beschädigten Subjekts. So bleibt der Film in seiner Gesamtheit
ein Werk der produktiven Widersprüche. Visuell von großer
Originalität, thematisch relevant und schauspielerisch überzeugend,
leidet er gelegentlich unter dramaturgischer Unausgewogenheit und
symbolischer Überdehnung. Doch gerade diese Unebenheiten zeugen
von einem ernsthaften künstlerischen Wagnis. Ab dem 19. Februar
wird sich im Kinosaal zeigen, wie sehr dieses Wagnis trägt. Sicher
ist: „Sie glauben an Engel, Herr Drowak?“ ist kein gefälliger
Film. Er fordert Aufmerksamkeit, Geduld und die Bereitschaft, sich
auf eine eigenwillige Bildwelt einzulassen – und belohnt diese
Bereitschaft mit Momenten von berührender, bisweilen verstörender
Schönheit.
SIE GLAUBEN AN ENGEL, HERR DROWAK?
Start:
19.02.26 | FSK 12 | R: Nicolas Steiner | X Verleih
D: Karl Markovics, Luna Wedler, Lars Eidinger | Deutschland, Schweiz
2024